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Mundschutz im Klassenzimmer (Symbolbild)

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    #Faktenfuchs: Sind Schulen Infektionstreiber?

    Für Schulen war es wechselvolles Jahr zwischen Schulbetrieb, Distanzunterricht und Wechselunterricht. Doch die Frage bleibt: Inwieweit tragen Schulen zum Infektionsgeschehen bei? Der #Faktenfuchs sortiert, was wir wissen und was wir nicht wissen.

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    Von
    • Patrizia Kramliczek

    Was zur Eindämmung der Corona-Pandemie untersagt oder eingeschränkt wird, ist letztlich eine politische Entscheidung. Schulen haben - wie Kitas, der Einzelhandel und Unternehmen - beim Teillockdown diesen Herbst Vorrang erhalten und sollten unter Hygieneregeln und Präventionsmaßnahmen möglichst lange geöffnet bleiben. Aber welche Rolle spielen Schulen im Infektionsgeschehen? Sind sie Infektionstreiber?

    Was wir wissen: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen

    Unabhängig von der Frage, ob und in welchem Maße sich Kinder und Jugendliche in der Schule anstecken, bleibt die Feststellung, dass Infektionen mit Covid-19 Jugendliche und junge Erwachsene keineswegs eher verschonen als Ältere.

    "Schülerinnen und Schüler sind ein wesentlicher Teil des Infektionsgeschehens – das zeigen die Zahlen in anderen europäischen Ländern wie auch aktuelle Zahlen des Robert Koch-Instituts für Deutschland", teilte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina am 16. November mit.

    Der Inzidenzwert habe hierzulande bei den Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Wochen zugenommen, besonders bei den Zehn- bis 19-Jährigen, aber auch im Grundschulalter. Auf der Basis von Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigt die Leopoldina für die Woche von 2. bis 8. November eine Inzidenz von 211,6 bei den 15- bis 19-Jährigen, eine Inzidenz von 127,3 bei den Zehn- bis 14-Jährigen und eine Inzidenz von 88,8 bei den 5- bis 9-Jährigen. Alle diese jungen Bevölkerungsgruppen liegen über dem Schwellenwert für Covid-19-Fälle von 50.

    Zum Vergleich: Der Durchschnittswert der Gesamtbevölkerung liegt bei 146,5 (RKI für die 45. Kalenderwoche). Die 15- bis 19-Jährigen liegen also deutlich darüber. Die 5- bis 9-Jährigen ebenso deutlich darunter. Die Altersgruppe der Zehn- bis 14-Jährigen liegt ebenfalls unter dem Schnitt. Der Inzidenzwert steigt also von jüngeren Kindern und Jugendlichen markant an.

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    Inzidenz bei Kindern nach Meldewoche. Quelle: Leopoldina

    Helmholtz-Studie: Infektionen bei Kindern mit hoher Dunkelziffer

    Eine Studie des Helmholtz Zentrums München, die Ende Oktober 2020 veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass in Bayern sechsmal mehr Kinder und Jugendliche mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert waren als gemeldet.

    Weil Anette-Gabriele Ziegler und ihre Forschergruppe eine breit angelegte Studie zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes durchführten, konnten sie Blutproben von fast 12.000 Kindern in Bayern mit relativ wenig Aufwand auch auf SARS-CoV-2 testen. Das Alter der Kinder lag zwischen 1 und 18 Jahren. Das Helmholtz Zentrum München setzte einen eigens dafür entwickelten zweistufigen Antikörpertest ein. Das Ergebnis: Im Zeitraum von April bis Juli wiesen im Schnitt 0,87 Prozent der Kinder Antikörper auf. Das sind laut Helmholtz Zentrum sechsmal mehr als das Bayerische Landesamt für Gesundheit (LGL) an positiv getesteten 0- bis 18-Jährigen für denselben Zeitraum gemeldet habe.

