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Ein chinesischer Forscher behauptet, dass erstmals gentechnisch veränderte Babys geboren wurden.
© picture alliance/Ulrich Baumgarten
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Ein chinesischer Forscher behauptet, dass erstmals gentechnisch veränderte Babys geboren wurden.

Der chinesische Forscher He Jiankui von der Southern University of Science and Technlogy in Shenzhen berichtet in einem Exklusiv-Interview mit der US-amerikanischen Presseagentur "Associated Press" (AP) von seinem Experiment.

Dazu habe er das Erbgut von zwei Embryonen gentechnisch verändert, mit der Methode Crispr/Cas9, die momentan die Gentechnik revolutioniert. Doch in den Keimzellen von Menschen wurde sie bislang noch nicht erfolgreich angewendet. Bislang liegen weder die Studie noch unabhängige Bewertungen des Experiments vor, doch sollte sich die Behauptung bewahrheiten, hat das Konsequenzen für Wissenschaft und Ethik.

Kritik an Genmutation aus China

Aus der chinesischen Forschungsgemeinschaft kommt Kritik. 120 Wissenschaftler haben einen Protestbrief verfasst.

"Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden. Es ist zwar möglich, dass die Kinder, die diesmal geboren wurden, für einen bestimmten Zeitraum gesund sind. Aber die potenziellen Risiken und Schäden für die gesamte Menschheit, die durch einen ungerechtfertigten Einsatz des Verfahrens in der Zukunft entstehen können, sind unermesslich." Protestbrief chinesischer Wissenschaftler

Die Versuche seien ein "schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft". Aufsichtsbehörden sollten schnell handeln und eine umfassende Untersuchung des Vorfalls durchführen: "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, und wir haben möglicherweise eine Chance, sie zu schließen, bevor der Schaden irreparabel ist."

Universität: "Wir wussten nichts von den Gentests."

Die Shenzhener Universität, an der He Jiankui forscht, wies am Montag jedes Wissen über seine Experimente zurück. "Wir sind zutiefst schockiert", hieß es in einer auf der Website der Hochschule veröffentlichten Mitteilung. Die Forschungsarbeiten wurden demnach außerhalb der Universität durchgeführt. Auch habe He Jiankui die Hochschule nicht über seine Arbeit unterrichtet. He habe "ernsthaft gegen die akademische Ethik und akademische Normen" verstoßen. Ein Gremium sei damit beauftragt worden, eine eingehende Untersuchungen des Falls durchzuführen.

Bei Genmanipulation von Embryonen klare Grenzen setzen

Auch eine der Entwicklerinnen der sogenannten "Genschere", die US-Forscherin Jennifer Doudna, kritisiert die Experimente:

"Wenn sich das bestätigt, stellt diese Arbeit einen Bruch mit dem zurückhaltenden und transparenten Vorgehen der globalen Wissenschaftsgemeinde bei der Anwendung von Crispr/Cas9 zum Editieren der menschlichen Keimbahn dar." Prof. Jennifer Doudna, Universität Berkley, USA

Es sei dringend erforderlich, der Genmanipulation bei Embryos klare Grenzen zu setzen. Sie dürfe nur dort zum Einsatz kommen, wo eine deutliche medizinische Notwendigkeit bestehe und keine andere Behandlungsmethode existiere.

Ethikrat ist besorgt

"Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von Crispr/Cas9 genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU. Dass ausgerechnet am Tag vor dem weltweiten Wissenschaftsgipfel, der über den verantwortlichen Umgang mit dem Genome Editing beim Menschen berät, ein solches Experiment bekannt wird, kann ja fast nur als Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft gewertet werden. Hier hält man sich nicht an international vereinbarte Standards innerhalb der Wissenschaftscommunity." Prof. Dr. Peter Dabrock, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Die Nachricht über die gentechnisch veränderten Kinder kommt einen Tag vor Beginn des "Second International Summit on Human Genome Editing", der morgen an der Universität Hongkong beginnt und auf dem Pioniere des Genome Editing sprechen werden.

Crispr/Cas9 schneidet Gene aus

Insgesamt hat He Jiankui nach eigenen Angaben 16 Embryonen von sieben Paaren, die sich einer künstlichen Befruchtung (IVF) unterzogen haben, mit Crispr/Cas9 behandelt. Dabei handelt es sich um eine sogenannte "Genschere", ein Eiweiß, das ziemlich genau im Erbgut einzelne Gene herausschneiden kann. Die Methode wurde auch schon vorher in Studien verwendet, zum Beispiel haben die Briten 2016 mit ersten Versuchen an Embryonen begonnen, doch bislang ohne Erfolg. Ansonsten gibt es Versuche, um bei einzelnen Personen Krankheiten zu therapieren.

Der Unterschied hier: Die Veränderungen betreffen, sollte alles geklappt haben, alle Zellen im Körper der Zwillinge und können auch an ihre Nachkommen weitergegeben werden. In diesem Fall soll Crispr/Cas9 ein mögliches genetisches Einfallstor ausgeschaltet haben, über das das Aids-Virus HIV in die menschlichen Zellen eindringen können soll.

Nur elf der behandelten Embryonen wurden später in insgesamt sechs IVF-Zyklen wieder in die Frauen eingesetzt, am Ende kam es zu einer erfolgreichen Schwangerschaft, die der Zwillingsmädchen. Die bislang bekannten Daten zeigen aber, dass in der Studie Föten genetisch getestet worden sind, die sogar 24 Wochen, also sechs Monate, alt waren. Es ist nicht bekannt, ob diese Schwangerschaften ausgetragen wurden.

