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FASD: Alkohol in der Schwangerschaft hat Folgen fürs ganze Leben | BR24

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Wenn die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol trinkt, kann das für das ungeborene Kind schwerwiegende Folgen haben. Diese Kinder sind oft kleiner als ihre Altersgenossen und haben Schädigungen im Gehirn, ein Leben lang

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FASD: Alkohol in der Schwangerschaft hat Folgen fürs ganze Leben

Wenn die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol trinkt, kann das für das ungeborene Kind schwerwiegende Folgen haben. Diese Kinder sind oft kleiner als ihre Altersgenossen und haben Schädigungen im Gehirn, ein Leben lang.

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Alkohol gehört in Deutschland zu vielen Anlässen einfach dazu: Hochzeit, Geburtstagsfeier oder das Oktoberfest sind nur wenige Beispiele. Ein Gläschen Wein, ein Bier - diese Getränke kommen harmlos daher, doch während der Schwangerschaft sind sie sehr gefährlich für den Embryo und den Fötus. Sie hemmen ihn in seiner Entwicklung, besonders verletzlich ist dabei das Gehirn. Als FASD fasst man diese Schädigungen zusammen: Fetale Alkoholspektrumstörungen (Fetal Alcohol Spectrum Disorder). Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt der Alkohol getrunken wird, treten andere Probleme auf, sagt die Kinder- und Jugendärztin und Psychologin Mirjam Landgraf. Sie ist Oberärztin am Haunerschen Kinderspital der Universität München.

Zum Beispiel kann das Gehirn insgesamt kleiner bleiben. Oder Verknüpfungen werden nicht aufgebaut:

"Sie können sich das so vorstellen, bei einem gesunden Menschen gibt es von der rechten zur linken Gehirnhälfte richtige Autobahnen, mehrspurig, und bei dem Menschen mit FASD gibt’s da halt nur einen Schotterweg." Dr. Miriam Landgraf, Haunersches Kinderspital, LMU München

Hirnschädigung durch Alkohol in der Schwangerschaft

Rund 10.000 Kinder werden in Deutschland jedes Jahr geboren, die Alkoholschäden in der Schwangerschaft bekommen haben, sagt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Rund 4.000 von ihnen haben das Vollbild "Fetales Alkoholsyndrom" (FAS), die schwerwiegendeste Variante. Sie sind sowohl körperlich als auch geistig beeinträchtigt.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist FAS damit die häufigste Ursache für geistige Behinderungen in Deutschland. Es gibt sehr unterschiedliche Ausprägungen der Schädigung, nur bei einem Teil der Betroffenen findet man die typischen Gesichtsmerkmale: Der Alkohol in der Schwangerschaft verhindert, dass sich das Gesicht normal entwickelt. So bleibt bei ihnen die Oberlippe sehr dünn und die Rinne zwischen Nase und Lippen verflacht. Für Ärztinnen und Ärzte sind das wichtige Kennzeichen zur Diagnose der Erkrankung.

Alltag lässt sich schwer bewältigen mit FASD

Neurologische Schäden haben aber alle Betroffenen. Sie können zum Beispiel schlecht abstrakt denken, Mathematik in der Schule kann dann Probleme bereiten. Oder sie tun sich schwer damit, Ursache- und Wirkungskonzepte zu verstehen. Und: Menschen mit FASD können schlecht planen.

"Da kann man das Duschen nehmen, das ist ein Alltagsbeispiel, was jeder Mensch kennt. Wenn sie sich vorstellen, dass Sie morgens unter die Dusche steigen wollen, da müssen Sie erst ihre Nachtklamotten ausziehen. Dann müssen Sie in die Dusche steigen, sie müssen das Wasser anmachen, sie seifen sich ein, waschen die Seife mit Wasser herunter, sie steigen aus der Dusche, sie trockenen sich ab und dann steigen Sie in frische Kleidung." Dr. Miriam Landgraf, Haunersches Kinderspital, LMU München

Dass Duschen und andere Tätigkeiten im Alltag genauso und in der richtigen Reihenfolge abgearbeitet werden müssen, ist gesunden Kindern schon früh klar. FASD-Betroffene können damit aber bis ins Erwachsenenalter Probleme haben, was sehr anstrengend und frustrierend für sie ist. Obwohl sie ernsthaft üben, einen selbstständigen Alltag können nur rund zehn Prozent der Erwachsenen mit FASD bewältigen. Das liegt natürlich auch daran, dass das Leben mit dem Älterwerden zunehmende komplexer wird.

Dennoch können Betroffene mit FASD erfolgreich gefördert und unterstützt werden. Dazu müssen sie aber auch wissen, dass sie FASD haben. Wer in der Kindheit keine Diagnose bekommt, hat es oft schwer. Denn die Hirnschädigungen bleiben auch bei Erwachsenen bestehen - doch die Betroffenen wissen gar nicht, dass sie existieren.