    "Da viele Personen, bei Kindern knapp die Hälfte, keine COVID-19-typischen Symptome entwickeln, werden sie nicht getestet", sagt Markus Hippich, Erstautor der Helmholtz-Studie.

    Das lässt auf eine hohe Dunkelziffer schließen. In der Studie hatten 47 Prozent der Kinder mit Antikörpern keine Erkrankungssymptome gezeigt. 35 Prozent der Kinder, die mit einem positiv getesteten Familienmitglied zusammenlebten, wiesen Antikörper auf. "Dies deutet auf eine höhere Übertragungsrate hin als in bisherigen Studien beschrieben", teilte das Helmholtz Zentrum mit.

    Monitoring-Studie in Österreich: "Signifikantes Infektionsgeschehen"

    In Österreich wird derzeit eine Monitoring-Studie durchgeführt, mit dem Ziel, die Häufigkeit aktiver SARS-CoV-2-Infektionen an Schulen über einen Zeitraum von zehn Monaten zu bestimmen. Beteiligt sind die Medizinische Universität Graz, die Medizinische Fakultät der JKU Linz und die Universität Wien in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium. Wie der Mikrobiologe Michael Wagner von der Universität Wien im Dezember in der Sendung "Panorama" erklärte, handelt es sich um eine Dunkelzifferstudie: untersucht werden Kinder bis 14 Jahren und die Lehrkräfte, die in die Schule gehen und sich für gesund bzw. nicht infiziert halten. Alle, die aus verschiedenen Gründen krank sind und nicht in die Schule gehen, kommen in der Erhebung nicht vor. Die Studie läuft noch. "In der ersten Runde hat sich gezeigt, dass knapp 0,4 Prozent der untersuchten Personen an den Schulen - und wir hatten über 10.000 Proben aus ganz Österreich - infiziert waren, ohne es zu wissen", sagte Wagner in "Panorama". Jüngere Kinder seien dabei ähnlich oft infiziert gewesen wie ältere Kinder und Lehrkräfte. "In den Schulen gibt es ein signifikantes Infektionsgeschehen", folgert der Wiener Mikrobiologe. Deutlich sei gewesen, dass an Brennpunktschulen mit Kindern, die sozial benachteiligt sind, das Infektionsrisiko "deutlich erhöht" sei.

    Ad-hoc-Analyse von Kinder- und Jugendärzten: Keine hohe Dunkelziffer

    Gegen die Annahme einer hohen Dunkelziffer wenden sich deutsche Kinder- und Jugendärzte mit einer Ad-hoc-Analyse, die sie am 23. November vorstellten. In einer bundesweiten Abfrage, an der sich über 100 deutsche Kinder- und Jugendkliniken beteiligten, habe sich gezeigt, dass bei über 110.000 seit Juli durchgeführten SARS-CoV-2 PCR Tests nur 0,53 Prozent positiv gewesen seien, teilten die Ärzte mit. Durchgeführt wurde die Abfrage von der Universitätskinderklinik Regensburg. Die Stichprobe umfasste Kinder von 0 bis 18 Jahren, die aus unterschiedlichen Gründen in die Klinik gekommen waren. Zum Teil hatten sie Symptome, die möglicherweise von Covid-19 herrührten, zum Teil wurden sie untersucht, weil Covid-19 in der Familie vorkam. Der größte Anteil waren Kinder, die wegen ganz anderer Erkrankungen oder Operationen in die Krankenhäuser gekommen waren.

    Die Kinder- und Jugendärzte sehen es aufgrund ihrer Stichprobe als "sehr unwahrscheinlich" an, dass über die 0,53 Prozent positiv Getesteten hinaus eine hohe Dunkelziffer bei Kindern und Jugendliche vorhanden ist. Dabei weisen die Mediziner darauf hin, dass ihre Stichprobe zu unterscheiden sei von Reihenuntersuchungen der öffentlichen Gesundheitsdienste an Schulen und Kindertagesstätten, bei denen gesunde Kinder untersucht werden. Die Stichprobe beziehe sich außerdem auch nicht auf die erste Phase der Pandemie.

