21.06.2022, Russland, Moskau: Wladimir Putin, Präsident von Russland, hält eine Rede während eines Treffens mit Absolventen höherer Militärakademien im Kreml.

Hungerkatastrophe: "Putin dreht das Narrativ um"

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Drohende Hungerkatastrophen: "Putin dreht das Narrativ um"

Drohende Hungerkatastrophen: "Putin dreht das Narrativ um"

Moskaus Krieg lässt Millionen bangen und leiden – durch die russische Seeblockade ukrainischer Häfen fallen wichtige Getreideexporte nach Afrika aus. Militärökonom Marcus Matthias Keupp erklärt, ob Waldimir Putin die Welt mit Hunger erpressen kann.

Der Ukraine-Krieg bedroht den Export von großen Mengen an ukrainischem Getreide. Durch eine Seeblockade der ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer scheint der russische Präsident Wladimir Putin die Macht über den Getreide-Export zu beanspruchen und so mit mehr Hunger in der Welt zu drohen. Das neue "Possoch klärt" (Video unten) beschäftigt sich mit der Frage, ob Putin Hunger gezielt als Waffe im Krieg einsetzt.

Marcus Matthias Keupp, Dozent für Militärökonomie an der renommierten Militärakademie der ETH Zürich, erklärt im Gespräch mit BR24, ob der Krieg in der Ukraine eine Hungerkatastrophe auslöst und ob Putin die Welt wirklich mit Hunger erpressen kann.

BR24: Die Ukraine kann aufgrund des Krieges aktuell so gut wie kein Getreide exportieren. Droht nun eine ungeheure Menge an Getreide zu verrotten?

Marcus Matthias Keupp: Kurzfristig zunächst mal nicht. Getreide lässt sich in trockenem Zustand bis zu zwei Jahre lagern - wenn sie es entsprechend noch etwas behandeln, auch zweieinhalb bis drei Jahre. Das Problem ist nicht, dass es verrottet. Das Problem ist einfach, dass die Lager voll sind und dass das Getreide nun heraus muss, damit die neue Ernte hineingefüllt werden kann.

Aus Kostengründen und wegen des Skaleneffekts ist Getreide einfach ein Schüttgut, das auf Schiffen reist. Und das ist kein Problem der Ukraine. Es ist ein Problem Russlands, weil Russland natürlich mit der Schwarzmeerflotte die Möglichkeit hat, sämtliche ukrainische Getreideexporte gewaltsam zu unterbinden, also mit anderen Worten: diese Schiffe zu versenken.

Export-Korridor im Schwarzen: Militärische Eskalation möglich

BR24: Wie könnte man die Situation im Schwarzen Meer lösen?

Keupp: Es gab jetzt eine Idee Litauens, dass man da eventuell einen militärischen Korridor schaffen könnte. Das halte ich aber nicht für realistisch, weil das Schwarze Meer ist ja im Moment Kriegsgebiet. Das heißt, die Türkei wendet das Abkommen von Montreux an, von 1936. Die Türkei kann also Kriegsschiffen, sowohl westlichen wie russischen, die Einfahrt in das Schwarze Meer untersagen. Abgesehen davon - ein solcher Korridor würde vielleicht zu militärischer Eskalation führen. Also da würde ich eher davon abraten.

BR24: Eine andere Möglichkeit wäre, das ukrainische Getreide per Zugtransport über Polen zu exportieren. Das geschieht aber bisher nur im geringen Maß. Warum?

Keupp: Da liegt das Problem nicht auf der ukrainischen Seite. Es liegt mehr auf der polnischen Seite. Denn noch gibt es keinen Agrarfreihandel zwischen der EU und der Ukraine, was dazu führt, dass diese Transporte an der polnischen Grenze für Lebensmittelinspektionen, für Compliance mit EU-Richtlinien und so weiter angehalten werden. Das ist kein logistisches Problem. Es ist ein regulatorisches Problem.

Also man könnte zum Beispiel sagen, wir machen jetzt begrenzten Agrarfreihandel oder wir drücken einfach mal drei Monate die Augen zu, dass das Getreide hinauskommt. Weil sobald es im südlichen Polen ist, kann es ohne Probleme durch die bestehenden Schienen-Korridore entweder an die Ostsee geliefert werden oder über Berlin, Frankfurt, Mannheim zum Rheintal-Korridor und von dort nach Rotterdam oder nach Genua. Logistisch ist es alles machbar. Es ist eine Frage des politischen Willens und ob man bereit ist, die Bürokratie da ein bisschen zurückzuschneiden.

