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Die neue Impfverordnung - Gründe für Spahns Priorisierung | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Harald Tittel

Bundesgesundheitsminister Spahn hat die Impfstrategie vorgestellt, in der die Reihenfolge der Impfungen festgelegt wird. Dabei würden zunächst die Schwächsten geschützt. Dies werde bis zu zwei Monate dauern. Danach werde das Angebot verbreitert.

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Die neue Impfverordnung - Gründe für Spahns Priorisierung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Impfverordnung unterschrieben. Sie regelt, wer den Impfstoff gegen Covid-19 als erstes erhalten soll. Impfstart soll am 27. Dezember sein. Welche Überlegungen haben Spahn bei der Priorisierung geleitet?

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Von
  • Daniela Remus

Heute Morgen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Impfverordnung unterschrieben, mit der geregelt wird, wer den Impfstoff gegen Covid 19 als erstes erhalten soll, wenn er am Montag von der EMA zugelassen wird. Impfstart soll am 27. Dezember sein und fest steht: In drei Stufen soll die Bevölkerung geimpft werden. Priorisierung heißt dieses Vorgehen. Aber wie kommt es zustande? Und welche Überlegungen spielen dabei eine Rolle?

Es können nicht alle gleichzeitig geimpft werden

Am Anfang gibt es zu wenig Impfstoff für alle. Deshalb erhalten zunächst die Menschen das Präparat, die ein besonders hohes Risiko haben, an Covid 19 schwer oder sogar tödlich zu erkranken. Dazu gehören Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen, Menschen, die älter sind als 80 Jahre und auch medizinisches und pflegerisches Personal, das durch die Arbeit besonders stark gefährdet ist, sich anzustecken.

"Es ist wichtig, zu kommunizieren, dass es durchaus Positionspapiere sind, die den Anfang der Strategie festlegen, man muss ja irgendwo beginnen, und dass wir alle davon ausgehen, dass sich das im Laufe der Zeit modifiziert, verfeinert und aufzweigt." Infektiologin Barbara Rath

Die Infektiologin Barbara Rath ist Vorstandsvorsitzende und Mitbegründerin der Vienna Vaccine Safety Initiative, einer internationalen Forschungsorganisation. Der Priorisierung, die die Ständige Impfkommission STIKO und das Gesundheitsministerium entworfen haben, liegen nicht nur ethische und rechtliche Überlegungen zugrunde, sondern auch komplexe Modellrechnungen.

Modellrechnungen: Wie lässt sich Corona am besten bekämpfen, Impfstoff richtig verteilen

Mit diesen Modellrechnungen werden die epidemiologischen und gesundheitsökonomischen Auswirkungen verschiedener Impfstrategien berechnet, z.B. wie viele Schwerstkranke in den Kliniken überhaupt angemessen behandelt werden können.

Danach werden diese Ergebnisse mit der konkreten Situation abgewogen: Wie vermeidet man Tote und Klinikeinweisungen? Wie lässt sich die Ausbreitung des Virus effektiv stoppen und das knappe Gut Impfstoff gerecht verteilen? Und ganz entscheidend: Was kann der Impfstoff überhaupt, wie wirkt er? Barbara Rath legt dar, dass das in der gegenwärtigen Situtation besonders schwierig ist, denn "es gibt verschiedene Ziele, die in Kokurrenz treten."

Hauptziele von Impfkampagnen

Impfkampagnen verfolgen in der Regel zwei Hauptziele: Ein direktes, nämlich den konkreten Einzelnen vor der Erkrankung zu schützen, und ein indirektes, in einer Gruppe eine Herdenimmunität herzustellen. Beide Ziele gemeinsam zu erreichen, ist das Ideal. Ob das aber mit den gegenwärtigen Covid-Impfstoffen gelingt, bezweifelt André Karch, Leiter der klinischen Epidemiologie am Universitätsklinikum Münster.

"Wir wissen relativ wenig darüber, wie stark die indirekten Effekte sein könnten, weil in allen drei aktuellen Phase III Studien, die vorliegen, nicht als primärer Endpunkt untersucht wurde, ob die Impfung vor Infektionen und Infektiosität schützt." Andre Karch

Wie stark die Impfungen die Ausbreitung des Virus stoppen können, ist ungeklärt

Und das heißt: Wir wissen nicht, ob und wie stark diese Impfungen dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus und damit die Pandemie zu stoppen. Deshalb hält André Karch die Priorisierung der STIKO (Ständige Impfkommission beim Rober-Koch-Institut in Berlin) und des Gesundheitsministers zum gegenwärtigen Zeitpunkt für den richtigen Weg:

"Dadurch erreicht man in der aktuellen Situation am besten eine schnelle Reduktion der Gesamtkrankheitslast in einer Bevölkerung und hat die große Zielsetzung, nämlich die Belastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, die in den letzten Monaten immer im Mittelpunkt der politischen Diskussion stand, dadurch eher und leichter erreicht." André Karch

Mobile Personen werden erst geimpft, wenn sicher ist, dass der Impfstoff vor Verbreitung schützt

Erst wenn weitere Studien zeigen, dass der Impfstoff auch die Ausbreitung des Virus stoppt, sei es zielführend, diejenigen zu impfen, die besonders mobil sind und das Virus dadurch vermutlich besonders stark in der Bevölkerung verteilen.

Zur Zeit aber wäre ein solcher Ansatz wenig sinnvoll: Denn asymptomatische Superspreader hat man bisher nur im Nachhinein identifiziert, so André Karch: "Um diese Hypothese mit in die Diskussion aufznehmen, müsste halt klar sein, dass eine Impfung auch wirklich davor schützt, dass eine Person sich infiziert und infektiös wird." Ob der Impfstoff das leisten kann, sei aktuell aber nicht klar.

Corona-Impfstrategie kann geändert werden

Fest steht: Die jetzige Priorisierung ist ein Anfang, geschuldet der aktuellen Situation und dem gegenwärtig verfügbaren Wissen. Wenn sich die Voraussetzungen verändern, beispielsweise durch mehr verfügbaren Impfstoff und durch unterschiedlich wirksame Impfstoffe, dann kann sich nach Einschätzung von Expertinnen und Experten auch die Impfstrategie noch einmal deutlich ändern.

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Es sei wichtig viele von einer Impfung zu überzeugen, so Eugen Brysch, von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Angehörige von Pflegebedürftigen sollten mitgeimpft und es sollte dafür gesorgt werden, dass Heime mehr Personal zur Verfügung steht.