    Die Annahme, dass es eine hohe Dunkelziffer an infizierten Kindern gebe, weil Kinder oft keine Symptome zeigten und deshalb nicht getestet würden, weisen sie zwar nicht völlig zurück. Aber: "Diese Annahme muss man aber jetzt infrage stellen", so der Chefarzt der Passauer Kinderklinik, Matthias Keller. "Wir schließen daraus auch, dass die Ansteckungsgefahr an Schulen eher überschätzt wird", so Keller weiter.

    RKI: Kinder keine Treiber der Pandemie

    Wie anfällig Kinder für Infektionen sind, ist die eine Seite. Die andere, wie ansteckend sie für andere sind. Das allerdings sei bisher selten untersucht worden und könne nicht abschließend bewertet werden, so das RKI. Aber: "Die Ansteckungsrate durch Kinder war in Studien ähnlich hoch wie bei erwachsenen Primärfällen (…). Studien zur Viruslast bei Kindern zeigen keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen (…)." Primärfälle sind diejenigen Fälle, von denen eine neue Infektionskette ausgeht.

    RKI-Chef Lothar Wieler erklärte im Pressebriefing am 19. November, warum gerade Kinder unter zwölf Jahren dennoch keine Treiber des Infektionsgeschehens sind. Zum einen seien die Inzidenzen bei den unter 12-Jährigen nicht so hoch entwickelt wie in anderen Altersgruppen. "Wir sehen zum anderen - das haben wir im Sommer gesehen im Gegensatz zu den ganzen vorherigen Jahren -, dass hier nicht die Kinder dem Geschehen voranlaufen - das ist bei den Atemwegsinfektionen eigentlich eher der Fall, gerade bei Influenza spielt das eine große Rolle - wir sehen im Gegenteil, dass eher die Kinder hinterherlaufen", so RKI-Chef Wieler. Es sehe so aus, als wenn tatsächlich Erwachsene eher Kinder anstecken und dann Kinder natürlich auch andere anstecken.

    Was wir nicht wissen: definitive Ansteckungswege in der Schule

    Dass an Schulen Infektionen stattfinden können, scheint unstrittig. "Natürlich kann in Schulen und in Kitas auch eine Infektion weitergegeben werden", sagte Wieler im Pressebriefing. Die Hygieneempfehlungen des Robert Koch-Instituts sollen das Risiko beherrschbar machen.

    Was sich aber genau an den Schulen in puncto "Ansteckung" bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen abspielt - dazu fehlen weitgehend noch die wissenschaftlichen Erkenntnisse. "Das Ausmaß einer Übertragung innerhalb der Schulen und von den Schulen in die Familien/Haushalte ist weitgehend unklar und Gegenstand der Forschung", so das Robert Koch-Institut.

    Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) drückte sich im ZDF-Morgenmagazin so aus: "Mein Eindruck ist, dass gerade in der Schule eben doch Infektionsgeschehen ist."

    Die Stadt München dagegen sieht die Infektionen "typischerweise" außerhalb der Schule. In einer Mitteilung vom 13. November weist das Münchner Gesundheitsamt darauf hin, "dass die Münchner Schulen nach wie vor kein Treiber des Corona-Infektionsgeschehens sind". Es seien mit Stand der Mitteilung nur 1,3 Prozent der Schulen wegen Corona-Fällen geschlossen.

    "Dabei stellt das Gesundheitsamt fest, dass die positiv getesteten Schüler*innen sich typischerweise im außerschulischen Bereich angesteckt haben. Die Schulen selbst seien dagegen vergleichsweise sichere Orte, da dort die AHAL-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften) konsequent eingehalten werden." Stadt München (13.11.2020)

    Auch die Kinder- und Jugendärzte, die hinter der Regensburger Ad-hoc-Analyse stehen, sehen Schulen nicht als Hauptrisiko: "International als auch national existiert wenig Evidenz, dass es - auch bei den aktuell hohen Inzidenzzahlen - eine deutliche Übertragung innerhalb der Schulen bei Anwendung der Hygienemaßnahmen stattfindet, die zur allgemeinen Krankheitslast weder bei den Schülern noch bei den Lehrern oder bei der Allgemeinbevölkerung beiträgt."

