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In Eltern-Chats verbreiten sich seit dem Start der Testpflicht an Schulen Gerüchte zu den Corona-Schnelltests.

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    #Faktenfuchs: Selbsttest-Stäbchen sind nicht krebserregend

    In einem weitverbreiteten Video und in Eltern-Chats wird behauptet, die Teststäbchen der Corona-Antigentests wären krebserregend. Das stimmt nicht, auch wenn in der Produktion oft ein krebserregender Stoff zum Entkeimen verwendet wird.

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    Von
    • Elisabeth Kagermeier

    Seit dem Start der Testpflicht an bayerischen Schulen verbreiten sich in Eltern-Chats vermehrt Gerüchte rund um die Selbsttests - genauer gesagt zu den Teststäbchen. "Achtung - krebserregendes Gift auf den Teststäbchen", warnt eine Facebook-Userin, deren Post zwar mittlerweile gelöscht wurde, der aber als Screenshot weiter hundertfach geteilt wird. Zuvor hatte ein britischer User in einem zehntausendfach aufgerufenen Video Ähnliches behauptet. Der Clip wurde von Facebook mittlerweile mit dem Hinweis auf "teilweise falsche Informationen" versehen.

    Der chemische Stoff, um den sich die User Sorgen machen, heißt Ethylenoxid, kurz EO. Der Mann im Video hält die Broschüre zu einem Antigen-Test in die Kamera und sagt: "Lest das hier: Sterilisiert mit Ethylenoxid." Über die Webseite des US-amerikanischen National Cancer Insitute findet er heraus, dass EO Krebs verursachen kann.

    Gerücht beruht auf Fehlschluss

    Beides stimmt soweit - aber die Schlussfolgerung daraus ist falsch. Richtig ist zwar, dass die Stäbchen der Antigen-Tests häufig mit dem Gas EO steril gemacht werden. Auch auf Tests, die in Deutschland verkauft werden, findet sich auf der Verpackung des Teststäbchens der Hinweis "Sterile EO". Und es stimmt auch, dass EO krebserregend sein kann, wie Toxikologen und Chemiker dem #Faktenfuchs bestätigen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung stuft Ethylenoxid in ihrem Gefahrstoffinformationssystem als krebserzeugend für den Menschen und akut giftig ein.

    Der falsche Schluss ist aber, dass das Stäbchen mit EO "beschichtet" sei, wenn man es sich in die Nase schiebt. Genau das behauptet der Urheber des Videos und folgert fälschlicherweise: "Ich flehe euch an, testet eure Kinder nicht, es kann Leukämie, Lymphome, Brustkrebs auslösen." Tatsächlich wird das Ethylenoxid aber nach dem Sterilisieren wieder entfernt.

    Wie das EO von den Stäbchen entfernt wird

    Der Prozess funktioniert so: Die Teststäbchen kommen in eine Vakuumkammer. Dann wird die Luft abgesaugt und entweder pures Ethylenoxid oder in einer Mischung mit Kohlendioxid in die Kammer gegeben. So werden möglicherweise vorhandene Bakterien, Viren und Pilze abgetötet und die Stäbchen steril gemacht. Das Gas ist nämlich nicht nur für den Menschen giftig, sondern auch für Mikroorganismen. Deswegen sei es gut geeignet, um medizinische Geräte zu sterilisieren und diese Organismen abzutöten, sagt Andreas Battenberg, Chemiker und Sprecher der TU München.

    Entscheidend ist: Anschließend wird das Ethylenoxid wieder abgesaugt, sodass ein Vakuum entsteht. Mögliche EO-Reste werden durch Spülen mit Stickstoff entfernt. Wenn der Hersteller das korrekt ausführt, ist das Ethylenoxid hinterher also wieder weg.

    Warum wird überhaupt ein giftiges Gas zum Sterilisieren verwendet?

    Ethylenoxid wird seit Jahrzehnten zur Sterilisierung im Medizinbereich verwendet, auch für vergleichbare Teststäbchen wie die der Corona-Tests. In den USA werden laut der Behörde für Nahrungs- und Arzneimittel etwa 50 Prozent aller medizinischen Produkte - dazu gehören neben Teststäbchen zum Beispiel Katheter oder Verbände - mit EO steril gemacht. Für Deutschland werden laut den zuständigen Behörden keine vergleichbaren Zahlen erfasst.

    Es gibt zwar auch eine gängige Methode zum Sterilisieren ohne schädliche Stoffe: Wenn die Produkte auf über 100 Grad erhitzt werden, sind die Mikroorganismen auch tot. Doch das ist nicht für alle Materialien geeignet - Produkte aus Kunststoff wie etwa medizinische Schläuche würden sich zum Beispiel verformen oder schmelzen. "Deswegen braucht man so ein kaltes Verfahren", sagt Battenberg. Der Vorteil von EO ist nämlich, dass man es auch bei niedrigen Temperaturen anwenden kann.