Genschere nicht ganz erfolgreich

Vollständig geklappt hat die Behandlung laut AP-Bericht aber nur bei einem der beiden Zwillingsmädchen, hier wurden beide verantwortlichen Gene entfernt. Bei dem anderen Mädchen wurde nur ein Gen herausgeschnitten, sie kann also weiterhin mit HIV infiziert werden, aber die Krankheit würde bei ihr möglicherweise weniger aggressiv verlaufen als ohne Genbehandlung.

Mit diesem Experiment setzt sich der chinesische Forscher schon jetzt massiver Kritik aus aller Welt aus. Einerseits ist nicht klar, ob Crispr/Cas9 in diesem Fall tatsächlich für die Erbgutveränderungen verantwortlich ist. Kritiker aus den USA sagen, dass Crispr/Cas9 zumindest bei einem der Babys nicht vollständig funktioniert habe, in ihrem Körper seien unterschiedlich veränderte Zellen vorhanden.

"Bei diesem Kind hat man nichts gewonnen in Bezug auf eine Sicherheit vor HIV und gleichzeitig wird es unbekannten anderen Risiken ausgesetzt." Dr. Kiran Musunuru, University of Pennsylvania, USA im AP-Interview

Unbekannte Folgen der Genschere in der Keimbahn

Es ist nicht klar, ob es zu bislang unbekannten Nebenwirkungen kommen kann, wenn diese Gene herausgeschnitten wurden, vielleicht benötigt der Körper sie noch für andere Vorgänge. So ist zum Beispiel heute schon bekannt, dass Menschen, bei denen eines der nun herausgeschnittenen Gene natürlicherweise fehlt, sich leichter mit anderen Viruserkrankungen anstecken können, wie dem West-Nil-Virus oder dass die Influenza häufiger tödlich verläuft.

Darüber hinaus fällt die Behandlung von Aids durch Crispr/Cas9 in eine ethische Grauzone. Durch die Gentechnik wird ja grundsätzlich keine Krankheit verhindert, denn die Mädchen sind HIV-negativ, sondern es entsteht eine Art Gesundheitsvorteil, ähnlich wie bei einer Impfung.

Sorge vor "Designer-Babys"

Zweitens sieht sich He Jiankui mit massiven ethischen Vorwürfen konfrontiert. Manche werfen ihm sogar "Menschenversuche" vor und warnen vor "Designer-Babys". So sei auch nicht klar, ob die Elternpaare genau wussten, auf was sie sich eingelassen haben, so der AP-Bericht. Nachdem nun die ersten Kinder innerhalb der Studie geboren wurden, sind weitere IVF-Versuche erstmal ausgesetzt, um die Sicherheit der Behandlung abzuklären.

Genforscher weißt Kritik zurück

He Jiankui selbst lässt sich von der Kritik nicht abschrecken. In einer Reihe von Youtube-Videos erklärt er seinen Standpunkt zu Crispr/Cas9:

"Es ist nur für wenige Familien geeignet. Für eine kleine Anzahl von Kindern ist diese Art Gen-Operation möglicherweise die einzige Art und Weise, um eine Erbkrankheit zu heilen und ein Leben voll Leiden zu verhindern. Wir hoffen, dass Sie Mitleid mit ihnen haben. Ihre Eltern wollen kein Designer-Baby. Nur ein Kind, das nicht an einer Krankheit leidet, die die Medizin nun verhindern kann." He Jiankui, Universität Shenzhen, China

Im Footer des Youtube-Videos verspricht der Forscher eine baldige Veröffentlichung seiner Daten. Bis dahin kann nur spekuliert werden, ob und wie die möglicherweise allererste Genveränderung in der Keimbahn von Menschen geklappt hat. Die Diskussion über diese Art von Forschung hat aber schon begonnen und muss international weitergeführt werden.

Die Neben- und Spätfolgen sind noch unabsehbar und schwer zu kontrollieren. Die Menschheit muss ein Mitspracherecht haben. Immerhin handelt es sich um einen Eingriff in die biologische Grundlage des Menschen." Prof. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Menschenrechte und Genome Editing

Auch Prof. Christiane Woopen sieht die Berichte über die ersten Crispr-Babys kritisch. Die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats sieht in ihnen einen "Weckruf für die internationale Gemeinschaft":

"Darüber hinaus verstößt ein solcher Eingriff in das embryonale Genom im Rahmen der Fortpflanzung gegen internationale Menschenrechtsdokumente. Die chinesischen Forscher haben Menschenrechte verletzt und der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft schweren Schaden zugefügt. Das sollte die internationale Gemeinschaft nicht dulden." Prof. Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats

In Europa und den USA ist es momentan verboten, einen Embryo gentechnisch zu verändern und ihn danach mit dem Ziel einer Schwangerschaft einer Frau einzusetzen. Auch in China ist das laut einer Richtlinie von 2003 nicht zugelassen. Ob He Jiankui für seine Versuche eine Sondergenehmigung bekommen hat, ist nicht bekannt.

Wirtschaftliche Interessen des Genforschers?

Klar ist jedenfalls: He Jiankui hält mehrere Patente für Techniken zur Veränderung von Erbgut, handfeste finanzielle Interessen dürften daher zumindest Teil seiner Motivation sein. Studiert hat der Forscher an den Universitäten Rice und Stanford in den USA, bevor er in seine Heimat zurückkehrte und die Leitung eines Labors an der Southern University of Science in der südchinesischen Stadt Shenzhen übernahm. Laut chinesischen Staatsmedien besitzt er auch eine Firma für Gentestgeräte.