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Elektrosensibilität: Schlafstörungen durch magnetische Strahlen? | BR24

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    Elektrosensibilität: Schlafstörungen durch magnetische Strahlen?

    Viele Menschen leiden an Elektrosensibilität. Sie reagieren empfindlich, etwa mit Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Hautausschlag. Eine anerkannte Diagnose ist das noch nicht. Ein Betroffener aus dem Landkreis Rosenheim schildert seinen Leidensweg.

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    Von
    • Tanja Gronde

    Hans Zehs Leben hat sich schlagartig verändert. Vor fünf Jahren begann sein Martyrium: Hautausschlag, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und es wurde immer schlimmer. Der 48-Jährige aus Söchtenau im Landkreis Rosenheim sagt: "Mich machen elektromagnetische Wellen krank."

    Elektrosensibilität: Weitverbreitet, aber nicht anerkannt

    "Elektrosensibel" oder "elektrohochsensibel", so heißt es in Fachkreisen, wenn jemand auf hochfrequente magnetische Strahlung reagiert, wie sie etwa von WLAN-Routern, Mobiltelefonen oder auch von Funktelefonen am Festnetz ausgehen. Für die einen ist es ein Phänomen, das nicht beweisbar ist, für die anderen ein Krankheitsbild, das anerkannt werden muss.

    Hans Zeh lebt einsam und ohne Strom

    "Bitte Handys ausmachen und im Auto lassen" – mit dieser Bitte empfängt Hans Zeh Besucher. Dann führt der gebürtige Münchner seinen Besuch zum Wohnwagen und zündet drei Kerzen an, im Vorzelt seines Wohnwagens, quasi sein Wohnzimmer. Das habe nichts mit Romantik zu tun, sagt er und lächelt amüsiert und müde. Leben ohne Strom, das ist für ihn eine Notwendigkeit: "Das ist blanker Überlebenskampf", sagt er. In der Winterstille und der Lockdownpause wirkt der Campingplatz besonders verlassen und Hans Zeh sehr einsam. "Ich hätte mir nie vorstellen könne, dass ich hier lande", sagt er. "Aber ich komme damit klar. Man darf sich nur nicht fragen: Warum ausgerechnet ich?"

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    Bildrechte: BR/Tanja Gronde

    Leben wie ein Dauercamper - je weniger Elektronik Hans Zeh um sich herum hat, desto besser geht es ihm.

    Je weniger Elektronik, desto besser

    Gasherd, Gaslampe, Kerzenlicht, Hans Zeh versucht, wo es geht auf Strom zu verzichten, nur einen Gaskühlschrank kann er sich nicht leisten, denn aufgrund seiner Beschwerden ist er arbeitslos und lebt von Sozialhilfe. Begonnen hat alles vor rund fünf Jahren. Plötzlich verliert er 22 Kilo Gewicht, die Kopf- und Muskelschmerzen werden immer unerträglicher. Dazu kommen Konzentrationsstörungen. Kein Arzt hat eine Erklärung. Bis Zeh selbst recherchiert und für sich herausfindet: Es ist der sogenannte Elektrosmog, der ihn krank macht.

    Leben als Camper auf wenigen Quadratmetern

    Zuerst zieht er aus der Wohnung aus, dann auch aus Rosenheim. Er findet 2018 den Wohnwagen auf dem Campingplatz und richtet sich ein. Wenn keiner ein Handy mitbringt, geht es ihm besser. Zwar gibt es eine nahegelegene Überland-Starkstromleitung. Doch die spürt er nur, wenn er direkt darunter steht. Früher beim Motorradfahren ist das hin und wieder passiert. Dann wurden die Arme taub.

    Das Motorrad hat er wie alles verkauft, er lebt auf wenigen Quadratmetern und zurückgezogen. Freunde treffen oder in der Stadt verabreden, das sei schwierig, erzählt er. Denn er fürchtet die Strahlung.

    Ärzte schicken ihn zum Psychiater

    Obwohl sein Hausarzt ihm eine Bestätigung gegeben habe, dass er elektrohypersensibel sei, glaubten es viele nicht, erklärt Hans Zeh sein Dilemma. Für manche Ärzte sei er ein Fall für den Psychiater, man habe ihm schon Wahnvorstellungen vor Handymasten unterstellt. Doch Zeh streitet das ab: Man merke doch selbst, ob die Psyche ein Problem habe oder der Körper. Er besitzt sogar ein Handy für Notfälle, ein älteres Modell, der Akku ist immer ausgebaut. Er träumt von einem Festnetzanschluss im Wohnwagen.

    Fast 100 Euro im Monat für Vitamine und Mineralstoffe, dazu Opiate

    Regelmäßig nimmt Zeh Zusatzstoffe wie Spurenelemente: Selen oder Lysin als Mittel gegen Entzündungen zu sich, doch die Kasse zahlt nicht alles. Denn EHS ist keine anerkannte Diagnose. Dabei braucht Zeh die Zusatzstoffe, so schildert er es, damit sein Körper einigermaßen funktioniere. Und funktioniert hat Hans Zeh aus Söchtenau lange: Er war als Hausmeister beim Landratsamt Rosenheim angestellt, hatte Freunde und eine Freundin. Doch vor fünf Jahren wurden seine Beschwerden immer schlimmer.

    Schmerzfrei leben, das geht nur ohne elektromagnetische Strahlung

    Früher, sagt Zeh, sei er ein geselliger Mensch gewesen, habe Fußball und Karten gespielt und sei Ski gefahren. Dann kamen die Symptome und nun sei er meist einsam. Jetzt beobachtet er Vögel oder liest bei Kerzenlicht. Abseits von elektromagnetischen Feldern zu leben, das scheint die einzige Möglichkeit für ihn. Wenn er einkaufen war, zwischen vielen Handynutzern und WLAN-Hotspots in Rosenheim, hat er danach tagelang höllische Schmerzen, sagt er. "Vor allem in der Hüfte sticht es dann wie ein Messer."

    Er würde gern wieder gesund werden, arbeiten können, einen Platz zum Leben haben. Er wünscht sich, dass Elektrohypersensibilität als Krankheit anerkannt wird, und es für Menschen wie ihn weiße Zonen gibt, die von elektromagnetischer Strahlung frei ist.

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