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Forschung: Auf dem Weg zur klimaneutralen Kuh? | BR24

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Unser Fleischkonsum hat erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt: Nitrat im Grundwasser zum Beispiel oder Ammoniak in der Luft. Im oberbayerischen Grub wird jetzt experimentiert, wie Kühe klimaverträglicher werden können.

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Forschung: Auf dem Weg zur klimaneutralen Kuh?

Unser Fleischkonsum hat erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt: Nitrat im Grundwasser zum Beispiel oder Ammoniak in der Luft. Im oberbayerischen Grub wird jetzt experimentiert, wie Kühe klimaverträglicher werden können.

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Tinka soll helfen, das Klima zu verbessern. Sie ist vier Jahre alt, wiegt gute 800 kg, liefert täglich an die 40 Liter Milch und vertilgt Tag für Tag 50 kg Futter. Und hier beginnt das Problem. Tinka ist wie all ihre Artgenossen ein Wiederkäuer.

Kühe rülpsen Methan

Ihr Futter landet im Vormagen, dem sogenannten Pansen, und wird hier mithilfe von Mikroorganismen zersetzt. Eigentlich ist der Pansen nichts anderes als eine Biogasanlage im Körper der Kuh. Bei der Zersetzung des Futters entsteht Methan, das von der Kuh wieder ausgerülpst wird.

Methan trägt zur Klimaerwärmung bei

Methan ist ein Treibhausgas, das maßgeblich zur Klimaerwärmung beiträgt, und 25mal schädlicher ist als CO2. Tinka rülpst etwa jede Minute und stößt dabei täglich zwischen 500 und 800 Gramm Methan aus.

Ein Jahr Verdauung = 40.000 km mit dem Auto

Im Jahr ist Tinkas Verdauung etwa so klimaschädlich wie 40.000 km mit einem Auto der Euro 5 Norm zu fahren. Das hat das Bundesumweltamt ausgerechnet.

Bayerisches Forschungsprojekt: Wie wird eine Kuh klimaverträglicher?

Rinder im oberbayerischen Grub sind Teil eines deutschlandweiten Forschungsprojektes mit dem Ziel, eine klimafreundliche Kuh zu entwickeln. Die Wiederkäuer fressen, rülpsen und pupsen im Dienste der Wissenschaft unter den strengen Augen von Prof. Dr. Hubert Spiekers von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Regelmäßig wird mithilfe von Laserpistolen der Methan-Ausstoß gemessen.

Zuchtziel: Kühe mit dem kleinsten ökologischen Klauenabdruck

Das Futter wird immer wieder anders zusammengesetzt, Waagen messen die Nahrungsaufnahme und im Melkstand wird die Menge der Milchproduktion überwacht. So soll die Kuh mit dem kleinsten ökologischen Klauenabdruck gefunden werden. Diese wird dann weiter gezüchtet.

Erste Ergebnisse erfreuen bayerische Landwirte

"Eine Fleckviehkuh gibt Milch und hat relativ viel Fleisch, auch die männlichen Nachkommen eignen sich sehr gut zur Fleischproduktion. Es gilt ja, Milch und Fleisch zu produzieren. Wenn ich das beides zusammennehme, dann ist die Fleckviehkuh günstiger als eine stark auf Milch ausgerichtete Kuh, weil ich dann ergänzend noch extra Kühe halten muss, die fleischreiche Tiere produzieren." Prof. Dr. Hubert Spiekers

Futter aus Soja belastet die Klimabilanz

Methan und die Verdauung der Rinder ist nur ein Teil des Klimaproblems bei der Nutztierhaltung. Noch wichtiger ist die Frage, woher das Futter für Rinder, Schweine und Geflügel stammt. Landet Soja aus Übersee im Futtertrog, verschlechtert sich die Klimabilanz dramatisch.

Dort wird der Regenwald immer noch rücksichtslos niedergebrannt, um neue Flächen für den lukrativen Soja-Anbau zu bekommen. Damit verliert die Welt wertvolle CO2-Speicher. Die Tierhaltung ist weltweit die größte Triebkraft für die Abholzung der Wälder.

Bayerische Landwirte setzen vermehrt auf heimisches Futter

Die bayerischen Landwirte sind sich des Problems bewusst und fahren seit Jahren ihre Importe aus Südamerika zurück. In Tinkas Stall gibt es statt Übersee-Soja Eiweiß aus heimischen Quellen. Denn Futter aus der Region oder sogar vom eigenen Hof reduziert zum Beispiel die Transportwege. Und auch bei den Futtermitteln direkt gibt es Unterschiede. Raps zum Beispiel führt zu einem geringeren Methan-Ausstoß.

Ammoniakbelastung in den Böden

Doch egal, was Tinka vorne aufnimmt. Hinten kommt es als Urin und Kot heraus. Und damit beginnt das dritte Problem für das Klima: Ammoniak. 95 Prozent der Ammoniak-Emissionen kommen in Deutschland aus der Landwirtschaft. Dadurch können Luft, Wasser und Ökosysteme überdüngt, verschmutzt und geschädigt werden. Der größte Schaden entsteht bei der Gülle-Ausbringung.

Neben Methan entweicht aus überdüngten Böden zudem Lachgas. Ein Treibhausgas, das 300mal schädlicher ist als CO2. Fast 80 Prozent der deutschen Lachgas-Emissionen stammen aus der Landwirtschaft.

Gülle und Mist in Biogasanlagen verwerten

Um schädliche Emissionen möglichst gering zu halten, geht man in Grub andere Wege. Dort werden Gülle und Festmist erst einmal in einer Biogas-Anlage verwertet. Klimagase steigen hier nicht ungenutzt in die Atmosphäre, sondern werden als wertvolle Energiequelle genutzt. Und die wertvollen Nährstoffe, die in der Gülle sind – Stickstoff und Phosphor - bleiben im vollen Umfang erhalten. Die kann der Landwirt dann anschließend auf seine Felder ausbringen, um den Kreislauf der Nährstoffe einzuhalten, so Hubert Spiekers.

Die Kuh der Zukunft

Tinka frisst also nicht nur im Dienst der Wissenschaft, sondern ihr Mist liefert auch noch Energie. Es sind viele Schrauben, an denen in der Landwirtschaft gedreht werden kann, um Klimaschäden zu verringern. Eine klimaneutrale Kuh ist allerdings noch Utopie.