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Deutschland ist das einzige Land in der EU, auf dem es noch kein generelles Tempolimit auf Autobahnen gibt.
© Patrick Seeger, dpa

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Deutschland ist das einzige Land in der EU, auf dem es noch kein generelles Tempolimit auf Autobahnen gibt.

Die Forderung eines Tempolimits polarisiert: Seit bekannt wurde, dass eine Klima-Arbeitsgruppe der Bundesregierung über ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen nachdenkt, wird wieder hitzig diskutiert, was das für Umwelt und Sicherheit bringen würde. Speziell die CSU spricht sich strikt dagegen aus. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sagte der "Bild am Sonntag", derartige Vorschläge seien "gegen jeden Menschenverstand".

Auch der neue CSU-Vorsitzende und Bayerische Ministerpräsident Markus Söder stellte sich gegen ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen. "Das Tempolimit ist eine typisch ideologische Verbotsdiskussion aus der grünen Mottenkiste", sagte Söder dem "Münchner Merkur". Er bezweifelte den Nutzen eines Limits für den Klimaschutz. "Es bringt ökologisch wenig. Wir brauchen neue Technik und keine alten Verbote."

Spritverbrauch steigt exponentiell an

Bei der Debatte um die ökologischen Auswirkungen eines Tempolimits muss man zwischen Klimagasen wie Kohlenstoffdioxid (CO2) und Luftschadstoffen wie Stickstoffdioxid unterscheiden. Der CO2-Ausstoß hängt mit dem Kraftstoffverbrauch zusammen. Bei steigender Geschwindigkeit nimmt der Luftwiderstand und damit der Kraftstoffverbrauch exponentiell zu. Ein Mittelklasse-Pkw verbraucht bei 160 km/h um bis zu 35 Prozent mehr Kraftstoff als bei 130 km/h, wie es im Fragenkatalog für die theoretische Führerscheinprüfung heißt. Dass langsamer fahren Sprit spart, hat auch die OECD in der Studie "Speed Management" von 2006 ermittelt: Dort steht, dass ein Auto bei 90 km/h 23 Prozent weniger Kraftstoff verbraucht als bei 110 km/h.

Schnelles Fahren führt in der Regel nicht zu höherem Schadstoffausstoß

Zu den Schadstoffen, die Verbrennungsmotoren ausstoßen, zählen vor allem Kohlenmonoxid (CO), Kohlenwasserstoff (HC) und Stickstoffoxide (NOx). Um den Anteil der Abgase, die tatsächlich in die Umwelt gelangen, zu minimieren, verfügen die meisten Autos heute über Katalysatoren, die die Abgase durch chemische Reaktionen in ungiftige Endprodukte umwandeln. Benzinfahrzeuge haben einen 3-Wege-Katalysator, der NOx-, CO- und HC-Emissionen neutralisiert. Dieselmotoren verwenden drei Systeme, um die Abgase zu reinigen: Erstens einen Oxidationskatalysator, der unverbrannte Kohlenwasserstoffe und Kohlenmonoxid in Kohlendioxid und Wasser umwandelt. Zweitens einen Dieselpartikelfilter, die die Abgase von Ruß reinigen. Und drittens NOx-Katalysatoren, die die Stickstoffoxid-Emissionen reduzieren.

Die Funktion eines Katalysators hängt nicht von der Fahrgeschwindigkeit, sondern von seinem Volumen und von der Temperatur bei der Katalyse ab: "Wenn die Katalysatoren groß genug ausgelegt sind und die Abgastemperatur in dem für die chemischen Reaktionen geeigneten Fenster liegt, ist die Abgasreduzierung auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten kein Problem", sagt Georg Wachtmeister, Inhaber des Lehrstuhls für Verbrennungskraftmaschinen an der Technischen Universität München. Das gelte für die Katalysatoren in Benzin- und Dieselfahrzeugen gleichermaßen.

Von Scheuer genutzte Studie begrenzt aussagefähig

Auf ein einzelnes Fahrzeug bezogen kann man also sagen: Sehr hohe Geschwindigkeiten schaden der Umwelt vor allem durch den erhöhten CO2-Ausstoß. Deutlich schwieriger ist es, diese Wirkungen für den ganzen Autobahnverkehr in Deutschland zu beziffern. Zwar ist bekannt, dass im Jahr 2017 laut Bundesanstalt für Straßenwesen 246,2 Milliarden Kilometer auf Bundesautobahnen gefahren wurden, nicht aber, wie viele Kilometer davon mit Geschwindigkeiten von mehr als 130 km/h.

Wenn Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer davon spricht, dass ein Tempolimit auf Autobahnen den gesamten CO2-Ausstoß in Deutschland um weniger als 0,5 Prozent senken würde, bezieht er sich auf die Studie "Umweltauswirkungen von Geschwindigkeitsbeschränkungen" des Umweltbundesamtes (UBA) aus dem Jahr 1999, wie eine BR24-Nachfrage ergab. Aufgrund der alten Daten, der Begrenzung auf Westdeutschland, des veränderten Autobestandes und der inzwischen deutlich verschärften Abgasgesetzgebung ist diese UBA-Studie nur noch sehr begrenzt aussagefähig.

