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Fliegenlarven als Fischfutter für Aquakulturen | BR24

© BR/Gut zu wissen

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege können praktisch alles fressen. Für eine nachhaltige Verwertung von regionalen Reststoffen sind sie deshalb besonders geeignet.

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Fliegenlarven als Fischfutter für Aquakulturen

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege sind proteinreich und ein ideales Futter für die Fischzucht. Sie könnten Fischmehl ersetzen und sogar eine nachhaltige Verwertung regionaler Reststoffe schaffen. Doch da gibt es einige Hürden zu überwinden.

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Die Fliegenlarven der Schwarzen Soldatenfliege sind knapp zwei Zentimeter lang. Ihr Eiweißgehalt macht sie zu einem idealen Futtermittel für Fische. Aber auch für Rinder, Schweine und Hühner wären sie eine proteinreiche Mahlzeit. Damit könnte man Monokulturen mit Soja und Mais umgehen und eine ökologische nachhaltige Lösung zur Futtermittelherstellung schaffen. Aber ob Insektenlarven tatsächlich für Schweine, Rinder und Hühner das Nahrungsmittel der Zukunft sein könnten? Für die Fischzucht sind die Fliegenlarven der Schwarzen Soldatenfliege jedenfalls erlaubt. Für andere Nutztiere steht eine Zulassung noch aus.

Fischmehl ist ökologisch bedenklich

Fischzucht in Aquakulturen schont natürliche Ressource und die Entwicklung der Fische lässt sich leichter steuern als beim Wildfang. Raubfische wie Forellen benötigen jedoch viel Nährstoffe, um kräftig zu werden. Ihrem Futter wird deshalb meist 20 Prozent Fischmehl beigemischt.

"Fischfutter macht in der Aquakultur den größten Kostenfaktor aus, bis über 70 Prozent. Sodass uns natürlich nicht nur die Qualität des Futters, sondern auch die Wirtschaftlichkeit in diesem Zusammenhang sehr interessiert." Dr. Helmut Wedekind, Institut für Fischerei, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Ressourcen im Meer sind bald erschöpft

Fischmehl besteht aus getrocknete und gemahlenen Fischen oder Teile von Fischen, hauptsächlich aus der Industriefischerei. Reste aus den Fangnetzen werden zu Fischmehl verarbeitet. Von den rund 170 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchten, die weltweit jährlich aus Wildfang und Aquakultur stammen, werden 30 Millionen Tonnen industriell weiterverarbeitet. Das Problem ist jedoch, dass inzwischen ein Drittel der Weltmeere überfischt ist und 60 Prozent kurz davor stehen. Die Überfischung reduziert drastisch den Fischbestand und die Art des Fischfangs führt dazu, dass alles, was im Netz als sogenannter Beifang automatisch eingesammelt wird, keine Überlebenschance mehr hat. Kleine Fische bleiben im Netz hängen und leichte Meerestiere werden mitgerissen. Deshalb bedarf es nachhaltiger und vor allem regionaler Lösungen.

Fangquoten und Subventionen sollen Fischbestände retten

Eine EU-Reform im Jahr 2013 hat der Fischerei bereits klare Grenzen gesetzt und einen nachhaltigen Fischfang eingefordert. Die Fangquoten sollen reduziert und ein Verbot der Rückführung von nicht handelsfähigen Fischen eingeführt werden. Bis 2020 erhoffte man sich davon, dass sich stark dezimierte Arten erholen. Im Nordostatlantik zeigen sich erste Erfolge. Für das Mittelmeer und das Schwarze Meer müssen weitere Erhaltungsmaßnahmen greifen. Die Fangquoten und Subventionen für die Fischerei werden jährlich angepasst. Doch die Kontrollen greifen nicht überall.

Ökologische und regionale Kreisläufe schaffen

Kann man Fisch überhaupt noch bedenkenlos essen? Mit entsprechenden Umwelt-Siegeln wird versucht dem Verbraucher Orientierung zu geben. Doch einige Kennzeichnungen sind bereits in die Kritik geraten. Deshalb empfiehlt die Umweltschutzorganisation WWF zum Beispiel Forellen aus der Bio-Fischzucht. Entscheidend für einen ökologischen Kreislauf ist dann aber die Frage, mit welchem Futter die Fische dort gefüttert werden. Eine nachhaltige und vor allem regionale Lösung wäre ökologisch sinnvoll. Ein Münchner Start-up-Unternehmen hat sich deshalb auf Fliegenlarven als regionales Futtermittelersatz spezialisiert und möchte die wertvollen Maden zunächst für die Fischzucht testen.

