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Die Nürnberger Prozesse und der lange Weg zum "Memorium" | BR24

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75 Jahre Nürnberger Prozess

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Die Nürnberger Prozesse und der lange Weg zum "Memorium"

Vor zehn Jahren hat die Stadt Nürnberg ein Museum zu den Nürnberger Prozessen eröffnet. Die Distanz der Nürnberger Bürgerinnen und Bürger zu den weltberühmten Kriegsverbrecherprozessen war lange Zeit groß, bis 2010 das "Memorium" die Pforten öffnete.

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Besucher, die den Ort der Nürnberger Prozesse besichtigen und mehr über den Hauptkriegsverbrecherprozess sowie die zwölf Folgeprozesse erfahren wollten, verzeichnet das Oberlandesgericht Nürnberg seit den 1960er Jahren. Die kamen aber fast alle aus dem Ausland, jedenfalls von weit her. Das erzählt einer, der es wissen muss: der frühere langjährige Gerichtssprecher und spätere Vizepräsident des Oberlandesgerichts, Ewald Behrschmidt. Was aber die Nürnberger und die Menschen aus der Region betrifft: "Da gab es lange ganz viel Desinteresse", sagt der heutige Ruheständler Behrschmidt im BR-Gespräch.

Deutsche kritisierten die Prozesse teils als "Schandjustiz"

In einem Aufsatz fasste der einstige Gerichtssprecher einmal zusammen, wie kritisch die Sicht auf die Nürnberger Prozesse im Deutschland der 1970er Jahre noch war. Von "Schandjustiz" und "dunklen Stunden der Geschichte" hätten Zeitungsjournalisten gesprochen. Ein Nürnberger Stadtrat, der selbst als Verteidiger in den Prozessen beteiligt war, schrieb nach Behrschmidts Nachforschungen im Jahr 1970: "Endlich lässt das Interesse nach. (…) Der Geist der Geschichte bringt diesen Saal 600 dorthin, wo er hingehört: nämlich in die Rumpelkammer der Geschichte." Nur noch "diejenigen, die Interesse am Anormalen haben", würden drin rumstöbern, zitiert der Jurist.

Mit dem Mauerfall setzte ein Umdenken ein

Ein Wendepunkt sei mit dem Fall der Mauer eingetreten. Da wuchs die Zahl der Interessenten allmählich. Die einen meldeten sich an, ein großer Teil aber kam gern auch unangemeldet. Da lag es an Ewald Behrschmidt als Gerichtssprecher, die historisch Interessierten bereitwillig durch den Justizpalast zu führen und Fragen zu beantworten. Das nötige Wissen las sich Behrschmidt an. Denn in der juristischen Ausbildung seien die Nürnberger Prozesse gegen führende Vertreter des NS-Regimes kein Thema gewesen, erzählt er.

Auch der russische Ministerpräsident klopfte mal an

Das Besucherspektrum reichte von Reisenden aus dem englischsprachigem Raum – etwa einer Studentengruppe aus dem US-Bundesstaat Alabama – über manche Nürnbergerinnen und Nürnbergern bis hin zu prominenten Persönlichkeiten. Der israelische Diplomat und Publizist Avi Primor war da. Zu den ranghöchsten Überraschungsgästen zählt wohl der frühere russische Regierungschef Viktor Tschernomyrdin. Er war von 1992 bis 1998 Ministerpräsident und stand einige Jahre später unvermittelt an der Pforte des Nürnberger Justizpalastes, um den historischen Ort anzusehen, an den die Sowjetunion als eine der vier Siegermächte Richter zum historischen Hauptkriegsverbrecherprozess entsandte. Tschernomyrdin habe berichtet, dass er gerade einen Abstecher von Ölindustriebetrieben in Ingolstadt mache. Dort habe er in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender von Gazprom zu tun gehabt.

Verein "Geschichte für Alle" zog viele Interessierte an

International sind die Prozess-Interessierten immer geblieben. In den 1990er Jahren seien viele Besucher mit den aufkommenden Flußkreuzfahrten gekommen, beobachtete der frühere Gerichtsvizepräsident Behrschmidt. Auch der Nürnberger Verein "Geschichte für Alle" brachte viele Gäste, in wachsender Zahl auch Einheimische. Ab der Jahrtausendwende stiegen die Besucherzahlen auf jährlich rund 10.000 an, berichtet Behrschmidt. Für die Justiz, die keinen Beauftragten für die Gäste hatte und sie meist "nebenbei" empfing oder auch abweisen musste, weil im historischen Gerichtsort - dem Saal 600 - gerade eine Verhandlung stattfand, war das nicht mehr zu stemmen.

Brandbrief wegen des Besucherandrangs

So habe sich Gerichtspräsident Stefan Franke in einem Brandbrief an die Stadt gewandt und um Abhilfe gebeten. Das vernahm auch der Direktor der Städtischen Museen, Franz Sonnenberger, und schlug ein museales Projekt vor. Aus dem Gedanken und mit Unterstützern aus der Politik entstand 2010 schließlich das "Memorium Nürnberger Prozesse". Das Dachgeschoß schräg über dem Saal 600 wurde ausgebaut. Eine Dauerausstellung informiert über die Vorgeschichte, den Verlauf und die Nachwirkungen der Gerichtsverfahren bis hin zur Gründung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag.

Originalstücke aus dem Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse

Ausgestellt sind Requisiten aus den Prozesstagen. Etwa die extra unbequem konstruierte Sitzbank für die Angeklagten, zu denen unter anderem Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß und Reichsmarschall Hermann Göring gehörten. Die den Angeklagten zur Last gelegten Kriegsverbrechen werden dokumentiert. Ebenso die Urteile und wo die NS-Schergen bis dahin unter großer Bewachung inhaftiert waren. Es wird erläutert, dass die Nürnberger Prozesse die Geburtsstätte des modernen Völkerstrafrechts waren.

Memorium kommt bei Besuchern gut an

Der Besucherandrang ist auch beim Memorium ungebrochen. Nun soll die Dauerausstellung überarbeitet werden. Denn seit im Februar dieses Jahres die letzte Gerichtsverhandlung stattgefunden hat, steht der historische Gerichtssaal ebenfalls zur musealen Nutzung zur Verfügung. Und wie bisher auch für Bildungs-, Erinnerungs- und Forumsveranstaltungen, die es bisher meist an Wochenenden dort gab. Denn seit 2014 gibt es die "Internationale Akademie der Nürnberger Prinzipien", die ihren Sitz am Memorium hat.

Der Nürnberger Jurist Ewald Behrschmidt freut sich über diese Entwicklung. Die Nürnberger Prozesse seien gerade in der heutigen Zeit aktueller denn je, sagt er.

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Es ist ein Stück Weltgeschichte, das in Franken geschrieben wurde. Am 20. November 1945 begannen die "Nürnberger Prozesse". Erstmals mussten sich hochrangige Repräsentanten eines Staats vor einem internationalen Tribunal für ihre Taten rechtfertigen.

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