Geht Russland im Ukraine-Krieg die Luft aus? In der Bildmontage: Ein zerstörter russischer Panzer im Vordergrund, im Hintergrund ein Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Geht Russland im Ukraine-Krieg die Luft aus?

Bildrechte: picture alliance/ZUMAPRESS.com | Beata Zawrzel, picture alliance/dpa/TASS | Mikhail Tereshchenko, picture alliance/abaca | Lafargue Raphael/ABACA; Montage: BR;
    > Wissen >

    Geht Russland im Ukraine-Krieg die Luft aus?

    Geht Russland im Ukraine-Krieg die Luft aus?

    Im Donbass kommt die russische Armee kaum voran, im Süden ist die Ukraine auf Rückeroberungszug – und wird vom Westen spürbar aufgerüstet. Geht Russland die Luft aus? Possoch klärt!

    Die russischen Truppen kommen im Osten der Ukraine langsamer voran als erwartet: Immer wieder musste Putin in den vergangenen Monaten militärische Rückschläge einstecken und seine Kriegsziele anpassen. Für Militärökonom Marcus Keupp besteht die russische Kriegsführung aus "Dauer-Improvisationen, die einfach daraus folgen, dass der Krieg nicht so läuft, wie man ihn sich vorgestellt hat."

    Der ehemalige Bundeswehr-Oberst Ralph Thiele mahnt indes zur Vorsicht: Zwar habe Russland strategisch und militärisch "abenteuerliche Fehler" gemacht, doch Putins Truppen sollten laut Thiele nicht unterschätzt werden. Haben wir Russland tatsächlich falsch eingeschätzt oder stehen wir am Anfang der Niederlage Putins?

    Kampf um den Donbass: Masse oder Strategie?

    Den rein zahlenmäßigen Vergleich zwischen den beiden Armeen würde Russland für sich entscheiden, sagt Oberst a. D. Ralph Thiele: "In der Spitze haben die Russen bis zu 20.000 Geschosse, Artilleriegeschosse, die sie am Tag einsetzen, die Ukraine in der Masse 6.000, manchmal waren es eben nur 2.000."

    Doch die Masse der Systeme allein reicht jedoch nicht aus, hält der Militärökonom Marcus Keupp dagegen. Stattdessen komme es auf den Einsatzwert der Systeme an.

    "Sie schießen erstmal alles kaputt"

    Dabei stößt Russland laut Keupp derzeit im Osten der Ukraine an seine Grenzen:

    "Die Ukrainer haben nun einfach den Vorteil, dass sie sich entlang der sogenannten 'Kontaktlinie', also am Donezk-Fluss, im Prinzip schon seit 2015, eingegraben haben. Und dass es für die Russen trotz dieser enormen Materialüberlegenheit nicht möglich ist, diese Kontaktlinie zu überwinden, zumindest nicht so, wie man den Krieg richtig führen würde, also mit einem kombinierten Vorgehen von Artillerie, Infanterie und Luftwaffe. Und deswegen machen die Russen Folgendes – wie die Sowjetunion übrigens auch früher in ihrer Militärdoktrin hatte – sie schießen erstmal alles kaputt mit Artillerie und danach rückt die Infanterie langsam vor." Marcus Keupp, Militärökonom

    Das sei einer der Gründe, warum der Vormarsch im Osten der Ukraine nur langsam vorangeht. Die Position der russischen Truppen im Donbass ist logistisch durch die Nähe zu von Russland kontrollierten Gebieten eigentlich von Vorteil. Und doch: Statt der potenziell möglichen 30 Kilometer Panzervorstoß pro Tag kämen die russischen Truppen derzeit nur einen Kilometer am Tag voran, sagt Keupp: "Wenn sie diesen Krieg lehrbuchmäßig geführt hätten, dann müssten sie schon in Portugal stehen."

    Russland will auf Kriegswirtschaft umstellen

    Auf einen so langwierigen Krieg in der Ukraine scheint Russland nicht eingestellt gewesen zu sein, analysieren Experten. Zudem zeigen mehrere Studien wie jene von der amerikanischen Yale-Universität inzwischen, dass und wie effektiv die westlichen Sanktionen Russland wirtschaftlich schwächen.