Erwachsene mit FASD haben es besonders schwer

Claire Coles von der Emroy Universität in den USA forscht zu FASD im Erwachsenenalter. Sie sieht mehrere Probleme in diesem Zusammenhand. Einerseits sind die Kriterien für eine Diagnose auf Vorschulkinder abgestimmt. So sind ein geringes Geburtsgewicht oder die dünne Oberlippe Merkmale. Doch Erwachsene haben in der Regel den Unterschied im Gewicht wieder aufgeholt und die dünne Oberlippe ist auch weniger auffällig. Wer also nicht sicher weiß, dass seine Mutter in der Schwangerschaft getrunken hat, bekommt nur schwer eine Diagnose, weil sie äußerlich gesund aussehen.

"Die meisten sind erleichtert, wenn sie eine eindeutige Diagnose bekommen, den so erklärt sich, warum sie ihr Leben so verwirrend wahrnehmen." Prof. Claire Coles, Emroy Universität, Alabama, USA

Auch ist nicht bekannt, ob der Alkohol langfristig Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen hat, zum Beispiel könnte das Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht sein. Doch dazu gibt es kaum aussagekräftige Studien, bedauert Claire Coles.

FASD ist auch bei Fachleuten selten bekannt

Darüber hinaus kennen viele Ärztinnen oder Lehrer, aber auch Eltern, Behörden und Arbeitgeber das Krankheitsbild gar nicht. Oft unterstellt man den Betroffenen, sie hätten ADHS oder seien einfach schlecht erzogen. FASD hat nur wenig mit Intelligenz zu tun, viele Betroffenen sind sprachbegabt, geschickt mit ihren Händen und sehr einfühlsam.

"Die gehen eben nicht in die Behindertenhilfe, sondern die müssen dann schauen, wie sie zurechtkommen, sobald die Jugendhilfe nicht mehr greift. Aber dazu brauche ich wieder Planungsfähigkeit, denn da muss ich wissen, zu welcher Behörde ich gehen muss, um mir Hilfe zu holen." Dr. Miriam Landgraf, Haunersches Kinderspital, LMU München

Wer Glück hat, dem helfen Eltern oder Pflegeeltern dabei. Wer Pech hat, bleibt auf sich allein gestellt. Viele Betroffene werden dann obdachlos oder sogar kriminell, weil sie häufig gutgläubig sind und dann von anderen Menschen ausgenutzt werden. Das liegt daran, dass sie Ursache- und Wirkungszusammenhänge nicht begreifen und nicht verstehen, wann sie eine Straftat begehen und welche Folgen das haben kann.

Stigmatisierung von Müttern ist problematisch

Ein großes Problem bei FASD ist die Stigmatisierung der Mütter. Einerseits betrifft das Schwangere, die alkoholabhängig sind. Doch auch wer nur gelegentlich ein Glas Wein trinkt, kann dem Kind damit schaden. Zwar ist Alkohol in der Schwangerschaft gesellschaftlich verpönt, andererseits ist bekannt, dass 80 Prozent aller Erwachsenen regelmäßig Alkohol trinken und auch ein Drittel aller Schwangeren. Wenn man nun bedenkt, dass in Deutschland wiederum etwa ein Drittel aller Schwangerschaften ungeplant sind, kann man sich ausrechnen, wie viele ungeborene Kinder ungewollt mit Alkohol in Kontakt kommen. Darum kommt FASD auch in allen Gesellschaftsschichten vor.

Kein Alkohol in der Schwangerschaft

Vielen Schwangeren ist auch bis heute nicht klar, wie gefährlich der Konsum sein kann. Über die Plazenta gelangt der Alkohol in den Kreislauf des Kindes, wo er aber viel langsamer abgebaut wird als bei der Mutter. Bis zu zehn Mal so lang kann das dauern, unter anderem deshalb weil die Leber des Fötus noch nicht fertig ausgereift ist.

Der wichtigste Rat der Experten ist also: Kein Tropfen Alkohol während der Schwangerschaft. Am besten sollten Frauen auch in der Zeit, in der sie versuchen, schwanger zu werden, darauf verzichten. Weil nicht klar ist, zu welchem Moment Alkohol in der Schwangerschaft besonders gefährlich ist, lohnt es sich auch immer, mit Trinken aufzuhören.

Schuldzuweisungen helfen nicht

Mirjam Landgraf warnt vor Schuldzuweisungen. Den betroffenen Kindern nämlich nütze das gar nichts. Im Gegenteil sogar: Leibliche Eltern könnten aus Scham verschweigen, dass in der Schwangerschaft Alkohol konsumiert wurde. Viele Symptome von FASD ähneln zum Beispiel ADHS - und die Kinder bekommen dann diese Diagnose. Doch die Schädigung des Gehirns muss völlig anders behandelt werden als ein Aufmerksamkeitsdefizit. Um Betroffenen, Familien und Angehörigen besser zu helfen, hat Mirjam Landgraf mit Kolleginnen und Kollegen das Deutsche FASD Kompetenzzentrum Bayern gegründet. Hier kann sich jeder melden, auch anonym. Auch FASD-Selbsthilfegruppen sind wichtige Anlaufstellen für Betroffene.

© BR

Alkohol in der Schwangerschaft kann lebenslange Beeinträchtigungen beim Ungeborenen auslösen. 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden deshalb unter Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder gar geistiger Behinderung.