BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: dpa/pa

In einzelnen Fällen war es bei Geburtseinleitungen mit Cytotec zu schweren Komplikationen für Mutter und Kinder gekommen. Jetzt gibt es neue ärztliche Leitlinien. Reicht das?

3
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Geburtseinleitung mit Cytotec: Gefahr durch zu hohe Dosis

Das Medikament Cytotec wird in Deutschland mitunter sehr hoch dosiert. Darauf deuten Behörden-Unterlagen, Patientenakten und wissenschaftliche Umfragen hin. Das sei gefährlich, sagen mehrere Mediziner.

3
Per Mail sharen
Von
  • Eva Achinger
  • Ann-Kathrin Wetter

"Nach dieser Erfahrung möchte ich kein Kind mehr", erzählt Nadine Fraas aus Bayern. Eigentlich heißt sie anders, aber sie will aufgrund eines laufenden Verfahrens gegen ihre Geburtsklinik anonym bleiben. Die Mutter ist eine von zahlreichen Frauen, die sich an den Bayerischen Rundfunk gewendet haben, um über Cytotec zu sprechen. Ihre Tochter sei gesund, ein glückliches Kind, sagt Nadine Fraas, aber sie selbst kämpfe seit Jahren mit der für sie traumatischen Geburtserfahrung: heftige schnelle Wehen, Notkaiserschnitt. Sie fragt sich, ob sie eine zu hohe Dosis des Medikaments Cytotec bekommen hat?

Jede fünfte Geburt wird eingeleitet

Bei Nadine Fraas musste die Geburt ihrer Tochter eingeleitet werden, das heißt künstliche Wehen wurden erzeugt. In Deutschland geschieht das bei jeder fünften Geburt. Gründe dafür können Terminüberschreitung oder ein vorzeitiger Blasensprung sein. Umfragen zufolge wird bei einem Großteil der eingeleiteten Geburten Cytotec verwendet bzw. der Wirkstoff Misoprostol, der in den Tabletten steckt.

Nebenwirkung "Wehensturm"

Im Februar hatten der BR und die Süddeutsche Zeitung über Fälle berichtet, die nicht so gut ausgegangen sind wie bei Nadine Fraas. Es ging um schwere Komplikationen im Zusammenhang mit dem Medikament Cytotec bei der Geburtseinleitung. In einzelnen Fällen war es nach den Recherchen zu Gebärmutterrissen oder zu einem Hirnschaden beim Kind gekommen. Das Medikament Cytotec kann einen Wehensturm auslösen, der auch das Kind gefährden kann, wenn Ärztinnen und Ärzte nicht gegensteuern.

Verdachtsmeldungen sprunghaft angestiegen

Seit der Berichterstattung im Februar sind die Verdachtsmeldungen bei der zuständigen Überwachungsbehörde sprunghaft angestiegen. Inzwischen liegen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rund 400 Meldungen zu Nebenwirkungen bei der Gabe von Cytotec zur Geburtseinleitung vor. Gemeldet wurden teils schwere Komplikationen wie etwa 19 Gebärmutterrisse, zwei verstorbene Mütter und drei verstorbene Kinder.

Fälle sollen aufgearbeitet werden

Das BfArM erklärt, im Einzelfall sei ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Medikament und der Komplikation nicht erwiesen. Diese rund 400 Fälle müssten aufgearbeitet werden, sagt Sven Kehl, Leiter der Geburtshilfe der Universitätsklinik Erlangen und Experte der Deutschen Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Der Mediziner setzt die Verdachtsmeldungen ins Verhältnis zu den 150.000 bis 200.000 Geburtseinleitungen, die jährlich in Deutschland stattfinden, ein Großteil davon mit Misoprostol. "Da gibt es naturgemäß immer den einen oder anderen Fall, der vielleicht nicht so optimal ausgeht." Die gutachterliche Praxis zeige, sagt Sven Kehl, dass das Problem meist nicht das Medikament an sich sei, sondern der falsche Umgang damit.