    Korrekt sterilisierte Stäbchen laut Experte "ungefährlich"

    Es sei ein Standardverfahren, nun auch die Wattestäbchen der Schnelltests mit EO zu sterilisieren, sagt Andreas Battenberg, der Chemiker und Sprecher der TU München. "Das ist aus meiner Sicht völlig unbedenklich". Die mit EO sterilisierten Produkte seien für den Menschen danach "ungefährlich". Es gibt laut Toxikologen und Chemikern keine bekannten Fälle, wo durch EO an einem solchen Teststäbchen je ein Schaden verursacht wurde.

    Belege für die Behauptung, dass er Ethylenoxid auf dem Stäbchen gefunden hätte, liefert übrigens auch der Urheber des viralen Videos nicht: Er sagt in der Aufnahme selbst, dass er das Stäbchen nicht auf EO getestet habe.

    Sind Rückstände von Ethylenoxid möglich?

    Trotz des Absaugens und Spülens sei es aber generell möglich, dass es Rückstände von EO geben könnte, sagt Battenberg. Deswegen gibt es international einheitliche Grenzwerte für die EO-Belastung von Medizinprodukten, die eingehalten werden müssen (Standard der Internationale Organisation für Normung (ISO), Infos auf deutsch hier).

    Darin ist festgelegt: Ein erwachsener Mensch darf durch mögliche Rückstände täglich mit höchstens vier Milligramm EO in Kontakt kommen (angepasste Rückstandswerte für Kinder und Säuglinge nach Gewicht hier abrufbar). Dieser Grenzwert muss auch bei den Teststäbchen eingehalten werden - auch mit Blick darauf, dass man unter Umständen mehrere Tests pro Tag macht. In der Prüfnorm ist festgehalten: Auch bei fünf Anwendungen täglich muss der EO-Restgehalt immer noch unter 4 Milligramm liegen.

    Ein Sprecher des TÜV Süd schreibt dem #Faktenfuchs dazu: "Als Gas verdampft Ethylenoxid so schnell, dass keine Rückstände von mehr als vier Milligramm in den Stäbchen zurückbleiben können, die in irgendeiner Form gefährlich sind."

    Rückstände nach drei Wochen nicht mehr nachweisbar

    Generell halten selbst Skeptiker eine EO-Belastung von Teststäbchen für sehr unwahrscheinlich - so auch der Infektiologe Christian Ruef, der in der Vergangenheit Kritik an der Verwendung von EO im Medizinbereich geübt hat. Der Nachrichtenagentur AFP sagte er, dass die Teststäbchen nach der Produktion durch Lagerung und Transport mehrere Wochen nicht verwendet würden, sodass spätestens bis zur Nutzung keine möglicherweise verbliebenen Rückstände von Ethylenoxid mehr auf den Stäbchen vorhanden seien.

    Auch eine Studie von 2017 zu vergleichbaren Wattestäbchen für die Entnahme von DNA-Proben hat gezeigt, dass drei Wochen nach der Sterilisierung mit EO-Gas keine Rückstände mehr nachweisbar waren. Da EO ein Gas ist, verflüchtigt es sich, auch durch die Verpackung hindurch.

    Wie werden die Grenzwerte überprüft?

    Ob die Grenzwerte und die nötige Entgasungszeit bei der Sterilisation eingehalten werden, prüft der Hersteller selbst und muss es protokollieren. Und er kann sein Produkt von einer sogenannten "Benannten Stelle" testen und zertifizieren lassen, zum Beispiel dem TÜV oder der DEKRA.

    Anders als Masken oder Corona-Tests, die durch geschultes Personal durchgeführt werden, durchlaufen die Selbsttests zurzeit aber kein Konformitätsbewertungsverfahren. Hier wird überprüft, ob das Medizinprodukt konform mit den geltenden Richtlinien ist, bevor es in Deutschland verkauft werden darf. Die Selbsttests werden zurzeit aber per Schnellzulassung auf den Markt gebracht. Wenn aus "Gründen des Gesundheitsschutzes", zum Beispiel bei "akutem Versorgungsmangel", ein reguläres Verfahren nicht abgewartet werden könne, können Hersteller laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine zeitlich befristete Sonderzulassung beantragen. Aktuell hat das BfArM 46 solcher Selbsttests zugelassen (Stand: 22. April).

