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Doch kein Phosphan in der Atmosphäre der Venus | BR24

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Bildrechte: NASA/JPL-Caltech

Anscheinend gibt es in der hier dargestellten Venus-Atmosphäre doch kein Phosphan.

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    Doch kein Phosphan in der Atmosphäre der Venus

    Die Entdeckung des Moleküls Phosphan in der Venus-Atmosphäre wurde im September 2020 groß verkündet, es wurde über mögliche Lebenszeichen spekuliert. Nun zeigt sich immer deutlicher: Die Entdeckung war wahrscheinlich gar keine.

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    Von
    • Franziska Konitzer

    Man kann sich fragen, warum um die Entdeckung eines hochgiftigen Moleküls namens Phosphan in der Atmosphäre unseres Nachbarplaneten Venus, bei der die Bezeichnung „Höllenkugel“ es noch freundlich ausdrückt, so viele Meldungen wert war. Eine Pressekonferenz gab es und anschließend über 4.700 Medienberichte weltweit, laut dem Fachmagazin „Nature Astronomy“, in dem die dazugehörige Studie ursprünglich erschienen war.

    Phosphan als mögliche Biosignatur?

    Auf der Erde mag Phosphan - manchmal auch als "Phosphin" bezeichnet - zwar hochgiftig für höhere Lebewesen sein. Andererseits kann man es auf der Erde nur relativ kompliziert künstlich herstellen. Die einzige andere Quelle sind tatsächlich Lebewesen, und zwar Mikroben, die es auch sonst relativ ungemütlich mögen, zum Beispiel ganz ohne Sauerstoff. Könnte es also sein, dass da in der Venus-Atmosphäre auch…?

    Phosphin auf der Venus? Nein.

    Natürlich behaupteten Jane Greaves von der University of Cardiff und ihre Kollegen weder in der Fachpublikation noch in der dazugehörigen Pressekonferenz, Leben in der Venus-Atmosphäre gefunden zu haben. Aber sie behaupteten, Phosphan in der Venus-Atmosphäre nachgewiesen zu haben, und das mit immerhin zwei verschiedenen Teleskopen. Mithilfe dieser zwei Teleskope konnten sie das Licht der Venus derart analysieren, dass sich ein charakteristisches Signal von Phosphan ergab. Da waren sich die Wissenschaftler sicher.

    Keine anderen Erklärungen für das Phosphan in der Venus-Atmosphäre?

    Nur waren sie sich nicht sicher, woher das Phosphan kam, denn, wie gesagt: Auf der Erde wird es eben entweder von Menschen für bestimmte Anwendungen oder aber von bestimmten Mikroben einfach so hergestellt. Eine andere Erklärung fanden die Wissenschaftler auch für die Venus-Atmosphäre nicht. Und somit konnte munter spekuliert werden, auch von den Forschern selbst. Anscheinend dachte anschließend die US-Weltraumagentur NASA tatsächlich darüber nach, ob man nicht mal wieder bei unserem Nachbarplaneten vorbei- und genauer nachschauen könnte.

    Kein Phosphin, stattdessen... Schwefeldioxid?

    Nun aber häufen sich die Hinweise, dass es gar kein Phosphan in der Venus-Atmsophäre gibt. Zunächst suchten Astronomen – zu denen auch Jane Greaves gehörte – in älteren Daten nach Hinweisen auf das Phosphan und fanden zumindest nur sehr wenige Anzeichen auf dieses Molekül. Dann nahmen sich weitere Wissenschaftler die Daten vor, die Greaves und ihre Kollegen ursprünglich mit dem Teleskoparray ALMA gesammelt hatten. Sie beschreiben in einem Fachartikel, dass das Team um Greaves einen Fehler bei der Datenaufbereitung gemacht hat. Deshalb sah es ein Signal von Phosphan dort, wo keines war.