"In den Händen eines Unerfahrenen kann Cytotec lebensgefährlich sein"

Einen Großteil der beim BfArM eingegangenen Verdachtsmeldungen konnten BR Recherche und BuzzFeed News einsehen. Die Daten zeigen, dass mitunter Einzeldosen von 100 Mikrogramm des Mittels eingesetzt wurden. Zu viel, meint Friedrich Wolff, ehemaliger Chefarzt einer Frauenklinik in Köln. Das habe bereits vor mehr als zehn Jahren eine Studie mit mehr als 200 Frauen ergeben, die Wolff damals durchgeführt hatte. Als erste Dosis hatten alle Frauen 50 Mikrogramm Misoprostol bekommen, die Hälfte der Frauen bekam danach 100 Mikrogramm.

Das Ergebnis: "Bei der hohen Dosierung haben zehn Prozent der Frauen einen Wehensturm bekommen, der das Kind gefährden kann", sagt Wolff. Bei niedriger Dosierung sei das so gut wie nie vorgekommen. Der Mediziner warnt davor, das Medikament Cytotec anzuwenden, wenn die Klinik schlecht besetzt ist. "Das ist in meinen Augen gefährlich", sagt der Geburtshelfer. Eine gute Überwachung von Mutter und Kind sei zentral. "In den Händen eines Erfahrenen ist Cytotec ein ganz wertvolles Medikament, aber in den Händen eines Unerfahrenen kann es lebensgefährlich sein."

Weltgesundheitsorganisation empfiehlt niedrige Dosis

Friedrich Wolff ist nicht alleine mit seiner Einschätzung. Auch die Weltgesundheitsorganisation zählt Misoprostol zu den wichtigsten Wirkstoffen für die Geburtshilfe, allerdings liegt die empfohlene Dosis für die Geburtseinleitung bei 25 Mikrogramm alle zwei Stunden. "Ich glaube, wenn sie alle Gesundheitsbehörden dieser Welt befragen, dann werden die einen 25, die anderen vielleicht 50 Mikrogramm zur Geburtseinleitung empfehlen, aber nicht mehr", sagt Andrew Weeks.

Der Professor für internationale Frauenheilkunde an der Universität Liverpool forscht seit 1995 zu Misoprostol und kann sich die Anwendung von 100 Mikrogramm-Einzeldosen nicht erklären. Auf die Frage, warum Geburtshelferinnen und Geburtshelfer in Deutschland mitunter sehr hohe Dosen einsetzen, antwortet Sven Kehl, der Experte der Deutschen Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, dass deutsche Ärzte viel Erfahrung mit Wirkstoffen wie Misoprostol hätten. Nicht alle Schwangeren seien gleich, man wolle individuell auf sie eingehen.

Zerschneiden, Zerbröseln, in Wasser auflösen

Eine bisher unveröffentlichte Studie der Universität Lübeck zeigt ein weiteres Problem: "Einige zerschneiden die Cytotec-Tablette, andere zerbröseln sie oder lösen das Medikament in Wasser auf, das ist ganz uneinheitlich", sagt die Studien-Autorin und Hebammenwissenschaftlerin Christiane Schwarz. Sie hat über 400 Hebammen bundesweit zu ihrem Umgang mit Cytotec befragt, ein großer Teil dieser Hebammen arbeitet in einer Klinik und verabreicht Medikamente nach Anweisung von Ärzten. Laut dieser Online-Umfrage, die BR und BuzzFeed News vorliegt, geben 40 Prozent der Befragten an, Schwangeren zerteilte Tabletten verabreicht zu haben. Die Studie ist nicht repräsentativ, zeigt aber ein breites Stimmungsbild aus deutschen Kliniken.

