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Frühgeborene haben nicht nur einen schweren Start ins Leben | BR24

© picture alliance/Fotografin: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild

Frühchen haben auch als Erwachsene häufig Nachteile. Zu diesem Ergebnis kommen mehrere Studien.

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    Frühgeborene haben nicht nur einen schweren Start ins Leben

    Wenn Kinder zu früh auf die Welt kommen, hat das häufig Auswirkungen auf ihr ganzes Leben. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und sozial. Dies hat jetzt erneut eine Studie bestätigt.

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    40 Wochen dauert eine Schwangerschaft normalerweise. Wenn ein Baby vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt, dann gilt es als Frühchen. Rund 65.000 von ihnen kommen laut Verein "Das frühgeborene Kind" jährlich deutschlandweit zur Welt - etwa jedes zehnte Kind ist damit ein Frühchen. Sie machen damit die größte Kinderpatientengruppe Deutschlands aus.

    Frühchen ist nicht gleich Frühchen

    Der Großteil der Frühgeborenen kommt "nur" wenige Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zu Welt. Trotzdem leiden diese "späten" Frühchen im Vergleich zu reif geborenen Kindern an Anpassungsproblemen und erhöhter Infektanfälligkeit. Aber im Vergleich zu sehr kleinen Frühgeborenen haben sie noch Glück. Denn je unreifer ein Kind bei seiner Geburt ist, desto geringer ist seine Überlebensfähigkeit und seine Chance auf ein gesundes Erwachsenenleben.

    "Unter 500 Gramm und weniger als 24 Wochen jung. Das ist die absolute Höchstrisikogruppe", sagt Christof Dame, stellvertretender Direktor der Klinik für Neonatologie an der Berliner Charité, Campus Virchow-Klinikum. Kinder, die mit weniger als 24 Wochen auf die Welt kommen, haben demnach eine Überlebenschance von 60 Prozent. "Von denen, die überleben, entwickelt sich ein Drittel gut, ein weiteres Drittel mit mittleren Beeinträchtigungen und ein weiteres Drittel überlebt mit schweren Beeinträchtigungen", so Dame.

    Studien belegen Beeinträchtigungen von Frühchen im Erwachsenenalter

    Frühchen müssen sich nicht nur in ihren ersten Wochen ins Leben kämpfen. Die Folgen ihrer zu frühen Geburt begleiten sie häufig bis ins Erwachsenenalter. Dabei handelt es sich nicht immer nur um körperliche Beeinträchtigungen. Auch psychisch und sozial tun sich Frühgeborene oft schwerer als ihre zum errechneten Geburtstermin geborenen Altersgenossen. Das haben Daten der sogenannten "Bayerischen Entwicklungsstudie" (BEST) belegt, für die ein deutsches Forscherteam um Dieter Wolke, Entwicklungspsychologe an der University of Warwick, seit den 1980er-Jahren hunderte Familien mit Frühchen begleitet hat. Eine im Oktober 2019 im Fachmagazin "JAMA" veröffentlichte Studie aus Schweden kommt nun zu dem gleichen Ergebnis.

    Frühgeburt: kognitive und emotionale Auswirkungen

    Probleme mit den Nieren sowie der Entwicklung von Gehirn und Lungen - für Frühchen ist das nicht ungewöhnlich. Doch zu früh auf die Welt zu kommen, heißt weit mehr als eine lebensbedrohliche Anfangsphase zu überstehen. Nach den Erkenntnissen Wolkes, Projektleiter der BEST-Studie, hat eine zu frühe Geburt nicht nur körperliche Auswirkungen, sondern auch Einfluss auf die kognitive Entwicklung der Kinder und ihre spätere Schulleistung. Eine Frühgeburt wirkt sich laut Wolke zudem auch auf ihre emotionalen Erfahrungen und ihr Verhalten im Erwachsenenalter aus. So verhalten sich zu früh Geborene tendenziell eher scheu und vorsichtig. Sie leben zurückgezogener, werden in der Schule eher gemobbt, haben oft niedrigere Schulabschlüsse und tun sich schwerer, Partner zu finden.

