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#Faktenfuchs: Münchens Corona-Inzidenzwert ist richtig berechnet | BR24

© Foto: Peter Kneffel/dpa-Bildfunk

Seit 22.9 herrscht in der Münchner Innenstadt Maskenpflicht

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    #Faktenfuchs: Münchens Corona-Inzidenzwert ist richtig berechnet

    In dieser Woche hat München mehrmals den 7-Tage-Inzidenzwert überschritten. Nutzer behaupten, es sei mit der falschen Einwohnerzahl berechnet worden. Warum das nicht stimmt und wie es sein kann, dass der Inzidenzwert steigt, obwohl der R-Wert sinkt.

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    In den vergangenen Tagen hat München mehrmals den 7-Tage-Inzidenzwert von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten. Einige BR24-Nutzer zweifelten jedoch an der richtigen Berechnung dieses Wertes. Einer wandte sich direkt an uns:

    "Frage an die Verifizierer vom BR24: Warum hinterfragt ihr nicht diesen mit der falschen Einwohnerzahl berechneten Inzidenzwert? Richtig wäre 1,56 statt 1,47 Mio? Ja, wir wären immer noch knapp über 50, aber noch nicht so hektisch... Und wie kann es sein, dass die Reproduktionszahl unter 1 sinkt, aber die Inzidenz trotzdem steigt? Bitte tut eure journalistische Pflicht und hinterfragt..." BR24-Nutzer

    Ein Fall für den #Faktenfuchs.

    Wird der Inzidenzwert mit der falschen Einwohnerzahl berechnet?

    Nein. München gibt zwar auf seiner Webseite eine Einwohnerzahl von 1.557.451 Millionen Einwohner (Stand: 31. August 2020) an. Diese Zahl ist jedoch nicht amtlich. Für die Berechnung des Inzidenzwertes verwenden das Robert Koch-Institut und das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit die amtlichen Einwohnerzahlen des Bayerischen Statistischen Landesamtes.

    Derzeit sind das die Zahlen vom 31.12.2018, zu diesem Zeitpunkt hatte München 1.471.508 Einwohner. Auch die Zahlen aus 2019 liegen schon vor und sollen laut RKI "in ein paar Wochen" genutzt werden können. Am 31.12.2019 hatte München laut Statistischem Landesamt 1.484.226 Millionen Einwohner, also etwas mehr als 2018.

    Zahlen aus dem Melderegister entsprechen nicht der echten Einwohnerzahl

    Die im Vergleich zu den Angaben des Statistischen Landesamtes höheren Einwohnerzahlen von München sind auf unterschiedliche Berechnungsmethoden zurückzuführen. Bei den Zahlen die die Stadt veröffentlicht, handelt es sich um einen Auszug aus dem Einwohnermelderegister, das allerdings "nicht dafür gedacht ist, die Einwohnerzahl zu ermitteln", wie Jan Kurzidim, Fachgebietsleiter Bevölkerung beim Statistischen Landesamt, zu BR24 sagt.

    Das Statistische Landesamt arbeitet hingegen mit errechneten Werten: Grundlage ist der Wert der jüngsten allgemeinen Bevölkerungszählung, dem sogenannten Zensus aus dem Jahr 2011. Bei dieser Stichprobe besuchen Mitarbeiter des Statistischen Landesamtes zehn Prozent der Haushalte und überprüfen, ob die dort gemeldeten Personen auch tatsächlich dort wohnen.

    Zahlen müssen um "Karteileichen" und "Fehlbestände" korrigiert werden

    Dabei werden regelmäßig eine Reihe von "Karteileichen" entdeckt: Personen, die inzwischen weggezogen sind, ohne sich abgemeldet zu haben. Gerade bei Ausländern, die zurück in ihre Heimat gehen, kommt das häufiger vor.

    Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass die Mitarbeiter an einer Adresse Personen antreffen, die dort nicht gemeldet sind. In der Statistik heißt das "Fehlbestände". Auf Basis dieser Stichprobe korrigieren die Statistiker die Einwohnerzahlen, in der Regel nach unten. "In Großstädten wie München ist die Differenz in der Regel größer als in kleineren Kommunen", erklärt Kurzidim die Differenz von rund 70.000 Einwohnern zwischen den Zahlen von München und denen des Landesamtes.

    Zu dem im Zensus ermittelten Wert addiert das Statistische Landesamt in der Zwischenzeit Geborene und Zugezogene und zieht Verstorbene und Weggezogene ab. Dieses Verfahren nennt man amtliche Bevölkerungsfortschreibung. Der nächste Zensus war ursprünglich für 2021 geplant, verschiebt sich durch Corona aber auf 2022.

