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Wiesen-Salbei, Schafgarbe oder Wiesen-Labkraut: Im Biosphärengebiet Schwäbische Alb läuft das Pilotprojekt "Bienenstrom".
© Biosphärengebiet Schwäbische Alb/Katrin Ströhle

Autoren

Anja Bühling
© Biosphärengebiet Schwäbische Alb/Katrin Ströhle

Wiesen-Salbei, Schafgarbe oder Wiesen-Labkraut: Im Biosphärengebiet Schwäbische Alb läuft das Pilotprojekt "Bienenstrom".

Elf Landwirte, Blühpaten genannt, nehmen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb am Pilotprojekt "Bienenstrom" teil. Sie alle haben statt Monokulturen mit Mais verschiedene Wildpflanzenmischungen auf ihren Feldern ausgebracht. So sind insgesamt 14 Hektar Lebensraum für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Grillen, aber auch für Vögel und kleine Säugetiere entstanden.

Wildblumen für Insekten, Bodenbrüter, Jungtiere

Die Aussaat der Wildpflanzenmischung dient nicht nur der Insektenvielfalt. Da diese Felder erst ab Ende Juli gemäht werden, verringert sich auch die Gefahr, bodenbrütenden Vögeln oder im Feld Schutz suchenden Jungtieren wie Rehkitzen zu schaden.

Dank der dauerhaften Begrünung nimmt zudem die Bodenerosion ab und der Boden wird humusreicher. Weil die Saat auf fünf oder mehr Jahre optimiert sein soll, fallen für die teilnehmenden Landwirte nur einmalige Saatkosten in dieser Zeit an und der Boden muss nicht so viel bearbeitet werden wie beim Anbau von Mais oder Raps. In der Regel kann auch auf Pflanzenschutzmittel verzichtet und Düngemittel eingespart werden.

Gegen das Insektensterben und dabei Ökostrom produzieren

Einer der "Blühpaten" ist der Landwirt Ingo Müller mit seinem Hof nahe Münsingen. Er möchte mit seinen blühenden Wiesen zum einen etwas gegen das Insektensterben tun, zum anderen will er seine Mahd für die Biogasproduktion verwenden. Voraussichtlich wird er mit den blühenden Wildkräutern weniger Biomasse produzieren als etwa mit Mais. Daher wird am Ende auch weniger Ökostrom herauskommen.

"Bienenstrom": Förderung durch die Stadtwerke

Aber: "Kein Landwirt kann sich erlauben, nebenberuflich Naturschutz zu machen. Da braucht es Unterstützung", so Achim Nagel, Leiter der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Zusammen mit den Stadtwerken Nürtingen wollen die Naturschützer den beteiligten Landwirten deshalb unter die Arme greifen. "Die Stadtwerke unterstützen die Bauern mit einer Förderung“, erklärt Manfred Albiez, Projektleiter bei den Stadtwerken. Aus dem Erlös ihres "Bienenstroms", wie die Initiatoren ihren Ökostrom nennen, fließt ein Cent pro Kilowattstunde als "Blühhilfe" in einen Topf. Daraus bekommen die Landwirte eine Entschädigung für ihren Ertragsverlust. Seit April 2018 wird das Ökostromprodukt angeboten.

Interesse an "Bienenstrom" bei Landwirten steigt

War es am Anfang für die Projektpartner schwer, interessierte Landwirte und Anlangenbetreiber für den "Bienenstrom" zu gewinnen, gibt es mittlerweile schon eine Warteliste für interessierte Bauern. Und das Projekt hat auch bundesweit für Interesse gesorgt. Denn der Insektenschwund sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Eine im vergangenen Jahr vorgestellte Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld für ausgewählte Gebiete vor allem in Nordrhein-Westfalen zeigt einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten um bis zu 80 Prozent in den vergangenen drei Jahrzehnten. Auch die Vielfalt an Arten schwand.

Artenvielfalt geht zurück

Ein Grund dafür sei, dass Flächen mit hoher Biodiversität wie Streuobstwiesen seit den 1960er-Jahren drastisch zurückgegangen sind, erklärt Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. Wildbienen etwa, die nicht so weit fliegen wie Honigbienen, hätten es schwerer, das ganze Jahr über ausreichend Nektar zu finden. "Vor rund 100 Jahren hatten wir Landschaften mit vielen Früchten und Brachflächen dazwischen. Zu der Zeit hat ein Bauer zehn bis zwölf Kulturpflanzen angebaut. Heute hat er meist nur noch ein bis zwei", so Rosenkranz. Auch auf Gemeindeflächen und in Privatgärten werde wenig naturnah gearbeitet. "Wer den Garten alle zwei Wochen mäht, der verhindert Biodiversität", konstatiert der Bienenkundler.

Zu trocken: weniger Ertrag für die Biogasanlagen

Auf der Webseite des Projekts wird darauf hingewiesen, dass sich die Blühfelder in diesem Jahr wegen der Trockenheit bis Anfang August weniger gut entwickelt hätten als erhofft. "Dies hat kaum Bedeutung für die Insekten, da die Pflanzen trotzdem in voller Blüte stehen! Der Biomasseertrag für die spätere Verwendung in Biogasanlagen wird allerdings etwas geringer ausfallen, als geplant“, heißt es dort weiter.

Fünf Jahre soll die Blühwiese vorerst bleiben. Dann werde man weiter sehen, sagt Landwirt Ingo Müller. Beim Saatguthersteller in Unterfranken wird derweil an neuen Mischungen getüftelt, um einen noch besseren Ertrag zu erzielen – für Bienen und Bauern.