    Um dennoch aufrüsten zu können, plant der Kreml, nun auf Kriegswirtschaft umzustellen: Über einen entsprechenden Vorschlag, der der Regierung ermöglicht, sogenannte "Spezialmaßnahmen" für Militäreinsätze im Ausland zu erlauben, wird derzeit entschieden. Arbeiter in der russischen Rüstungsindustrie dürften dann auch gegen ihren Willen jederzeit zu Arbeiten herangezogen werden.

    Russland: Vom Westen sanktioniert, doch längst nicht isoliert

    Trotz westlicher Sanktionen gibt sich der russische Präsident Wladimir Putin zuversichtlich. Moskau setzt auf internationale Partnerschaften, um die Sanktionen des Westens abfedern zu können. Seit Jahren unterhält Russland gute Beziehungen zu Ländern des globalen Südens und der sogenannten MENA-Region, also dem Nahen Osten und Staaten Nordafrikas: "Echte Verbündete hat Russland wenige – Partner viele," sagt Hanna Notte vom James Martin Center for Nonproliferation Studies. Sie beobachtet und analysiert diese Beziehungen schon lange.

    "Diese Partnerschaften, zum Beispiel in der Nahost-Region, sind vor allem wirtschaftlich und politisch. Sie basieren meiner Meinung nach auch nicht auf gegenseitigem, echten Vertrauen oder strategischer Tiefe, sondern diese Staaten, die mit Russland in bestimmten Bereichen zusammenarbeiten, tun das ganz klar aus Eigeninteresse, aus einem strategischen Kalkül, um eine Gratwanderung zwischen Russland, China und westlichen Staaten zu meistern." Hanna Notte, Russlandexpertin

    Jedes dieser Länder habe eigene, spezifische Interessen, die eine Zweck-Partnerschaft mit Russland wertvoller machten, als sich den Sanktionen des Westens anzuschließen. Für Russland wiederum seien diese Beziehungen nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern sollen auch politisch ein Signal senden: westliche Sanktionen allein reichen nicht, um Russland zu isolieren.

    Zwischen Chance und Risiko: Die Sonderrolle der Türkei

    Mit Blick auf die außenpolitischen Beziehungen Russlands hat der Nato-Mitgliedstaat Türkei eine Sonderstellung inne: "Ich glaube, der Türkei kommt heute eine extrem wichtige Rolle zu in dieser strategischen Gemengelage zwischen Russland auf der einen Seite und der Nato auf der anderen Seite." Kein anderes Mitglied der Nato spreche so häufig mit Russland wie die Türkei. Erst diese Woche ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für Gespräche erneut nach Sotschi in Russland gereist.

    "Russland operiert in der Nachbarschaft der Türkei. Die Türkei hat vitale Sicherheitsinteressen in einem Land wie Syrien zum Beispiel. Die Türkei kann es sich aus eigenem Verständnis gar nicht erlauben, nicht mit Russland zu reden." Hanna Notte, Russlandexpertin

    Für Putin bietet die Beziehung zu der Türkei eine Möglichkeit, für Unruhe innerhalb des Nato-Bündnisses zu sorgen. Dennoch würde die Türkei von einem zunehmend erstarkenden Nachbarn Russland am Schwarzen Meer nicht profitieren. Im Zuge des geopolitischen Balanceakts zwischen Russland und der Nato schätzt die Türkei den Wert der eigenen Nato-Mitgliedschaft durchaus wert, analysiert Notte im aktuellen "Possoch klärt".

    "Kriegsentscheidend": Gegenoffensive im Süden

    Eine Prämisse dafür, dass die Ukraine sich derzeit gut gegen die russischen Truppen behaupten kann, sind die Waffenlieferungen aus dem Westen. Mithilfe von amerikanischen HIMARS-Raketenwerfern kann die Ukraine etwa russische Munitionslager oder Logistikwege gezielt zerstören. Und: Aus Großbritannien gelieferte Spezialflugkörper halten die russische Flotte im Schwarzen Meer in Schach.

    Das ermöglicht ukrainischen Soldaten, eine Einnahme wichtiger Hafenstädte wie Odessa durch russische Truppen zu erschweren und die Gegenoffensive im Süden des Landes zu planen. Der Ausgang dieser Offensive könne kriegsentscheidend sein, glaubt Militärökonom Marcus Keupp. Im Süden sei die russische Front sehr ausgedünnt.

    Im Video oben erfahren Sie, ob Russland im Ukraine-Krieg bald die Luft ausgeht, und was dafür beziehungsweise dagegen spricht.

    "Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!