Ein ukrainischer Soldat steht an einer Straßenblockade und hält die ukrainische Flagge hoch.

Die ukrainische Gegenoffensive läuft. Welche Auswirkungen hat der weitere Kriegsverlauf auf die Situation in Deutschland im Winter?

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    Rettet uns die Ukraine aus der Energiekrise?

    Rettet uns die Ukraine aus der Energiekrise?

    Die Meldungen der letzten Tage lassen aufhorchen: Ukrainische Soldaten drängen Russlands Truppen mehr und mehr zurück. Viele haben die Hoffnung: Wenn der Krieg vorbei ist, dann ist auch die Energiekrise vorbei. Ein Trugschluss? Possoch klärt!

    Es sind teilweise eindrückliche Bilder und Zahlen: Ukrainische Soldatinnen und Soldaten hissen über befreite Ortschaften die Flagge der Ukraine, 6.000 Quadratkilometer sind laut Selenskyj bis Mitte September von den ukrainischen Streitkräften wieder zurückerobert worden, 20 Ortschaften in 24 Stunden seien befreit worden. Darstellungen, denen Russland bislang nicht widersprochen hat.

    Wie unmittelbar beeinflusst der Kriegsverlauf uns hier im Winter? Rettet uns die Ukraine gerade die warme Wohnung? Und braucht es deshalb gerade jetzt noch mehr Waffen von Deutschland? Oder eskaliert das die Lage und der kalte Gasentzug Russlands trifft uns im Winter noch härter als bislang ohnehin schon befürchtet? Dieser Frage geht das aktuelle "Possoch klärt" (Video unten) nach.

    Putin setzt im Krieg auf "General Frost"

    Bis zum Ende des Jahres soll der Krieg vorbei sein. Das hat der ukrainische Präsident Selenskyj schon Ende Juni beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau gesagt. Und in einer Videoansprache im August haben Selenskyj und sein Team bekräftigt: Die Kämpfe müssten dringend noch vor der Heizperiode beendet werden. Die Befürchtung der Ukraine: Russlands Präsident Wladimir Putin setzt auf "General Frost".

    Russland werde versuchen, kritische Infrastruktur in der Ukraine anzugreifen, legt Osteuropaexpertin Liana Fix im BR24-Interview dar: Wasser, Strom, Heizung, Nahrungsmittel. "Das wird natürlich insbesondere im Winter noch schwieriger sein für die ukrainische Bevölkerung, das auszuhalten. Natürlich ist so eine Kriegsführung illegal, aber das könnte die Perspektive für den Winter sein."

    Im Video: Endet die Energiekrise, wenn die Ukraine gewinnt? Possoch klärt!

    Der Ukraine bleibt nicht mehr viel Zeit

    Also haben nicht nur wir in Deutschland Sorge vor einem kalten und teuren Winter, sondern vor allem natürlich die Ukrainer und Ukrainerinnen. Viel Zeit bleibt der Ukraine nicht, sich für den Winter in Stellung zu bringen. Entweder so gut, dass zumindest keine größeren Kampfhandlungen mehr passieren können bis ins Frühjahr 2023 – oder sogar noch optimistischer: Dass der Krieg gewonnen ist bzw. die Ukraine für etwaige Verhandlungen relativ deutlich die wesentlich besseren Karten auf der Hand hat.

    Auf der anderen Seite vom Tisch sitzt aber Putin. Der werde alles daransetzen, diesen Krieg noch länger hinzuziehen, analysiert Politikwissenschaftlerin Fix.

    "Von russischer Seite geht es darum, den Krieg in die Länge zu ziehen, von ukrainischer Seite natürlich ihn so schnell wie möglich zu beenden." Liana Fix, Osteuropaexpertin

    Ob dies der Ukraine schon im Herbst gelingt, hält Fix für fraglich: "Es bräuchte dafür schon viel Kampfeskraft und vor allem noch weitere Unterstützung, was westliche Waffenlieferungen angeht."

    Frieden schaffen mit deutschen Waffen?

    Die Diskussion darüber, was Deutschland jetzt tun und vor allem liefern sollte, ist in der Politik wieder voll entbrannt. Nico Lange, Experte für Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik und ehemaliger Leiter des Leitungsstabes im Bundesministerium für Verteidigung, sieht das in "Possoch klärt" als logische Konsequenz aus der aktuellen Kriegsentwicklung. Man müsse anerkennen, dass viele Hypothesen die Überlegenheit Russlands und Unterlegenheit der Ukraine betreffend falsch gewesen seien, und man könne daraus nur einen Schluss ziehen:

    "Wenn wir die Ukraine so stark machen, dass sie jetzt weiter vorankommen kann, dann ist das der beste Weg, um den Krieg zu beenden." Nico Lange, Experte für Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik

    Die Befürchtung, Putins kalter Gasentzug könnte dann als Reaktion auf einen Waffensupport-Schub für die Ukraine erst der Anfang gewesen sein, hält Lange für übertrieben. "Das Gas ist bereits abgestellt, die russischen Streitkräfte haben große Probleme. Also ich finde diese Argumentation nicht plausibel."

    Rettet uns die Ukraine die warme Wohnung im Winter?

    Wenn wir auf den Winter im Krieg schauen, schauen viele auf den Winter bei uns: Wie teuer wird das Gas, kann ich mir das dann noch leisten? Wie kalt wird die Wohnung tatsächlich? Der Gaskrieg, den Putin gegen Europa führt, entfaltet seine volle Wucht erst, wenn’s kalt ist.

    Zwar heißt es fast überall: Es wird schon noch genügend Gas und Energie vorhanden sein. Aber: Wer kann sich das noch leisten? Das Internet ist voll von Geschichten von verzweifelten Familien, die die steigenden Preise nicht mehr bezahlen können, Traditionsbetriebe, die Insolvenz anmelden müssen, Bäckereien, die das dreifache im Monat zu zahlen haben. Wenn der Krieg vorbei ist, endet dann auch die Energiekrise? Nein, sagt Liana Fix.

    "Das Ende des Krieges hat nichts mit dem Ende der Energiekrise zu tun." Liana Fix, Politikwissenschaftlerin

    Wer glaube, man könne nach dem Ende des Krieges wieder zu normalem Handeln mit Russland zurückkehren, der irre sich, sagt Fix: "Wenn man gesehen hat, wie unzuverlässig Russland als Partner ist, wie Russland Energie zur politischen Erpressung genutzt hat, dann ist eine Rückkehr zum Gashandel mit Russland eigentlich unvorstellbar."

    Selbst ein etwaiger Regimewechsel würde die Situation nicht verändern. Es sei ein langer Weg von Stalin zu Gorbatschow gewesen, so Fix im BR24-Interview. Es sei demnach nicht zu erwarten, dass unmittelbar auf Putin ein Reformer folge.

    Im Video oben erfahren Sie, was Sie über die Auswirkungen des Kriegsverlaufs auf die Situation in Deutschland im Winter wissen sollten. Diskutieren Sie gerne in den Kommentaren mit.

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