Im Video: Hunger als Waffe: Will Putin so den Krieg gewinnen?

BR24: Sollte das nicht funktionieren, kann dann die Weltgemeinschaft einen Lieferungsausfall von Getreide auffangen?

Keupp: Man darf sich nicht vorstellen, dass die Ernte sofort gegessen wird, sondern wir haben ja auch globale Nahrungsmittelvorräte. Und zwar ziemlich viel davon. Wenn wir alle Vorräte aller Zerealien zusammenzählen, dann haben wir etwa 850 Millionen Tonnen weltweit in den verschiedenen Lagerstätten da. Das ist mehr als zweimal der Welthandel und wir könnten ohne Probleme die Welt nur aus diesen Lagerbeständen fast zwei Jahre lang ernähren. Es gibt keine Knappheit an Nahrungsmitteln in der Welt, sondern das Problem ist ein anderes.

BR24: Und zwar?

Keupp: Es ist kein Problem der Menge, sondern ein Problem des Preises und ein Problem der Logistik. Abdulla Shahid, der Vorsitzende der UN-Generalversammlung hat das sehr schön ausgedrückt. Am 26. Mai hat er eine Rede gehalten und genau das gesagt: Wir haben keine Knappheit an Nahrungsmitteln in der Welt, sondern wir haben ein Logistik- und ein Preisproblem.

Hohe Getreidepreise wegen Corona-Pandemie

BR24: Die Getreidepreise sind in der Tat aktuell sehr hoch. Wie ist das zu erklären?

Keupp: Wir sehen bereits seit Anfang 2021 eine starke Steigerung bei vielen Lebensmittelpreisen, also nicht nur bei Getreide, auch zum Beispiel bei Hühnerfleisch, bei Milch. Und das hat vor allem damit zu tun, dass man nach der Pandemie wieder plötzlich verstärkte Nachfrage hatte in der Welt und wieder die Lieferketten anwerfen musste und kurzfristig gar nicht in der Lage war, diese Mengen wieder zu produzieren und zu liefern.

Und jetzt sind wir bei der Logistik. Eben weil während der Corona-Pandemie vor allem auch die weltweite Seelogistik so stark heruntergefahren wurde, hat man nun eine Knappheit an Transportmitteln und Transportmöglichkeiten, um das jetzt alles schnell wieder auf den Weltmarkt zu werfen.

BR24: Wie Sie bereits sagten, haben wir ja eigentlich genügend Nahrungsmittelvorräte auf dem Weltmarkt. Warum gibt es trotzdem nach wie vor die Preissteigerungen?

Keupp: Die Weltmärkte für Nahrungsmittel sind globalisiert und funktionieren hauptsächlich über "Futures". Das heißt, die Landwirte sichern sich ab, indem sie sagen, sie verkaufen ihre Ernte auf Termin. Sie kaufen am Markt einen Kontrakt. Und dann heißt das eben, der Markt schaut vor allem aus einer ängstlichen Perspektive auf die Nahrungsmittelproduktion. Er fragt sich: Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Landwirte liefern können oder nicht? Und wenn der Markt zu der Überzeugung kommt: Das ist nicht der Fall. Dann preist er eben sogenannte Risikoprämien ein und das führt dazu, dass am Markt die Preise steigen. Die Preise steigen also aufgrund dieser Erwartung, es könnte ja was passieren, obwohl wir physisch am Markt genügend Lebensmittel haben.

Wenn wir das zusammennehmen, dann führt das zu diesen Problemen, die wir im Moment sehen. Der Krieg in der Ukraine ist nicht die Ursache dafür. Die Ursache ist eigentlich die Pandemie, der Krieg hat diese Tendenzen lediglich verschärft.

Ukraine mit eher geringem Anteil an Zerealien-Welthandel

BR24: Wie ist diese Verschärfung durch den Ukraine-Krieg einzuordnen?

Keupp: Die meisten Nahrungsmittel, die in einem Land produziert werden, werden auch in diesem Land gegessen. Das heißt, wenn wir Weltproduktion versus Welthandel mit Getreide vergleichen, dann ist der Welthandel eigentlich der kleinere Anteil.

