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Bäume pflanzen für Extra-Cent Spritkosten – Was ist dran am Klima-Projekt von Shell?
© picture alliance / ANP
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Bäume pflanzen für Extra-Cent Spritkosten – Was ist dran am Klima-Projekt von Shell?

Seit Mitte April bietet der Ölkonzern Shell seinen Tankstellenkunden in den Niederlanden einen Klimadeal an. Autofahrer, die an einer der Tankstellen des Unternehmens Benzin oder Diesel kaufen, können pro Liter einen Cent mehr bezahlen. Dafür verspricht Shell, dass Bäume gepflanzt werden. Diese sollen dann das Kohlendioxid wieder binden, das bei der Herstellung des Treibstoffes und dessen Verbrennung entstanden ist.

Für Kunden, die die besonders teuren "Premium-Sorten" von Shell kaufen, ist das Geschäft sogar kostenlos, wie es heißt. Ähnliche Angebote soll es im Laufe des Jahres auch in anderen europäischen Ländern geben.

Pflanzprojekte in Spanien, den Niederlanden und Peru

Pro Tankfüllung, wenn also beispielsweise 50 Liter getankt werden, gehen damit 50 Cent in sogenannte CO2-Zertifikate. Angaben von Shell zufolge werden damit dann Naturprojekte in Peru, Indonesien oder auch den USA unterstützt. Hinzu kämen eigene Projekte, bei denen beispielsweise Bäume in den Niederlanden gepflanzt oder ein Wiederaufforstungsprojekt in Spanien unterstützt werden.

2,4 Tonnen CO2 auf 10.000 Kilometer

Die Rechnung dahinter sieht in etwa so aus. Wird in einem Automotor ein Liter Benzin verbrannt, entstehen dabei rund 2,5 Kilogramm Kohlendioxid (bei Diesel bis zu drei Kilogramm). Pro Tankfüllung, mit 50 Litern, entstehen so in etwa 125 Kilo CO2. Ein Auto mit acht Litern Verbrauch auf einhundert Kilometer kommt dabei 625 Kilometer weit.

Hinzu kommt noch das Kohlendioxid, das bei der Förderung des Rohöls, dessen Transport, in der Raffinerie und bei der anschließenden Beförderung des Kraftstoffs zur Tankstelle entstanden ist. Grob geschätzt kommen dadurch weitere 20 Prozent CO2 obendrauf.

Damit also das Kohlendioxid gebunden wird, das ein Auto bei einer rund 600 Kilometer weiten Fahrt verursacht, muss ein Baum etwa 150 Kilogramm CO2 aufnehmen, um das zu kompensieren.

Bei 10.000 Kilometern im Jahr sind das also bei einem Benziner, nach dieser Rechnung, 2,4 Tonnen Kohlendioxid.

Pro Auto und Jahr über 190 Bäume

Eher grob wird die Abschätzung dann, wenn es darum geht, wie viel CO2 ein Baum eigentlich speichern kann. Und das ist ja genau der Zusammenhang, den Unternehmen wie Shell in solchen Projekten herstellen.

Dem Forstingenieur Daniel Klein zufolge, der sich im Rahmen seiner Tätigkeit für das Waldzentrum der Universität Münster mit solchen Fragen beschäftigt hat, hat dazu für das Handelsblatt einmal folgende Abschätzung gemacht:

"Um eine Tonne CO2 aufnehmen zu können, muss eine Buche etwa 80 Jahre wachsen. Das heißt: Pro Jahr bindet die Buche 12,5 Kilo des Treibhausgases. Sie müssten also 80 Bäume pflanzen, um jährlich eine Tonne CO2 durch Bäume wieder zu kompensieren." Daniel Klein, Forstingenieur

In den ersten Jahren bindet der Baum dabei so gut wie kein CO2, später wird es dann mehr.

Für die hier aufgeführte Rechnung bedeutet das: Es sind 192 Buchen notwendig, die achtzig Jahre alt werden, um das CO2 von 10.000 Kilometer Autofahren zu binden.

Greenpeace: "Kunden werden hinters Licht geführt"

Umweltschützer halten den Ansatz von Shell für keine gute Idee. Benjamin Stephan beispielsweise, der sich bei Greenpeace mit dem Thema Verkehr beschäftigt und auch Kampagnen verantwortet, sagt, "das ist absolut nicht sinnvoll und führt die Kunden hinters Licht." Um die Pariser Klimaziele erreichen zu können, müsse man alles im Boden lassen, was man an fossilen Brennstoffen im Boden lassen könne.

