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Fliegen können fast ohne Schlaf leben | BR24

© picture alliance / Mary Evans Picture Library

Fruchtfliegen der Art Drosophila melanogaster können nahezu ohne Schlaf auskommen.

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    Fliegen können fast ohne Schlaf leben

    Wissenschaftler des Imperial College London haben entdeckt, dass Fruchtfliegen der Art Drosophila melanogaster praktisch ohne Schlaf auskommen können. Warum gelingt uns Menschen das nicht?

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    Bislang hieß es immer, dass alle Tiere genau wie wir Menschen schlafen müssen. Mal mehr, mal weniger: Fregattvögel schlafen im Flug maximal 45 Minuten täglich und haben dabei ein Auge offen, Faultiere hingegen benötigen mindestens 15 Stunden Schlaf pro Tag. Tiere, die überhaupt nicht schlafen, wurden nie zuvor beobachtet. Daher sind Schlafexperten auch immer davon ausgegangen, dass Schlaf eine lebenswichtige Funktion hat und ähnlich zwingend wie Nahrungsaufnahme ist.

    Dauerhafter Schlafentzug hat tödliche Folgen

    So gab es in der Vergangenheit bereits Versuche mit Ratten und Hundewelpen, denen man den Schlaf vorenthalten hat. Die Tiere starben alle nach sehr kurzer Zeit. Ob aber der Schlafentzug oder der Stress der Behandlung die Ursache war, blieb unklar.

    Fliegenmännchen schlafen doppelt so lange

    Quentin Geissmann und seine Kollegen vom Imperial College London wollten jetzt noch einmal genau wissen, ob Tiere ohne Schlaf überleben können. Dazu haben sie die Schlafaktivität von 881 weiblichen und 485 männlichen Fruchtfliegen vier Tage lang mithilfe einer Kamera aufgezeichnet. Das automatisierte System, das die Forscher zur Überwachung der Fliegen entwickelten, verfolgte jede ihrer Bewegungen mit Kameras und wertete längere Zeiten ohne Bewegung als Schlaf aus. Wenn sie nicht geweckt wurden, schliefen die Fliegenmännchen ungefähr zehn Stunden pro Tag, die Weibchen dagegen nur fünf.

    Experiment mit lebenslangem Schlafentzug

    Überraschend fanden die Wissenschaftler, dass die Hälfte der weiblichen Fruchtfliegen wohl extreme Kurzschläferinnen sind, die sogar noch deutlich weniger geschlafen haben. Ganz am Ende der Kurve lagen drei Fliegen, die durchschnittlich 15, 14 bzw. vier Minuten pro Tag schliefen. Diese letzte weibliche Fliege blieb im Grunde schlaflos, berichteten die Autoren.

    Ob jede Fruchtfliege mit wenig oder ohne Schlaf zurechtkommen könnte, haben die Forscher in einem weiteren Experiment untersucht. Immer, wenn die Fliegen sich länger als zwanzig Sekunden nicht bewegten, rüttelten kleine Motoren sie wieder wach. Mit dieser Methode tippten die Forscher sie hunderte Male pro Tag wach und brachten die Forscher die Fliegen so während ihres gesamten Lebens um den Schlaf. Im Durchschnitt schliefen die Tiere insgesamt etwa 2,5 Stunden täglich.

    Fruchtfliegen scheint ein Sekundenschlaf zu reichen

    Auf die Lebenserwartung von durchschnittlich rund 40 Tagen wirkte sich der dauerhafte Schlafentzug allerdings kaum aus. Während die weiblichen Fliegen im Versuch etwa dreieinhalb Tage früher starben als die männlichen, hatte der Schlafmangel, so die Autoren, ansonsten keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebensdauer der Fruchtfliegen. Es sei insgesamt wohl wenig Schlaf erforderlich, um einen Organismus am Leben zu halten, so fassten sie die Ergebnisse ihrer Studie in Science Advances im Februar 2019 zusammen.

    Schlaflose Fliegen leben lange – warum wir nicht?

    Die Vorstellung, dass Schlaf lebenswichtig ist, stimmt also nach den Untersuchungen von Geissmann und seinen Kollegen zumindest im Hinblick auf Drosophila nicht mehr. Offen ist, was das für andere Tierarten bedeutet. Für den Menschen jedenfalls ist dauerhafter Schlafentzug wohl noch immer keine gesunde Option.