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Frauen sind anders krank | BR24

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Frauen und Männer werden als Patienten gleich behandelt – klingt gut, ist aber für die Gesundheit von Frauen oft schlecht. Denn in Forschung sowie bei Diagnose und Therapie wird vernachlässigt, dass Frauen in vielen Fällen andere Bedürfnisse haben.

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Frauen sind anders krank

Frauen und Männer werden als Patienten gleich behandelt – klingt gut, ist aber für die Gesundheit von Frauen oft schlecht. Denn in Forschung sowie bei Diagnose und Therapie wird vernachlässigt, dass Frauen in vielen Fällen andere Bedürfnisse haben.

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Viele Medikamente, die schon lange auf dem Markt sind, wurden ausschließlich an Männern getestet. Denn sie sind einfachere Testpersonen: Bei ihnen gibt es keine mögliche Schwangerschaft - kein Risiko, ungeborenes Leben zu schädigen. Bis heute beziehen viele Studien kaum Frauen mit ein. Sogar bei Tierversuchen kommen fast nur männliche Mäuse zum Einsatz. Denn die Weibchen haben einen komplizierten Hormonzyklus, der die Wirksamkeit von Arzneimitteln verändern kann.

Die Folge: Manche Medikamente sind für Frauen viel zu hoch dosiert. So hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass etwa die Standarddosis des Blutdrucksenkers Metroprolol bei Frauen zu Schockzuständen führen kann. Der Pharmazeut Prof. Oliver Werz bezweifelt, dass dies unter allen Ärzten bekannt ist:

"Spezialisierte Ärzte wissen das vielleicht schon, weil sie sich eingehender mit der Thematik beschäftigen. Und dementsprechend Studien, die entsprechend geschlechtsspezifisch adressiert sind, kennen. Aber ich denke, Allgemeinärzte haben dieses tiefe Wissen nicht unbedingt." Oliver Werz, Prof. für Pharmazeutische Chemie

Bisher kaum Forschung in Deutschland

Prof. Oliver Werz forscht an der Universität in Jena, wie unterschiedlich bestimmte Arzneimittel bei Männern und Frauen wirken. Er ist einer der wenigen Wissenschaftler, die in Deutschland Forschung mit männlichen und weiblichen Zellkulturen betreiben und die Unterschiede analysieren. Diese sind zum Teil gravierend: Frauen und Männer haben andere Chromosomen und Hormone, die Einfluss auf den Organismus haben.

Frauen sind im Schnitt kleiner und leichter, haben mehr Fett und weniger Muskelmasse. Auch der Stoffwechsel funktioniert manchmal anders. Es kann bei Frauen länger dauern, bis ein Wirkstoff wieder abgebaut ist. Die Vermutung: Oft ist die Dosis für Frauen zu hoch. Fakt ist, Frauen haben doppelt so häufig Nebenwirkungen.

Eigenes Zentrum für Frauenherzen

Um Frauen eine bessere Versorgung zu bieten, hat Professor Michael Becker in der Nähe von Aachen ein Zentrum für Frauenherzen gegründet. Nicht alle Kollegen haben ihn dabei unterstützt.

"Als wir das Frauenherzzentrum gegründet haben, haben viele darüber gelächelt. Ein Chefarzt-Kollege hat sogar gesagt, sich um Frauenherzen zu kümmern, sei unseriös. Das zeigt sehr deutlich, dass es in den Köpfen nicht angekommen ist." Prof. Michael Becker, Chefarzt Frauenherzzentrum Rhein-Maas Klinikum

Parissa G. ist eine von 600 Patientinnen die hier behandelt wurden. Professor Becker hat bei ihr eine Herzkrankheit entdeckt, die viele Kollegen vorher übersehen haben. Denn: Es ist eine Krankheit, die überwiegend bei Frauen auftritt und die von vielen Ärzten standardmäßig nicht getestet wird. Die Symptome sind ähnlich wie beim Herzinfarkt.

"Auf einmal hatte ich plötzliche Luftnot. Das war so schlimm, dass ich wirklich dachte, ich würde jetzt ersticken. Dann habe ich vor lauter Panik das Fenster aufgerissen und meinen Kopf rausgehalten und wirklich japsend nach Luft geschnappt und es wurde nicht besser." Parissa G., Herzpatientin

Fünf Jahre lang quälte sich die junge Frau, gerade einmal Mitte 30, mit den Beschwerden, hatte immer wieder Todesangst. Sie wurde von Arzt zu Arzt geschickt:

"Diverse Blutabnahmen, der Blutzucker wurde natürlich untersucht, EKG, Ultraschall-Aufnahmen, zwei Magenspiegelung, es wurde ein Herzkatheter gelegt. Also diverse Untersuchungen, aber alle Befunde waren immer unauffällig. Man hat nie etwas gefunden." Parissa G., Herzpatientin

Frauenspezifische Herzerkrankungen werden oft nicht erkannt

Die Kardiologen suchen nach Verkalkungen in den Gefäßen - viele Männer leiden darunter. Doch Parissa hat ein Herzproblem, das es fast nur bei Frauen gibt, und danach suchen Fachärzte oft nicht. Denn die Herzmedizin orientiert sich bis heute vor allem am Mann. Weil die Ärzte keine Ursache finden können bei Parissa G., heißt es schließlich, ihre Krankheit sei psychisch bedingt. Sie zweifelt an sich selbst. Doch dann kommt sie ins Frauenherzzentrum. Professor Becker findet das Problem sofort: Die Patientin leidet an Spasmen der Herzkranzgefäße, wie viele andere Frauen.

Durch ein Testmittel, das während der Herzkatheter-Untersuchung gespritzt wird, werden die Spasmen sichtbar. Parissa G. hat Glück. Sie bekommt endlich die richtige Diagnose und die entsprechende Behandlung. Aber das ist nicht bei allen betroffenen Frauen der Fall. Der notwendige Test wird fast nirgends standardmäßig durchgeführt. Prof. Becker fordert dringend mehr Aufklärung über die geschlechterspezifischen Unterschiede in Diagnostik und Therapie.

Forschungsergebnisse liefern neue Erkenntnisse für Dosierung von Medikamenten

Welche Medikamente wirken gegen Krankheiten bei Männern und Frauen am besten? Und was ist die richtige Dosis? Gendermediziner fordern dringend neue Studien, die die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Mann und Frau bei bestimmten Medikamenten untersuchen. Denn bei manchen Herzmedikamenten zum Beispiel kann die Standarddosis, die sich am Mann orientiert, für Frauen ein ernstes Problem werden.

"Insbesondere dann, wenn sie Arzneistoffe mit einer geringen therapeutischen Breite haben, das heißt, Wirkung und Nebenwirkungskonzentrationen eng zusammenliegen. Das kann Atemlähmung, Herzstillstand, im schlimmsten Fall gar den Tod durch Überdosierung zur Folge haben." Oliver Werz, Professor für Pharmazeutische Chemie

Das zeigt auch das Beispiel des Blutdrucksenkers Metoprolol: Frauen sollten bei diesem Medikament tatsächlich nur die Hälfte der im Beipackzettel angegebenen Dosis einnehmen, so eine neue Studie, die im "Lancet" veröffentlicht wurde. Für viele andere Medikamente gibt es solche Studien nicht. Laut Fachleuten müssten in Beipackzetteln dringend eigene Angaben für Frauen stehen, damit die Dosierung nicht zum Glücksspiel wird.