Überdosierung mit Nebenwirkungen

Dass die optimale Dosierung nicht einfach in der Packungsbeilage steht, liegt daran, dass Cytotec für die Geburtsmedizin nie zugelassen wurde. Ärzte verwenden es im sogenannten Off-Label-Use, das ist innerhalb der Therapiefreiheit möglich. Eine Cytotec-Tablette enthält 200 Mikrogramm des Wirkstoffs Misoprostol. Für die Geburtseinleitung sind aber nur ein Viertel bzw. ein Achtel der Wirkstoffmenge nötig. Werden die Tabletten händisch zerteilt, könne es zu Wirkstoffschwankungen kommen, erklärt der Fachapotheker der Universitätsklinik Erlangen Ralph Heimke-Brinck. "Wenn man 30 oder 40 Prozent mehr Wirkstoff hat, kann es zu einer Überdosierung mit Nebenwirkungen kommen. Im schlimmsten Fall kann das zu Schädigungen des Kindes führen oder die Gebärmutter kann reißen." Heimke-Brinck stellt aus diesem Grund für das Klinikum Erlangen ein eigenes Präparat in Kapseln her, in denen der Wirkstoff sehr genau und sehr gering dosiert werden kann. Viele Klinikapotheken in Deutschland stellen ein eigenes Präparat her.

Bundesbehörde warnt vor ungenauer Dosierung

Auf die Teilungsproblematik machte im März auch das Bundesinstitut BfArM aufmerksam. In einem Warnschreiben, einem Rote-Hand Brief, an Ärztinnen und Ärzte stellte die Behörde unter anderem klar, dass die Cytotec Tablette nicht zur Teilung vorgesehen sei, weil daraus eine "ungenaue Dosierung" resultiere. Außerdem gebe es alternative, zugelassene Medikamente zur Geburtseinleitung.

Mangelnde Aufklärung?

Nadine Fraas gehört zu den Frauen, die laut Patientenakte mehrfach 100 Mikrogramm Misoprostol zur Geburtseinleitung bekommen haben. In dem Cytotec-Aufklärungsbogen ihrer Klinik wird der Wirkstoff Misoprostol in "niedriger Dosierung" als eine sichere Methode empfohlen. Was laut Weltgesundheitsorganisation auch zutreffend ist. Fraas aber bekam ein Vielfaches davon und habe extreme, heftige Wehen gespürt, dann seien die Herztöne ihrer Tochter abgefallen.

Die Geburt endete in einem Notkaiserschnitt, erzählt Nadine Fraas, und bis heute verfolgen sie Schuldgefühle, dass sie ihre Tochter nicht "normal" zur Welt gebracht habe. "Ich weiß, jeder Eingriff hat Nebenwirkungen, aber ich hätte gerne die Möglichkeit gehabt, mich zu entscheiden", sagt Fraas. Mit keinem Wort sei erwähnt worden, dass es zu einem Wehensturm kommen könnte. Die Geburtsklinik hat zu den Vorwürfen auf Anfrage des BR nicht Stellung bezogen.

Neue Leitlinie gibt Frauen mehr Mitbestimmung

Anfang Dezember hat die Deutsche Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz und Österreich Empfehlungen veröffentlicht. Die umfassen auch den Umgang mit dem Wirkstoff Misoprostol.

Unterm Strich gibt die Leitlinie Frauen mehr Mitbestimmungsrecht. Sie müssen explizit über die Risiken, wie zum Beispiel einen Gebärmutterriss, aufgeklärt werden. Eine klare Angabe, wieviel Misoprostol in welchen Zeitabständen verabreicht werden soll, findet sich in den Empfehlungen aber nicht. Sie gäben vielmehr einen Rahmen vor, sagt Sven Kehl, der an der Leitlinie mitgeschrieben hat. "Problematisch und weiterhin unklar ist die optimale Dosierung", heißt es in der Leitlinie. Eine höhere Dosis sei zwar effektiver, habe aber auch mehr Nebenwirkungen.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!