Tempolimit würde mindestens eine Million Tonnen CO2 sparen

Neuere Zahlen zur CO2-Einsparung liefert das Handbuch für Emissionsfaktoren für Straßenverkehr (HBEFA). Das ist eine europäische Datenbank, die das Öko-Institut und das International Council on Clean Transportation im Rahmen einer Studie zu Klimaschutz im Verkehr ausgewertet haben. Auftraggeber war die Denkfabrik Agora Verkehrswende, die anstrebt, dass der Verkehr bis 2050 ganz ohne Kohlenstoff auskommt. Basierend auf Daten aus dem HBEFA 3.2 aus dem Jahr 2014 kommen die Forscher zu dem Schluss, dass ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen ab dem Jahr 2020 die CO2-Emissionen des gesamten Auto-Verkehrs in Deutschland um 1,1 bis 1,6 Prozent senken würde. 1,1 Prozent Minderung unter der Annahme, dass 50 Prozent der Autobahnstrecken ohne Tempolimit befahrbar sind, 1,6 Prozent Minderung unter der Annahme, dass auf 70 Prozent der Strecken kein Tempolimit gilt, es also mehr Strecken gibt, auf denen man so schnell fahren darf, wie man will.

Einsparungspotential bis zu 0,2 Prozent der CO2-Emissionen

Derzeit haben laut Bundesverkehrsminister Scheuer 30 Prozent der Autobahn-Kilometer ein Tempolimit und demzufolge 70 Prozent kein Tempolimit. Insofern wäre ein Einsparpotenzial von 1,6 Prozent also das realitätsnähere Szenario. Da der CO2-Ausstoß von Autos in Deutschland 2017 bei ziemlich genau 100 Millionen Tonnen lag, entsprächen 1,1 Prozent etwa 1,1 Millionen Tonnen und 1,6 Prozent etwa 1,6 Millionen Tonnen CO2. Wenn man den gesamten CO2-Ausstoß Deutschlands von 798 Millionen Tonnen zugrunde legt, würden durch ein Tempolimit von 130 km/h also zwischen 0,14 und 0,20 Prozent der deutschen CO2-Emissionen eingespart. Die UBA-Studie, auf die sich Verkehrsminister Scheuer bezieht, hatte von 0,3 Prozent CO2-Einsparung gesprochen, allerdings bei einem Tempolimit von 120 statt 130 km/h. Auch die neueren Zahlen liegen also in der gleichen Größenordnung wie die aus der alten UBA-Studie.

Umweltbundesamt für Tempolimit auf Autobahn

Das Umweltbundesamt befürwortet die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen. Das wäre "ein kurzfristig realisierbarer, kostengünstiger und wirksamer Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen und des Kraftstoffverbrauchs. Zudem würde auch die Verkehrssicherheit erhöht und die Lärm- und Schadstoffemissionen gemindert", heißt es auf der Webseite des Umweltbundesamtes.

Tempolimit würde geringe Kosten verursachen

Auch Ruth Blanck, Senior Researcher Ressourcen & Mobilität am Öko-Institut, findet, dass ein Tempolimit ein Beitrag zum Umweltschutz wäre: "Ein Prozent CO2-Einsparung ist schon etwas. Man kann den Verkehrssektor nicht mit dem Energiesektor vergleichen, wo man ein Kraftwerk abschalten kann." Gerade vom Kosten-Nutzen-Aspekt her sei ein Tempolimit eine der besten Maßnahmen, da es nichts koste, außer ein paar Straßenverkehrsschilder zu ändern.

Zurückhaltender ist Georg Wachtmeister von der TU München: "Der Hebel an CO2-Reduzierung durch Tempolimits ist mehr als verschwindend gering. Dennoch bin ich der Meinung, dass wir alle Möglichkeiten ausschöpfen müssen. Allerdings sollten wir unser Handeln im Gesamtkontext realistisch einordnen."

Fazit

Bei Geschwindigkeiten von mehr als 130 km/h steigt der Kraftstoffverbrauch eines Autos und damit auch die Emission des Klimakillers Kohlenstoffdioxid stark an. Verkehrsforscher gehen davon aus, dass ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen zwischen 1,1 und 1,6 Millionen Tonnen CO2 einsparen würde. Das sind zwischen 0,14 und 0,2 Prozent des gesamten deutschen CO2-Ausstoßes. Inwieweit dieser Wert ein großer oder ein kleiner Beitrag zum Klimaschutz ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Während Ministerpräsident Söder und Bundesverkehrsminister Scheuer von einem geringen ökologischen Nutzen eines Autobahn-Tempolimits sprechen, befürworten das Umweltbundesamt und Verkehrsforscher ein Tempolimit als wirksamen, schnell und günstig umsetzbaren Beitrag zum Klimaschutz.

Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem kein Tempolimit auf Autobahnen gilt.

Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem kein Tempolimit auf Autobahnen gilt.