Um mal ein paar Zahlen zu nennen: Die Weltproduktion aller Zerealien zusammen, also aller Süßgräser, von denen sich die Menschheit ernährt - Reis, Weizen, Gerste und so weiter - das sind etwa 2.800 Millionen Tonnen. Und davon beträgt der Welthandel aber nur 473 Millionen Tonnen. Das heißt also etwa ein Siebtel. Und wenn wir jetzt von diesem Welthandel anschauen, wie viel davon auf die Ukraine entfällt, dann sind das ungefähr 40 Millionen Tonnen.

Dr. Marcus Matthias Keupp

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BR24: Sind nicht trotzdem einzelne Länder wie beispielsweise Somalia von Getreidelieferungen aus der Ukraine und aus Russland sehr abhängig?

Keupp: Das ist eben die Geschichte, die Putin versucht, aufzubauen. Aber auch da hilft ein klarer Blick auf die Zahlen. Was man da vor allem machen muss, ist relative von absoluten Größen zu unterscheiden. Ich zitiere da immer gern die Seychellen. Die sind nämlich mit Abstand das abhängigste Land, was Getreideimporte von Russland und der Ukraine angeht. Wenn sie die Statistik anschauen, dann importieren die Seychellen etwa 52 Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine.

Und jetzt können Sie sagen: Um Gotteswillen, das arme Land, die armen Menschen verhungern alle. Wenn Sie jetzt aber auf die absoluten Mengen schauen, dann betragen diese Importe genau neun Tonnen. Also in anderen Worten: So gut wie nichts. Der gesamte Weizenkonsum auf den Seychellen beträgt 18 Tonnen pro Jahr. Und davon kommen nun eben neun Tonnen aus Russland und der Ukraine. Und wenn wir mit dieser Brille jetzt durch die verschiedenen afrikanischen Länder durchgehen, dann finden wir viele, wo das genauso ist.

BR24: In Somalia droht dennoch eine Hungerkatastrophe. Hat das nichts mit dem Ukraine-Krieg zu tun?

Keupp: Wenn wir andere Länder anschauen, wie zum Beispiel Somalia, dann muss ich sagen, das hat jetzt nichts direkt mit dem Krieg zu tun, sondern das sind einfach Länder, die regelmäßig im UN-Bericht über Global Food Crisis auftauchen und deren Hungerproblem seit Jahren oder sogar seit Jahrzehnten besteht. Was Putin macht, ist, er dreht jetzt einfach dieses Narrativ um und sagt: Die bösen Ukrainer, die können jetzt nicht liefern, und wir müssen leider auch an uns denken. Aber wir bieten uns sozusagen als rettende Hand Afrikas an. Und leider ist zum Beispiel der Präsident von Senegal hereingefallen, ist nach Moskau gereist und hat Putin besucht. Da muss man sich eben hüten, auf diese Erzählung hineinzufallen.

BR24: Das heißt, Putin kann die Welt auch mit dem Stopp russischer Getreidelieferungen gar nicht erpressen?

Keupp: Erstens sind dafür die Mengen viel zu gering. Also Russland ist zwar ein großer Produzent von Weizen, aber nicht zwingend ein großer Exporteur. Das war in der Vergangenheit schon so. Aber aufgrund der Sanktionen wird Russland spätestens ab nächstem Jahr in seiner eigenen landwirtschaftlichen Produktion große Probleme bekommen und wird dann gar nicht mehr in der Lage sein, große Mengen zu exportieren. Ich erinnere da immer gerne daran, dass die Sowjetunion ein Nettoimporteur von Getreide war und ihre eigene Bevölkerung nicht ernähren konnte.

Hunger als Waffe gegen die Ukraine?

BR24: Auf der anderen Seite scheint die russische Armee die ukrainische Landwirtschaft gezielt anzugreifen?

Keupp: Es ist tatsächlich in manchen Regionen der Ukraine so, dass landwirtschaftliche Gebiete vermint worden sind, also sprich Minenfelder, die dann zum Beispiel durch Äcker laufen. Ich glaube aber aus militärischer Perspektive nicht, dass das das Hauptmotiv ist. Das Hauptmotiv ist es eher, bestimmte Räume zu sperren oder die Ukrainer an der Bewegung durch das Gelände zu hindern und deswegen solche Minen-Gürtel einzuziehen.

BR24: Könnte das trotzdem den Nebeneffekt haben, dass die Ukraine ein Hungerproblem bekommt?