    "Typischerweise" außerhalb der Schule, "wenig Evidenz für eine deutliche Übertragung" in der Schule und noch keine Forschung, die Klarheit schaffen könnte: Schulen sind nach diesen Einschätzungen der Fachleute keine Treiber des Infektionsgeschehens. Aber trotz der verhängten Hygienemaßnahmen schließt auch keiner aus, dass es zur Virusübertragung an Schulen kommt.

    Eine Frage der Nachvollziehbarkeit der Infektionswege

    Das Bayerische Landesamt für Gesundheit (LGL) kann keine klare Feststellung zu den Infektionswegen an Schulen stellen. Denn dem LGL würde zwar nach dem Infektionsschutzgesetz gemeldet, ob infizierte Personen in einer Kita, einer Schule, einem Heim oder einem Ferienlager betreut würden. Das lasse aber nicht den Rückschluss zu, ob auch die Ansteckung in der Einrichtung erfolgte. Dies teilte das LGL dem #Faktenfuchs auf Anfrage mit.

    "Ausbruchsgeschehen in Schulen können erfasst werden, aber die direkten Infektionsketten sind auf Basis der Infektionsschutzgesetz-Meldedaten derzeit nicht abzubilden. Dies ist auch der Infektions- und Verhaltensdynamik geschuldet: Kinder können auch außerhalb der Schule Kontakt haben und der wahrscheinliche Infektionsweg kann nicht bei allen Fällen nachvollzogen werden", so das Landesamt für Gesundheit. Krankheitsausbrüche seien zudem oft mit einem erheblichen Ermittlungsaufwand verbunden und würden sich häufig erst mit der Zeit herauskristallisieren.

    An bayerischen Schulen war mit Stand 9. November 2020 für 0,16 Prozent aller Schülerinnen und Schüler sowie für 0,28 Prozent der Lehrkräfte ein positives Testergebnis auf SARS-CoV-2 gemeldet, teilt das LGL mit und beruft sich dabei auf Zahlen des Kultusministeriums. Ein Prozent der Schulen seien zu diesem Zeitpunkt vollständig geschlossen gewesen, 11,11 Prozent teilweise, das heißt, dass sich dort einzelne oder mehrere Klassen in Quarantäne befanden. Aktuellere Zahlen sind derzeit nicht abrufbar.

    Fazit

    Die Frage, ob Schulen Infektionstreiber sind, lässt sich nicht mit einem pauschalen Ja oder Nein beantworten, weil es etliche Unsicherheiten gibt. Die Forschung hat zu Ansteckungen innerhalb der Schule und von dort aus in die Haushalte noch keine belastbaren Antworten. Infektionsketten sind zudem nicht immer nachvollziehbar. Die Antwort bewegt sich also eher in einem Feld von "Mehr" oder "Weniger". Aussagen zum Beispiel von Kinder- und Jugendärzten oder dem Gesundheitsamt München sprechen dafür, dass das Infektionsgeschehen in Schulen sich in dem Rahmen bewegt, dass nicht von “Treibern” gesprochen werden kann. Der Leiter einer Monitoringstudie aus Österreich spricht hingegen von "signifikantem Infektionsgeschehen" an Schulen. Fest steht, dass Kinder und insbesondere ältere Jugendliche Teil des Infektionsgeschehens sind. Um das Infektionsrisiko beherrschbar zu machen, gelten die bekannten Hygienemaßnahmen.

    Mit Material der Nachrichtenagentur epd.

    Der Artikel wurde am 24.11.20 veröffentlicht. Der Absatz zur Monitoring-Studie in Österreich wurde am 22.12.20 hinzugefügt.

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