    Wie kann es sein, dass die Reproduktionszahl unter 1 sinkt, aber die Inzidenz trotzdem steigt?

    Die beiden Werte messen bzw. schätzen unterschiedliche Parameter des Infektionsgeschehens und beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume. Deswegen sind sie nicht direkt miteinander vergleichbar.

    Die Reproduktionszahl (auch R-Wert genannt) gibt an, wie viele andere Menschen eine mit dem neuartigen Coronavirus infizierte Person ansteckt. Je deutlicher R über 1 liegt, umso schneller breitet sich das Virus aus. Je weiter R unter 1 liegt, desto weniger Neuinfektionen sind zu erwarten.

    Wie errechnet sich der R-Wert?

    Beim R-Wert handelt es sich um einen Wert, der auf Modellrechnungen beruht. Seit Mai veröffentlicht das RKI den so genannten "7-Tage-R". Dieser Wert ergibt sich, indem das RKI den 7-Tages-Mittelwert der Neuerkrankungen eines Tages durch den 7-Tages-Mittelwert von vier Tagen zuvor teilt.

    Ein Beispiel: Am 19. September meldete das RKI für München einen R-Wert von 1,12. Dieser Wert basiert auf der geschätzten Anzahl von Neuerkrankungen bis zum 15. September. Er berechnet sich als Summe der Neuerkrankungen zwischen dem 9. und 15. September - geteilt durch die Summe der Neuerkrankungen zwischen dem 5. und dem 11. September.

    Das 7-Tage-R bezieht sich damit auf die Neuerkrankungen vom 9. bis zum 15. September. Das RKI geht davon aus, dass sich die neu am Coronavirus erkrankten Menschen vier bis sechs Tage davor angesteckt haben, also zwischen dem 3. und dem 11. September. Damit liegt das vom RKI geschätzte Infektionsgeschehen acht bis 16 Tage vor dem 19. September.

    Der Unterschied zwischen Inzidenz- und R-Wert

    Im Gegensatz zum 7-Tage-R-Wert gibt die 7-Tage-Inzidenz an, wie viele Menschen in einer Stadt oder einem Landkreis in einem Zeitraum von sieben Tagen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Um den Wert deutschlandweit vergleichbar zu machen, wird er pro 100.000 Einwohner angegeben.

    Die Berechnung ist einfach: Man addiert die täglich gemeldeten Neuinfektionen der vorangegangenen sieben Tage, teilt die Summe durch die Einwohnerzahl von Stadt oder Landkreis und multipliziert dies mit 100.000.

    Der Inzidenzwert misst die Zahl der Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner, während der R-Wert schätzt, wie viele Personen ein Erkrankter zu einem bestimmten Zeitpunkt im Durchschnitt ansteckt.

    So ist es auch zu erklären, dass die Reproduktionszahl in München vom 18. zum 19. September und vom 19. zum 20. September gesunken ist, während gleichzeitig der Inzidenzwert gestiegen ist.

    Mit Hilfe des 7-Tage-Inzidenzwertes können die Behörden einschätzen, ob die Zahl der Neuinfektionen klein genug ist, um die Infektionsketten effektiv nachvollziehen zu können. Außerdem haben die Behörden immer im Auge, dass die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems nicht durch schwere Verläufe überlastet wird.

    7-Tage-Inzidenzwert ist die relevante Größe für Corona-Maßnahmen

    Im Mai haben Bund und Länder die 7-Tage-Inzidenz als Richtwert für lokale Corona-Maßnahmen festgelegt. Ab dem bundesweiten Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sollten Lockerungen zurückgenommen werden. München reagierte mit schärferen Kontaktregeln und einer Maskenpflicht im Zentrum auf die Überschreitung des Grenzwertes. In Bayern gibt es darüber hinaus einen Frühwarnwert: Ab 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen sollten Städte und Gemeinden ihre Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus überprüfen.

    Fazit: Münchens Inzidenzwert stimmt

    Die Berechnung des Münchener Corona-Inzidenzwerts ist korrekt, weil das Robert Koch-Institut dafür die vom Statistischen Landesamt ermittelte Einwohnerzahl Münchens verwendet, die niedriger ist als die Zahl, die München selbst angibt. Das Statistische Landesamt zieht jedoch sogenannte “Karteileichen” ab: Menschen, die noch in München gemeldet sind, obwohl sie weggezogen sind.

    Dass die Reproduktionszahl sinkt, während der Inzidenzwert steigt, ist damit zu erklären, dass die beiden Werte nach unterschiedlichen Methoden berechnet werden und sich vor allem auf unterschiedliche Zeiträume beziehen.

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