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Erektionsstörungen und Depressionen durch Haarwuchsmittel | BR24

© dpa / Martin Gerten

Haarausfall macht vielen Männern zu schaffen. Sie greifen deshalb auch zu harten Mitteln.

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    Erektionsstörungen und Depressionen durch Haarwuchsmittel

    Finasterid hilft gegen Haarausfall. Doch die Nebenwirkungen sind schwerwiegend - und treten zum Teil erst Jahre nach der Einnahme auf. Nun ziehen Betroffene vor Gericht.

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    Irgendwann trifft es die meisten Männer: Das Kopfhaar wird dünn. Wen das stört, hat die Möglichkeit, mit einem Medikament entgegenzuwirken. Ein erfolgreicher Wirkstoff heißt Finasterid, das im Original unter dem Namen Propecia verkauft wird. Doch Finasterid hat starke Nebenwirkungen, die zum Teil erst nach der Beendigung der Einnahme des Medikaments auftreten.

    Ein Betroffener, der anonym bleiben möchte, schildert dem BR seinen Fall. Zwölf Jahre lang nahm er Propecia ein. Zwei Jahre nach dem Absetzen des Medikaments begann er unter extremer Ruhelosigkeit zu leiden: "2014 habe ich festgestellt, ich kann gar nicht mehr müde werden“, berichtet er. "Es ist so schlimm geworden, dass ich mehrere Tage nicht mehr geschlafen und mich wirklich in die Arbeit geschleppt habe. Ich dachte: Jetzt kippe ich jeden Moment um und bin tot." Nachdem sich der Betroffene sein Leiden jahrelang nicht erklären konnte, stellte er den Zusammenhang zu dem Medikament her, das er gegen seinen Haarausfall eingenommen hatte.

    Der Tausch: Haare gegen Libido

    Der Münchner Dermatologe Dr. Christoph Liebich bestätigt die Wirkung des Medikaments: "Finasterid stoppt den Haarausfall. Aber was weg ist, ist meistens weg. Es wächst zwar etwas nach, aber nicht besonders viel", erklärt Liebich. Er warnt seine Patienten stets vor den Nebenwirkungen, die während der Einnahme von Finasterid auftreten können. Dazu gehören Erektionsstörungen, verminderte Libido und Depressionen. Viele Männer sind bereit, diese Risiken in Kauf zu nehmen.

    Ein Eingriff in den Hormonhaushalt

    Finasterid bremst über ein Enzym die Wirkung des Sexualhormons Testosteron. Doch dieser Eingriff in den Hormonhaushalt kann nicht nur den Haarausfall stoppen. Testosteron hat im Körper viele verschiedene Aufgaben, unter anderem beeinflusst es die Knochen, die Blutbildung und die Muskulatur. "Es ist aber auch ein Hormon, das für die Stimmung verantwortlich ist", erklärt der Münchner Endokrinologe und Androloge Prof. Günter Stalla. "Da kann es natürlich das Problem geben, vor allem, wenn schon eine depressive Grundstimmung besteht, die Depressivität wesentlich verstärkt wird."

    Verspätete Nebenwirkungen: "Post-Finasterid-Syndrom"

    Doch nicht nur während der Einnahmezeit soll es zu solchen Problemen kommen. In letzter Zeit häufen sich Berichte von Patienten, die auch nach dem Absetzen des Wirkstoffs unerwünschte Symptome feststellen. Unter dem Begriff "Post-Finasterid-Syndrom" werden diese Phänomene zusammengefasst. Inzwischen warnt auch das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

    Doch wie es sein kann, dass Nebenwirkungen, die in ihrer Art und Ausprägung sehr unterschiedlich sind, erst Jahre nach der Einnahme des Wirkstoffs auftreten, ist noch unklar und umstritten.

    Betroffene Männer klagen gegen Hersteller

    In den USA haben bereits 1.400 Männer wegen Finasterid-Nebenwirkungen gegen ein Pharmaunternehmen geklagt. Auch in Deutschland werden nun die ersten Klagen von Betroffenen gegen Herstellerfirmen eingereicht. Die Berliner Medizinrechts-Kanzlei Heynemann vertritt die Geschädigten. Dort haben Betroffene die Möglichkeit, sich über eine Prozessfinanzierung dem Verfahren anzuschließen. Welche Chancen die Betroffenen auf Schadensersatz und Schmerzensgeld haben, ist noch offen.