    Um auf die Liste zu kommen, muss ein Hersteller laut BfArM nachweisen, dass sein Produkt sicher ist und die technischen und medizinischen Leistungen erfüllten. Dazu zählen auch Vorgaben für die Sterilisation nach den internationalen Regeln. Die Behauptung, dass die Wattestäbchen der Tests gesundheitsschädlich seien, bezeichnet die Behörde als "Falschinformation".

    Ob ein Selbsttest nicht nur vom Hersteller, sondern auch von einer unabhängigen Stelle wie dem TÜV geprüft wurde, steht auf der Packung oder in den Herstellerinformationen. Vorsicht: Manche Anbieter machen unrechtmäßig damit Werbung, dass sie TÜV-geprüft seien - obwohl sie es nicht sind. Diese Anbieter sammelt der TÜV auf der Schwarzen Liste (z.B. TÜV Rheinland oder TÜV Süd).

    Immer wieder Fälle von zu hoher EO-Belastung an Lebensmitteln

    Problematisch ist EO dann, wenn es nicht korrekt angewendet oder entfernt wurde und deshalb die Rückstände zu groß sind. Bei Teststäbchen gibt es wie gesagt keinen bekannten Fall und ist es bei üblichen Liefer- und Lagerungszeiten auch nicht möglich - bei Lebensmitteln aber schon. In den letzten Jahren wurden immer wieder Fälle von importierten Sesamsamen aus Indien bekannt, deren Rückstände von EO über dem erlaubten Höchstgehalt von 0,05 Milligramm pro Kilo lagen. Wiederholt wurden deswegen Brotgebäckstangen, Müsli oder vegetarische Burgerpattys, die Sesam enthielten, zurückgerufen.

    In Deutschland ist es schon seit 1981 verboten, Lebensmittel wie Nüsse oder Gewürze mit EO zu sterilisieren. Der Einsatz als Pflanzenschutzmittel ist EU-weit untersagt. In anderen Ländern wird EO aber noch für Lebensmittel verwendet. Wegen der wiederholten Fälle von importierten Produkten, die mehr EO enthielten als erlaubt, gibt es seit letztem Jahr eine EU-weite Kontrollpflicht.

    Können andere Teile der Selbsttests giftige Stoffe enthalten?

    Ja - und so ein Fall wurde auch bereits bekannt. In Hamburg wurden laut dpa für Schulen und Kitas knapp zwei Millionen Tests des koreanischen Herstellers SD Biosensor beschafft, vertrieben von Roche Diagnostics. Die Reagenz-Flüssigkeit enthielt eine giftige Substanz, wie auch die Hamburger Gesundheitsbehörde bestätigte. "Das ist aber nicht etwas, mit dem man physisch in Berührung kommt", sagte Behördensprecher Martin Helfrich der dpa - zumindest, solang man sich an die Anleitung hält. In die Flüssigkeit taucht man den Tupfer, nachdem man die Probe aus der Nase entnommen hat.

    "Die Schnelltests sind geprüft und gesundheitlich unbedenklich", betonte der Sprecher der Hamburger Schulbehörde, Peter Albrecht, gegenüber der dpa. Neben der Freigabe durch das zuständige Bundesamt hätten die an Schulen eingesetzten Tests eine vom Paul-Ehrlich-Institut zusätzlich durchgeführte Evaluierung bestanden. "Sie gelten damit als medizinisch unbedenklich", sagte Peter Albrecht. Laut Gesundheitsbehörde sind inzwischen weitere Lieferungen ohne die giftige Substanz eingetroffen. Die Hamburger Schulen bekommen Tests ohne die bedenkliche Substanz aber mittlerweile von einem anderen Hersteller geliefert.

    Fazit

    Das hochgiftige Gas Ethylenoxid wird standardmäßig verwendet, um Medizinprodukte zu sterilisieren - darunter auch Teststäbchen von Selbsttests. Bevor die Tupfer verpackt und verkauft werden, wird das Gas aber wieder abgesaugt und weggespült. Der Tupfer ist also nicht wie behauptet mit EO "beschichtet", wenn man ihn in die Nase einführt. Nach aktuellen Stand gibt es keine Hinweise darauf, dass die EO-Belastung bei solchen Wattestäbchen über den international festgelegten Grenzwerten liegt. Mögliche EO-Rückstände auf den Stäbchen verflüchtigen sich laut einer Studie und Experten.

    Ob die Grenzwerte eingehalten werden, überprüfen wegen der Schnellzulassungen der Selbsttests in Deutschland die Hersteller selbst oder sie beauftragen damit Benannte Stellen wie Tüv und Dekra. Wer sichergehen will, dass bei dem verwendeten Test die Grenzwerte eingehalten werden, kann also eine Marke wählen, die von unabhängigen Stellen geprüft und zertifiziert wurde.

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