"Das dicke SUV wird nicht klimafreundlich, nur, weil ich das dann mit dem Sprit von Shell betanke, mit dem Shell dann noch ein paar Euro in so ein Aufforstungsprojekt investiert hat." Benjamin Stephan, Greenpeace

Was Shell hier betreibe sei eine Art "Ablasshandel". Der Mineralölkonzern suggeriere damit seinen Kunden, es könne alles so weitergehen, wenn man einen Baum pflanze. Dem sei aber nicht so. Es brauche eine Verkehrswende mit dem Umstieg zu effizienteren Verkehrsträgern als dem Auto. Sei es dem Fahrrad, besseren Angeboten im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, sowie Autos mit CO2-neutralem Antrieb, also Elektro- oder Wasserstofffahrzeugen.

Die Verbraucher müssten sich bewusst sein, so Stephan, dass sie durch die Nutzung eines herkömmlichen Autos zum Klimawandel beitrügen. Außerdem bezweifelt er, dass Aufforstungsprojekte am Ende auch wirklich die versprochenen CO2-Effekte haben. Häufig hätten sie durch schnellwachsende Monokulturen auch negative Effekte beispielsweise auf das Grundwasser und so weiter.

Atmosfair: "Kompensieren nur zum richtigen Preis"

Auch die Organisation Atmosfair hält wenig von der Shell-Aktion. Besser sei es, den Ausstoß von CO2 zu vermeiden. Wenn man allerdings den Ausstoß kompensieren wolle, müsse das zum richtigen Preis geschehen, so Julia Zhu. Sie leitet den Bereich Unternehmenskooperationen.

Das Programm sei irreführend, da dadurch Autofahren nicht klimaneutral werde – auch wenn es begrüßenswert sei, dass Shell sich mit Klimaschutz befasse.

"Der Schaden, der dadurch entsteht, dass man Brennstoff verbrennt, lässt sich eben nicht neutralisieren, sondern man kann das höchstens kompensieren. Und beim Kompensieren ist es aber wichtig, dass man das im Kontext von 'Vermeiden und Reduzieren' betrachtet. Es ist nur dann sinnvoll, zu kompensieren, wenn sich etwas nicht vermeiden oder reduzieren lässt." Julia Zhu, Atmosfair

Und gerade beim Autofahren gebe es ja mittlerweile mit Elektroautos und dem Öffentlichen Nah- und Fernverkehr meistens eine Alternative, so Zhu. Auch sei es für ein Unternehmen wie Shell sinnvoller, die Investitionen in Erneuerbare Energien und emissionsfreie Treibstoffe zu stecken, als an fossilen Brennstoffen zu kleben und diese dann "billig freizukaufen".

Klimaschutz ganz nebenbei?

Hinzu komme, dass der Preis, mit einem Cent pro Liter, nicht angemessen sei – das sei irreführend. Es suggeriere, Klimaschutz passiere nebenbei. Das werte das Thema ab. Das Umweltbundesamt plädiere beispielsweise für 180 Euro pro Tonne CO2. Das wären dann 45 Cent pro Liter Treibstoff. Das greifen auch die Schüler bei "Fridays for future" auf.

Atmosfair übt aber auch grundsätzliche Kritik an Aufforstungsprojekten. Häufig werde das CO2, das die Bäume binden, bald wieder freigesetzt. Zum Beispiel, weil die Bäume wieder gefällt würden, weil sie auf den Plantagen krank wurden. Den Baumbestand über Jahrzehnte zu gewährleisten sei in den meisten Projekten überhaupt nicht möglich.

Atmosfair setzt selber deshalb woanders an. Die Organisation pflanzt keine Bäume, sondern verhindert bei Kompensationsprojekten deren Abholzung, beispielsweise durch das Verteilen von Öfen, die weniger Brennholz brauchen.

Fazit

Das Programm von Shell zeigt zwar Klimabewusstsein, aber offenbar mehr als Marketingmaßnahme, denn mit echter Wirkung. Zum einen ist der Betrag zu niedrig, zum anderen ist Autofahren mit Verbrennungsmotoren heute schon häufig vermeidbar.

Statt also den einen Cent pro Liter draufzulegen, und sich damit – ohne allzu große Berechtigung – ein reines Gewissen zu erkaufen, wäre es sinnvoller, immer mal wieder das Auto stehen zu lassen und damit einen echten Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.