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Füße eines Neugeborenen
© picture alliance / empics/ Dominic Lipinski/PA Wire URN:31775056

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Sylvaine von Liebe
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Füße eines Neugeborenen

In Frankreich stehen Wissenschaftler vor einem Rätsel: Zwischen 2009 und 2014 wurden im südfranzösischen Département Ain insgesamt acht Kinder geboren, denen bei der Geburt entweder ein Arm oder eine Hand fehlte. Lange Zeit schwiegen die Behörden über die gemeldeten mysteriösen Fehlbildungen. Erst als Ende September 2018 der französische Fernsehsender France 2 über ähnliche Fälle in anderen Regionen berichtete, erschien jetzt ein Bericht der französischen Gesundheitsbehörde.

Behörden wurden bereits 2011 über mysteriöse Fälle informiert

Schon vor Jahren hatte das Krankenhaus von Lyon die mysteriösen Fälle von Neugeborenen ohne Arme oder Hände aus dem südfranzösischen Département Ain an das regionale Register für vorgeburtliche Fehlbildungen, kurz Remera, gemeldet. Die Gesundheitsbehörde wurde dann 2011 erstmals durch das Register informiert Doch die reagierte nicht.

Erst durch den Fernsehbericht des Senders France 2 kam es zu einer Reaktion des französischen Gesundheitsamtes. Der Sender hatte über ähnliche Fehlbildungen bei Neugeborenen wie im Département Ain, diesmal aber in der Bretagne und der Region Loire-Atlantique, berichtet.

Betroffene Mütter sind alle aus ländlichen Regionen

Wodurch die Fehlbildungen verursacht wurden, ist bisher unklar. Klar ist nur: Es handelt sich nicht um erblich bedingte Schäden. Auch kam es bei den betroffenen Müttern zu keinerlei Komplikationen in der Schwangerschaft. Für Mélanie Vitry, deren heute achtjähriger Sohn Ryan ohne rechte Hand im Département Ain geboren wurde, gibt es aber eine Gemeinsamkeit:

"Alle Mütter, deren Kinder von einer solchen Fehlbildung betroffen sind, haben während der Zeit, in der sich die Gliedmaßen im Mutterleib ausbilden, in der Nähe von Feldern gewohnt." Mélanie Vitry, Mutter eines Sohnes, der ohne Hand geboren wurde

Gesundheitsbehörde reagiert nicht auf ARD-Interviewanfrage

Die französische Gesundheitsbehörde will aber keinen Zusammenhang zwischen den Fällen in Ain und denen in Nordfrankreich sehen. Für sie stellen die Fälle im Département Ain keine ungewöhnliche Häufung dar - eine Interviewanfrage des ARD-Studios Paris an die Behörde blieb unbeantwortet.

Experten wie Emmanuelle Amar, Leiterin des regionalen Registers für vorgeburtliche Fehlbildungen, und ihre Kollegen sehen das anders. Für sie handele es sich in allen Regionen um die gleichen äußerst seltenen Fehlbildungen, die "ein klares Zeichen von äußeren Einflüssen auf den Fötus" seien. Emmanuelle Amar vermutet, die Gesundheitsbehörde wolle durch das Abstreiten eines Zusammenhangs lediglich unbequemen Fragen aus dem Weg gehen.

„Wenn sie die Fälle im Département Ain anerkannt hätten, dann wären sie von den Journalisten gefragt worden, warum es 2011, 2014, 2016 keine offiziellen Untersuchungen gab. Wir hatten die Fehlbildungen ja gemeldet.“ Emmanuelle Amar, Leiterin des regionalen Registers für vorgeburtliche Fehlbildungen

Pestizide als mögliche Ursache für Fehlbildungen

Ein weiteres Indiz spricht für einen Zusammenhang der aufgetretenen Fehlbildungen in den ländlichen Regionen: Nicht nur Neugeborene wiesen in den betroffenen Regionen Fehlbildungen auf, auch bei Tieren konnten ähnliche Fehlentwicklungen festgestellt werden. Die Ursache könnte daher in der Landwirtschaft zu finden sein. Pestizide? Emmanuelle Amar vom Register für vorgeburtliche Fehlbildungen will nicht spekulieren.

"Wissenschaftler müssen sich jetzt an einen Tisch setzen und nachforschen. Welches Molekül, das in der Landwirtschaft verwendet wird, kann zur Fehlbildung von Armen und Händen im Mutterleib führen? Wird so etwas in Futtermitteln oder woanders verwendet? Und alle betroffenen Mütter müssen sich treffen und miteinander sprechen. Durch einen solchen Austausch wurde damals in Deutschland auch die Missbildung von Föten durch das Schlafmittel Contergan und den Wirkstoff Thalidomid festgestellt.“ Emmanuelle Amar

Aufklärung, Kritik und Forderungen

Die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn verspricht ebenfalls aufzuklären, wodurch die Fehlbildungen bei den Kindern ausgelöst wurden. Sie will dafür unter anderem mit Lebensmittelchemikern zusammenarbeiten.

Emmanuelle Amar, Leiterin des regionalen Registers für vorgeburtliche Fehlbildungen, unterstützt zwar die Suche nach der Ursache für die Fehlbildungen, kritisiert aber die Beteiligung der Gesundheitsbehörde. Sie plädiert dagegen für die Schaffung eines nationalen Registers für vorgeburtliche Fehlbildungen. Die sechs regionalen Register, die es bisher in ganz Frankreich gibt, seien zu wenig, um das ganze Land abzudecken. Außerdem drohe sogar bis Ende des Jahres die Schließung ihres Registers, weil neue Fördermittel bisher nicht bewilligt worden seien, beklagt Amar.