    Ein weiteres Team an Wissenschaftlern legte noch einmal nach. Laut ihrer Analyse war ein Signal tatsächlich auf eine falsche Auswertung zurückzuführen. Ein anderes Signal, das angeblich von Phosphan stammte, geht wohl in Wirklichkeit auf Schwefeldioxid zurück. Dieser Befund wird von weiteren Ergebnissen unterfüttert, die zum gleichen Schluss kommen: Schwefeldioxid statt Phosphan.

    Kein Lebenszeichen für die Venus

    Schon im November 2020 hatten auch die ursprünglichen Entdecker des angeblichen Phosphins in der Venusatmosphäre dem Fachjournal "Nature", in dem die Entdeckung ursprünglich verkündet wurde, Bescheid gegeben: Eines der beiden Datensets, auf denen ihre Entdeckung beruht, sei fehlerhaft verarbeitet gewesen. Aufgrund dieses Fehler sahen sie wohl dort Phosphan, wo wahrscheinlich einfach nur Schwefeldioxid ist. Und Schwefeldioxid kommt auf der Venus häufig vor. Es ist kein Anzeichen für Leben. Deshalb lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man daraus schließt: Es schaut überhaupt nicht gut aus für das Phosphan auf der Venus.

    Zugegeben, es war sowieso von vorneherein mutig von den Astronomen – gelinde gesagt – über das Mysterium des Phosphans als mögliches Lebenszeichen überhaupt auch nur zu spekulieren.

    Überlichtschnelle Neutrinos, primordiale Graviationswellen – und Phosphin auf der Venus?

    So ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich diese angebliche wissenschaftliche Sensation zu den anderen wissenschaftlichen Sensationen gesellt, die letztendlich im Satz mit X mündeten. Da wären beispielsweise die angeblich überlichtschnellen Neutrinos aus dem Jahr 2011 zu nennen, die natürlich nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs waren. Stattdessen war ein Kabel locker.

    Oder im Jahr 2014: Man sah Hinweise auf Gravitationswellen, die kurz nach dem Urknall entstanden sein sollten, beobachtet mit dem BICEP2-Teleskop am Südpol. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um Gravitationswellen, sondern um Staub in der Milchstraße. Das zeigte das Planck-Teleskop wenig später. Inzwischen wurden zwar Gravitationswellen per se entdeckt und ja, es gibt sie wirklich. Aber ob kurz nach dem Urknall welche erzeugt worden und ob ihre Anzeichen noch übrig sind, bleiben offene wissenschaftliche Fragen.

    Pressekonferenzen und Posaunen und Phosphan

    Tatsächlich funktioniert Wissenschaft so. Forscher finden etwas heraus. Sie veröffentlichen ihre Ergebnisse und laden damit quasi zur Debatte und Kollegen zur Überprüfung ihrer Ergebnisse ein. Diese Ergebnisse können bestätigt, korrigiert, ergänzt, revidiert, auch einmal kassiert werden. Das kommt vor, das gehört dazu.

    Nur: Besonders bei solchen spektakulären angeblichen Ergebnissen sollte man vielleicht Vorsicht walten lassen mit den Pressekonferenzen. Ansonsten könnte es hinterher peinlich werden.

    Das heißt nicht, dass die Venus an sich kein spannender Planet ist, der es verdient, dass mal wieder jemand vorbeischaut. Die erste und bislang letzte europäische Sonde in ihrer Umlaufbahn zur Untersuchung der Atmosphäre war der Venus Express der europäischen Weltraumorganisation ESA, die bis 2014 ihre Mission ausführte. Derzeit ist noch die japanische Raumsonde Akatsuki in einer Umlaufbahn. Und zum letzten Mal auf der Venus gelandet ist Vega 2, eine Raumsonde der Sowjetunion. Das war 1985.

    Es wäre also durchaus mal wieder an der Zeit. Es gibt noch genug offene Fragen in Sachen Venus. Man muss ja nicht gleich und immer nach Lebenszeichen suchen.

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