    Je früher ein Kind geboren wird, desto schwerwiegender sind die Folgen

    Ähnliche Folgen bei zu früh Geborenen dokumentiert auch die neu veröffentlichte Studie aus Schweden. Hier wurden rund 2,6 Millionen Personen in Schweden langfristig beobachtet, die zwischen 1973 und 1997 geboren wurden. Von den in der 22. bis 27. Schwangerschaftswoche Geborenen, die in der Studie begleitet wurden, hatten nur 22 Prozent später keine ernsteren Begleiterscheinungen. Bildungsniveau, Beschäftigungsrate und Einkommen blieben in dieser Gruppe deutlich niedriger. Dabei gilt: Je früher ein Kind geboren wird, desto schwerwiegender die Folgen, auch im Erwachsenenalter.

    Frühgeborene werden oft unterschätzt

    Ähnliche Erfahrungen hat auch Silke Mader gemacht. Sie ist Mutter des heute 22-jährigen Lukas, der in der 25. Schwangerschaftswoche, also viel zu früh, zur Welt kam. Er hinkt auf der rechten Seite, trägt wegen einer Netzhauterkrankung eine starke Brille und ist für sein Alter vergleichsweise zierlich und klein – alles typisch für derart Frühgeborene. Auch sozial und seelisch sei Lukas gegenüber seinen Altersgenossen drei, vier Jahre hinterher, sagt sie. In Kindergarten und Schule hätte man ihn deshalb zum Teil behandelt, als habe er eine geistige Behinderung. Heute studiert Lukas erfolgreich, hat einen IQ von 120.

    Soziale Herkunft kann über die Entwicklung mit entscheiden

    Lukas hatte Glück im Unglück: Seine Eltern sind beide Pädagogen, konnten ihm die nötigen Therapien finanzieren und haben vieles für ihn erkämpft - wie zum Beispiel den Besuch einer Regelschule. Wie sich ein Frühchen entwickelt, hängt also auch entscheidend von der sozialen Herkunft des Kindes ab, bestätigt auch Andreas Flemmer, Leiter der Neonatologie im Uniklinikum München-Großhadern:

    "Aus Studien, die die BEST-Studie betreffen, aber auch aus anderen Studien gerade in neuester Zeit, haben wir gelernt, dass Kinder, die ein erhöhtes Entwicklungsrisiko haben und zusätzlich einem schwierigen sozioökonomischen Umfeld ausgesetzt sind, besonders gefährdet sind, sich schlecht zu entwickeln. " Andreas Flemmer, Leiter der Neonatologie im Uniklinikum München-Großhadern

    Frühchen in Deutschland: Wo sind die Grenzen des Machbaren?

    Fast jedes zehnte Neugeborene in Deutschland kommt zu früh zur Welt, Tendenz steigend. Vor allem Gehirn und Lungen müssen ausreichend entwickelt sein, damit ein solches Baby überleben kann. Die Grenze, ab der es überlebensfähig ist, liegt irgendwo zwischen der 22. und der 24. Schwangerschaftswoche. Ganz genau kann man den Zeitpunkt nicht festlegen, denn jede Entwicklung verläuft ein klein wenig anders. Aber es gibt natürliche Grenzen: Vor der 22. Woche sind beispielsweise die Lungen des Babys noch nicht fertig ausgereift. Das macht ein Überleben außerhalb des Mutterleibs sehr unwahrscheinlich. Als Maß, inwiefern extreme Frühchen medizinisch und ethisch behandelt werden dürfen, gilt eine Leitlinie. Sie wird derzeit auf Basis aktueller Daten überarbeitet.

    Mögliche Ursachen von Frühgeburten

    Das steigende Alter von Müttern, aber auch Wohlstandserscheinungen wie Bluthochdruck sowie das Rauchen und Stress gelten als mögliche Ursachen für Frühgeburten. Auch Mehrlinge erhöhen das Risiko. In vielen Fällen kann auch keine Ursache für eine Frühgeburt gefunden werden.

    Am 17. November ist Weltfrühgeborenentag. Er soll auf die Frühgeburt und ihre Folgen aufmerksam machen.