"Wir haben uns für die Larven der Schwarzen Soldatenfliege entschieden, weil sie das breiteste Futterspektrum verarbeiten kann. Das ist besonders wichtig, weil wir regionale Nährstoffkreisläufe aufbauen wollen und dadurch, dass sie fast alle Stoffe fressen kann als Futter, ist sie perfekt geeignet." Wolfgang Westermeier, Farminsect, München

Mit einer IT-Plattform Reststoffe zurückverfolgen

Das Münchner Start-up-Unternehmen hat eine IT-Plattform entwickelt, die eine lückenlose Rückverfolgung der Reststoffe ermöglichen soll. Damit können Erntereste und Abfälle aus der Lebensmittelproduktion genutzt werden. "Vor allem Insekten helfen uns beim Schließen von regionalen Kreisläufen, die mit herkömmlichen Nutztieren nur schwer erreichbar wären", betont Professor Wilhelm Windisch vom Lehrstuhl der Tierernährung der Technischen Universität München, der das Start-up in der Entwicklungsphase unterstützt.

Eine Fliege ohne Mund und Stachel

Die Schwarze Soldatenfliege, auch "Hermetia illucens" genannt, stammt ursprünglich aus subtropischen und tropischen Gebieten Amerikas. Erstmals entdeckt wurde sie in den 1920er-Jahren in Europa und 2010 dann erst in Deutschland. Neben ihrem Proteinreichtum zeichnet die Soldatenfliege eine weitere Besonderheit aus: Sie besitzt keinen Mund und keinen Stachel. Ohne Beiß- und Stechwerkzeuge können sie aber auch keine Krankheiten übertragen. Ein weiterer Pluspunkt für eine Verwertung der Fliegenlarven.

© picture alliance/Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

Die Schwarzen Soldatenfliegen vermehren sich sehr schnell. Ihre eiweißreichen Larven können als Eiweißquelle genutzt werden.

Unersättliche Larven sind Allesfresser

Geschlüpfte Soldatenfliegen leben wenige Tage und in dieser Zeit paaren sie sich. Bei guten Bedingungen legt jedes Weibchen bis zu 1.000 Eier ab. Vier Tage später schlüpfen die Fliegenlarven. Die unersättlichen Maden legen am Tag das Doppelte von ihrem Gesamtgewicht zu und fressen zwei Wochen bis zu ihrer Verpuppung durch. Entscheidend ist der Moment, an dem die Larven genug gefressen haben. Kurz vor der Verpuppung können sie getrocknet und gemahlen werden. Mit 42 Prozent Protein, 29 Prozent Fett, reichlich Kalzium, Mineralstoffen und Vitaminen, eignen sich die Fliegenlarven als ideale Nahrungsgrundlage für Nutztiere. Studien mit Schweinen und Hühnern haben gezeigt, dass sich die Larven als Soja- und Maisersatz bewähren - und idealerweise das Fischmehl ersetzen können. Große Fisch-Zuchtanlagen gibt es bereits in Südafrika und Kanada.

Hindernis strenges Futtermittelgesetz

Verspeisen können die Fliegenlarven Lebensmittelreste und Kompost, bis hin zur Gülle. Genau das würde eine regionale Lösung für Landwirte schaffen: Sie könnten ihre Reste direkt an die Larven verfüttern. Die satten Larven trocknen und dann wiederum weiter als Futtermittel für ihre Rinder, Schweine und Hühner verwerten. Doch bislang dürfen die Larven nur an Haustiere und Fische in Aquakulturen verfüttert werden. Das Verbot geht noch auf BSE-Fälle in den 1990er-Jahren zurück. Denn Nutztiere dürfen nicht mit tierischem Protein gefüttert werden, weil die Gefahr zu groß ist, dass sie Krankheiten übertragen.

Sind Fliegenlarven Nutztiere?

Auch wenn die EU den Einsatz der Soldatenfliege als Viehfutter zulässt, ist trotzdem noch unklar, ob die lebenden Larven selbst als Nutztiere gelten. Denn dann dürfen sie nicht mit Speiseresten, Schlachtabfällen oder Gülle gefüttert werden. Auch wenn die Larven als Allesfresser so tolle Leistungen vollbringen und sie regionale Kreisläufe nachhaltig verbessern, als Futtermittel, dass Soja ganz verdrängt, sieht sie Wilhelm Windisch vom Lehrstuhl für Tierernährung der Technischen Universität nicht. Vorerst werden die Soldatenfliegen in der Fischzucht erprobt. Wenn die Fische sie als Nahrung annehmen, dann könnten auf diesem Gebiet regionale Kreisläufe beginnen.

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