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Die neue Rote Liste der Pflanzen führt das Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis) als stark gefährdet.
© Eckhard Garve / Bundesamt für Naturschutz

Autoren

Alexandra Klockau
© Eckhard Garve / Bundesamt für Naturschutz

Die neue Rote Liste der Pflanzen führt das Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis) als stark gefährdet.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat heute in Berlin die aktuelle Rote Liste der Pflanzen vorgestellt. 8.650 Arten von Farn- und Blütenpflanzen, Moosen und Algen gibt es in Deutschland. Für 8.219 davon haben die Autorinnen und Autoren des siebten Bandes der Reihe "Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands" sowohl deren Bestand als auch deren Gefährdungssituation ermittelt. Die restlichen Arten sind sogenannte Neophyten, aus fremden Regionen eingeschleppte Arten, und wurden nicht berücksichtigt. Das Ergebnis der Forscher: Der Zustand vieler Wildpflanzen hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren verschlechtert. Von den 8.219 bewerteten Arten sind 2.532 Arten in ihrem Bestand gefährdet.

30,8 Prozent der Pflanzen in Deutschland sind gefährdet

"Die aktuelle Rote Liste belegt, dass insgesamt 30,8 Prozent aller in Deutschland vorkommenden Pflanzen in ihrem Bestand gefährdet sind. Es sind dabei vor allem hohe Nährstoffbelastungen, die vielen Wildpflanzen zu schaffen machen", fasste Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, zusammen. Jessel betonte, dass sich der Rückgang der Pflanzen auch auf viele andere Organismen negativ auswirke. Auffallend viele vom Aussterben bedrohte oder stark gefährdete Arten leben in nährstoffarmen Gewässern und anderen nährstoffarmen Standorten wie Mooren oder Heiden. Ihr Zuhause wird zum Beispiel durch den Dünger aus der Landwirtschaft immer lebensfeindlicher.

Arten leiden unter zu vielen Nährstoffen

Besonders viele Arten, nämlich 51,2 Prozent, sind laut der neuen Roten Liste bei den Zieralgen gefährdet, die sich in nährstoffarmen Gewässern wohlfühlen. Bei der artenreichsten Pflanzengruppe, den Farn- und Blütenpflanzen, sind 27,5 Prozent in ihrem Bestand gefährdet. Auch hier sind die Arten besonders betroffen, die nährstoffarme Standorte bevorzugen: die stark gefährdete Wiesen-Küchenschelle zum Beispiel oder Ackerwildkräuter wie das mittlerweile vom Aussterben bedrohte Flammen-Adonisröschen. "Beide Arten kommen immer seltener vor, weil ihre Standorte verstärkt zu hohen Nährstoffeinträgen und Nutzungsänderungen ausgesetzt sind", erklärt Botaniker Günter Matzke-Hajek, ehrenamtlicher Autor der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen.

"Die Rote Liste unterstreicht einmal mehr, dass ein Umsteuern in der Landwirtschaft und in der Agrarpolitik dringend erforderlich ist. Denn die zunehmende Nährstoffbelastung gefährdet immer mehr Wildpflanzen in Deutschland - sowohl an Land als auch im Wasser." Beate Jessel, BfN-Präsidentin

In den letzten 150 Jahren sind 119 Arten ausgestorben

Die Gesamtbilanz für die in der Roten Liste bewerteten Pflanzen zeigt, dass 119 Pflanzenarten während der vergangenen 150 Jahre ausgestorben sind: Bei 76 Arten der Farn- und Blütenpflanzen sind in Deutschland keine natürlichen Vorkommen mehr bekannt. Auch 39 Moose und vier Kieselalgen sind verschwunden.

Rote Liste zeigt auch, dass sich einige Bestände erholt haben

Doch die neue Rote Liste zeigt auch positive Entwicklungen auf: Die Bestände einiger Moos- und Algenarten haben sich erholt. Auf Bäumen wachsende Moose hätten von einem geringeren Schwefelausstoß und einer verbesserten Luftqualität profitiert, berichtet das BfN. Auf einige Kieselalgen-Arten habe sich die geringe Versauerung von Seen positiv ausgewirkt. Bei 327 Farn- und Blütenpflanzen, die in den vergangenen 150 Jahren seltener wurden, konnte ein weiterer Rückgang während der letzten zwanzig Jahre aufgehalten werden. Bei 18 Arten nimmt der Bestand sogar wieder zu. Hier hätten zum Beispiel Ackerrandstreifen oder Schutzäcker geholfen, vermeldet das BfN. Davon profitierten etwa die stark bedrohten Bestände der Kornrade oder der Dicken Trespe.

"Gezielte Hilfsprogramme des Naturschutzes für einzelne Arten weisen zwar gute Erfolge auf, sie können aber nur die Ultima ratio sein. Um den Artenrückgang auf breiter Front aufzuhalten, müssen wir auf Ebene der Landschaft, bei einer naturverträglichen Landwirtschaft und bei einer umfassenden Verbesserung unserer Gewässer ansetzen." Beate Jessel, BfN-Präsidentin

Die neue Rote Liste der Pflanzen führt die Kornrade (Agrostemma githago) nicht mehr als vom Aussterben bedroht, aber noch als stark gefährdet.

Die neue Rote Liste der Pflanzen führt die Kornrade (Agrostemma githago) nicht mehr als vom Aussterben bedroht, aber noch als stark gefährdet.

Rote Liste zeigt die Pflanzenvielfalt in Deutschland auf

Die neue Rote Liste der Pflanzen ist in der Reihe "Rote Liste der gefährdeten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands" als "Band 7" erschienen. Sie hält auf 784 Seiten die Bestands- und Gefährdungssituation von sechs Pflanzengruppen fest: Farn- und Blütenpflanzen (insgesamt 4.305 Arten), Moose (1.195 Arten), Braun- und Rotalgen des Süßwassers (34 Arten), Schlauchalgen (45 Arten), Zieralgen (968 Arten) und Kieselalgen des Süßwassers (2.103 Arten). Der Band liefert damit einen Überblick über die gegenwärtig in Deutschland vorkommende Pflanzenvielfalt.

Ehrenamtliche Experten helfen bei der Pflanzen-Inventur

Die Autorinnen und Autoren der Roten Listen bewerten die Gefährdung der Arten anhand der Bestandsgröße und der Bestandsentwicklung. Die Analysen werden von vielen meist ehrenamtlichen Artenkennern erarbeitet. Das Bundesamt für Naturschutz koordiniert den Prozess und prüft die Angaben fachlich. Zur aktuellen Roten Liste haben mehr als tausend Experten mit ihren Hinweisen beigetragen.