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Forensik - Mit Pollen Verbrechen aufklären | BR24

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Eingeschlossen in einer Kiste und gebettet auf Heu, fanden Jäger eine Baby-Leiche. Mit Hilfe der Pollenanalyse konnte das Verbrechen aufgeklärt werden. Eine alte Ermittlungsmethode wird neu entdeckt und Pollen als Beweismittel eingesetzt.

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Forensik - Mit Pollen Verbrechen aufklären

Vor rund 60 Jahren wurde in Wien die Leiche eines Vermissten durch die Analyse von Pollen aufgespürt und der Mörder überführt. Dann geriet die Ermittlungsmethode in Vergessenheit. Bis vor ein paar Jahren, als eine Baby-Leiche gefunden wurde.

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Ein Jäger findet im Wald eine weiße, schuhkartongroße Kiste. Er öffnet sie. Stroh fällt heraus und ein totes Baby. Das Landeskriminalamt Niederösterreich wird eingeschaltet. Chefinspektor Hannes Fellner bringt das Heu am Tatort auf eine Idee. Der Ermittlungsbeamte erinnert sich an einen alten Kriminalfall aus Wien.

Pollen-Forensik - alte Ermittlungsmethode neu entdeckt

Vor etwa 60 Jahren wurde in Wien eine Mann vermisst. Möglicherweise wurde er ermordet. Die Kriminalbeamten finden einen Verdächtigen, können den Fall aber monatelang nicht aufklären. Der Tatverdächtige Friedrich Buchta gibt zwar zu, dass der Vermisste tot ist, verschleiert aber, wo sich die Leiche befindet und behauptet, dass der Vermisste durch einen Unfall zu Tode gekommen ist. Ohne Leiche können die Ermittlungsbeamten nicht untersuchen, ob ein Unfall oder Mord die Todesursache war. Daraufhin setzten die Beamten zum ersten Mal die Pollen-Analyse zur Aufklärung eines Mordfalls ein.

Einzigartiges Pollenkorn löst Fall

Ein Wiener Pollen-Forscher nahm die Schuhe des Verdächtigen Buchta unter die Lupe. Die Pollen, die an den Schuhen klebten, sollten verraten, wo sich der Verdächtige aufgehalten hatte. Der Paläobotaniker hatte Glück. Er fand ein einzigartiges, fossiles Pollenkorn an den Schuhen des Verdächtigen. Es stammten von einem Hickorynussbaum. Diese Baumart stand vor Millionen von Jahren nur an einem Ort in der Nähe von Wien: in den Donauauen. Dort musste die Leiche liegen. Der Verdächtige wurde mit dem Ergebnis der Pollen-Analyse konfrontiert und zeigte den Ermittlungsbeamten, wo er die Leiche versteckt hatte. So wurde der Fall damals aufgeklärt.

Das tote Baby in der Kiste

Für den Fall des toten Babys aus Niederösterreich wollen die Ermittlungsbeamten die Pollen-Analyse zum Test wieder aktivieren. Sie wollen sehen, was die Methode zur Aufklärung beitragen kann. Das Heu aus der Schachtel mit der Baby-Leiche wird nach Wien zu einer Pollen-Analytikerin, einer sogenannten Palnyologin, gebracht. Martina Weber ist eine der wenigen Expertinnen für forensische Pollen-Analyse weltweit.

Warum Pollen ein Beweismittel sein können

Pollen sind für Forensiker deshalb so interessant, weil sie ganzjährig und überall zu finden sind, auch, wenn man sie mit dem bloßen Auge nicht sieht. Sie haften hartnäckig an Haut, Haaren, Kleidung und Schuhen. Weil Pollen eine einzigartige Schutzhülle umgibt, überstehen sie Kälte, Hitze, Feuer, einen Waschgang mit 90 Grad und Millionen von Jahren. Fast nur von Bakterien und Bodenpilzen droht Gefahr. Diese können das extrem widerstandsfähige Material der Hülle zerstören. Es heißt Sporopollenin. Seine chemische Zusammensetzung kennen Forscher bis heute nicht, sagt Martina Weber.

Pollen-Analyse mit gemischten Gefühlen

Die Analyse des Heus, auf dem die Babyleiche lag, ist ernüchternd. Das Pollenspektrum enthüllt, dass es sich um ganz normales Heu mit vielen Gräsern handelt. Es kann von vielen Wiesen in Österreich stammen. Im Gegensatz zum Kriminalfall vor 60 Jahren wird kein spezifisches Pollenkorn gefunden. Doch die Palnyologin ist sich ihrer Verantwortung bewusst.

"Das war eigentlich das, was mir am Anfang schon ein bisschen zu denken gegeben hat. Dieses Verantwortungsgefühl, das da plötzlich in einem aufkeimt, das man vorher in der Wissenschaft wenig hat. Meine Aussage kann möglicherweise irgendeinen Verdächtigen noch mehr beschuldigen oder sie kann ihn auch entlasten." Martina Weber, forensische Pollen-Analytikerin
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So sah die Auswertung der Pollen-Analyse des Heus im Fall des toten Babys in der Schachtel aus.

Pollen als letztes Beweisstück

Die Pollen-Analyse konnte den Fall nicht lösen, aber die Ermittlungen von Hannes Fellner weiter vorantreiben. Der Chefinspektor hatte in der Zwischenzeit mit vielen Gynäkologen telefoniert und sie nach einer Frau gefragt, die kürzlich einen Geburtstermin hatte, aber danach mit ihrem Baby nicht beim Frauenarzt erschienen war. Schnell ist eine Verdächtige gefunden, die auch sofort gesteht. Die junge Frau hatte ihre Schwangerschaft verheimlicht und ihr Kind ganz alleine in ihrem Zimmer bekommen. Als das Baby anfing zu schreien, bekam die junge Mutter Panik und erschlug es mit einem Holzstück. Dann holte sie Heu aus einem Katzennest in ihrem Garten, legte es in die Schachtel und darauf die Baby-Leiche. Mit dem Moped fuhr sie in den Wald und legte die Schachtel ab.

Um die Aussage der Verdächtigen zu überprüfen, setzt Hannes Fellner wieder die Pollen-Analyse ein und untersucht das Heu aus dem Katzennest. Die Auswertung beweist, dass das Heu aus dem Katzenstall identisch ist mit dem Heu aus der Kiste mit der Baby-Leiche. Der Fall ist aufgeklärt. Inzwischen werden an jedem Tatort Pollenspuren gesichert. Wenn nötig, werden sie von Palnyologin Martina Weber analysiert.

© Bayerischer Rundfunk / IQ - Wissenschaft und Forschung

In der Verbrechensaufklärung gibt es verschiedene Ermittlungsmethoden. Eine Methode ist in Deutschland noch neu: Die Forensische Pollenanalyse: Pollen können dabei helfen, einen Täter oder Tatort zu ermitteln wie ein Beispiel zeigt.

Weitere Sendungen:

  • IQ, 09.12.2019, 18.05 Uhr in Bayern 2