Keupp: Sollte es Putins Versuch sein, die Ukraine auszuhungern, würde ich sagen, müsste er dann schon deutlich größere Gebiete in der Ukraine kontrollieren. Wir müssen uns zwei Dinge bewusst machen. Wenn wir schauen, wie groß diese Gebiete sind, die Russland derzeit besetzt hat. Das ist etwa die Schweiz und Österreich zusammen, also das sind schon sehr große Gebiete. Aber trotzdem ist es nicht einmal ein Fünftel der gesamten Ukraine. Und die restlichen vier Fünftel der Ukraine sind nicht besetzt, nicht vermint und produzieren auch. Und man muss auch sehen, dass dieses Land riesig ist und 44 Millionen Menschen darin wohnen.

Das heißt, obwohl es eines der größten Länder in Ostmitteleuropa ist, ist es trotzdem relativ dünn besiedelt. Also ich glaube, diese Bevölkerung zu ernähren, ist nicht so sehr ein Problem. Und ich denke, das es wichtig ist, dass man eben nicht auf dieses Narrativ der Hunger-Waffe hineinfällt, weder international noch in Bezug auf die Ukraine.

Keupp: Riesige Flüchtlingswellen unrealistisch

BR24: In manchen afrikanischen Staaten droht dennoch eine Hungerkatastrophe. Könnte es dadurch zu neuen Flüchtlingsbewegungen nach Europa kommen?

Keupp: Wenn wir nach Afrika schauen, dann muss man wissen, dass afrikanische Migration vor allem Binnenmigration ist. Die afrikanische Bevölkerung migriert, wenn überhaupt, von einem Land in ein anderes. Denn Migration kostet Geld. Das heißt, ein Großteil der Bevölkerung kann es sich gar nicht leisten, ihr Dorf oder ihre Stadt zu verlassen, weil sie keine Transportmittel hat und auch kein Geld, um irgendwelche Schlepper oder Schleuser zu bezahlen.

Es ist ein beliebtes, rechtskonservatives Narrativ nach dem Motto: Afrika sitzt auf gepackten Koffern. Europa wird demnächst von hungernden Afrikanern überrannt. Auch da möchte ich bitten, sich davon zu lösen. Diese Vorstellungen, es entstehen jetzt riesige Flüchtlingswellen, halte ich für völlig unrealistisch.

BR24: Wer könnte denn den bedrohten Ländern anstelle von Wladimir Putin helfen?

Keupp: Diese Länder müssen sich nicht Putin quasi an den Hals werfen, sondern man könnte auch vonseiten der UN einfach ein globales Ernährungsprogramm starten und sagen, wir nehmen jetzt gewisse Bestände aus diesen Lagern und verschiffen sie nach Afrika. Da sind wir wieder bei der Logistik. Getreide ist ja ein Schüttgut, das vor allem über Seefracht transportiert wird. Und da muss man nun die ganze Logistik organisieren.

Langfristige Normalisierung der Märkte erwartbar

BR24: Besteht denn die Hoffnung, dass sich die Preise am Nahrungsmittelmarkt normalisieren?

Keupp: Wenn der Preis hoch ist, dann ist natürlich auch der Anreiz hoch, das zu produzieren, was gerade teuer ist. Und das sehen Sie im Moment in verschiedenen Nationen der Erde, dass die anfangen, ihre Produktion zu steigern. Ein besonders starkes Beispiel dafür wäre Indien. Indien ist zwar der drittgrößte Produzent von Weizen auf der Welt, also produziert ungefähr 111 Millionen Tonnen Weizen, etwa ein Siebtel der globalen Weizenproduktion. Aber Indien ist kein besonders großer Exporteur von Weizen, denn Indien braucht fast seine gesamte Weizenernte für sich selber, um seine eigene Bevölkerung zu ernähren.

Allerdings hat Indien jetzt Pläne seinen Weizenanbau aufgrund der hohen Preise deutlich auszubauen. Das Gleiche passiert im Moment in Australien, ebenfalls ein großer Produzent von Weizen. Auch die Australier haben gerade dieses Ernte-Halbjahr eine Rekordernte eingefahren und planen, sie auch weiter zu steigern. Das heißt also, je mehr neue Produzenten oder auch bestehende Produzenten ihre Produktionsmenge ausweiten, desto mehr Nahrungsmittel werden auch auf den Markt geworfen. Daher sollten wir sicher nicht kurzfristig, aber langfristig wieder eine Normalisierung der Märkte erwarten können.

BR24: Danke für das Gespräch.

Hunger: Konferenz sucht nach Lösungen

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