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Die Gefahr der Corona-Mutationen: Ein Rechenmodell | BR24

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Die Gefahr der Corona-Mutationen: Ein Rechenmodell

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    Die Gefahr der Corona-Mutationen: Ein Rechenmodell

    Die Corona-Mutationen machen Angela Merkel Angst. Die neuen Virustypen sind wohl ansteckender und könnten die Infektionen wieder exponentiell wachsen lassen. Warum ein ansteckenderes Coronavirus schlimmer ist als ein tödlicheres: ein Rechenmodell.

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    Von
    • Dominic Possoch
    • Adrian Dittrich

    Mit Beginn der Corona-Pandemie wurde der Brite Adam Kucharski zu einem international gefragten Experten. Dabei hat sich Kucharski als Professor an der London School of Hygiene and Tropical Medicine bereits vor Corona verstärkt mit Epidemien beschäftigt. Sein Ansatzpunkt: Mathematik.

    Pünktlich zum Ausbruch der Covid-19-Pandemie erschien sein Buch "The Rules of Contagion", der deutsche Titel: "Das Gesetz der Ansteckung". Ein Zufall, denn der Wissenschaftler hatte dieses schon vor Corona angefangen zu schreiben. Seine darin aufgeführten mathematischen und statistischen Modellrechnungen verhalfen ihm schnell zu internationaler Bekanntheit und machten ihn schließlich zu einem Pandemie-Experten.

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    Bildrechte: Screenshot von twitter.com/AdamJkucharski

    twitter.com/AdamJkucharski

    Neue Mutation mit neuen Variablen

    Tägliche Aufmerksamkeit erhält Kucharski mit epidemiologischen Wachstumsprognosen über seinen Twitter-Kanal. Im Besonderen, als sich die Corona-Lage in seiner Heimat Großbritannien Mitte Dezember noch einmal deutlich verschlimmerte. Denn mit der neuen Mutation B.1.1.7 scheint Corona auf der britischen Insel ersten wissenschaftlichen Schätzungen zufolge 50% bis 70% ansteckender geworden zu sein. Allein in London, wo die neue Mutation mit am meisten verbreitet ist, lag die Sieben-Tage Inzidenz zuletzt bei mehr als 1.000 Fällen auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland gilt eine Inzidenz von 200 Fällen in sieben Tagen als absoluter Hotspot-Wert.

    Die neuen Variablen bei B.1.1.7. weckten das Interesse Kucharskis. Vor allem als die Meldung kam, dass die Mutation nicht tödlicher sei. Auch die Impfstoffe sollen nach ersten Einschätzungen weiterhin wirken. Doch die deutlich erhöhte Infektiosität bereitet dem Statistiker große Sorgen, was er in einem Rechenmodell auf Twitter erläutert.

    Besorgniserregende Twitter-Rechnung

    In seinem Rechenmodell setzt Adam Kucharski dabei folgende epidemiologischen Werte fest: Bei der ursprünglichen Coronavirus-Variante sterben bei 10.000 aktiven Fällen 129 Menschen innerhalb eines Monats. Hierbei vorausgesetzt ist ein R-Wert von 1,1, eine Tötungsrate von 0,8% und eine Inkubationszeit - die Dauer zwischen Ansteckung und Auftreten erster Symptome - von sechs Tagen.

    Sollte nun unter diesen Bedingungen eine neue Virus-Mutation um 50% tödlicher sein, wäre das für den einzelnen Infizierten schlecht und würde wahrscheinlich den Respekt vor der Erkrankung deutlich erhöhen. Nach Kucharskis Rechnung gäbe es bei den Todeszahlen jedoch insgesamt nur einen leichten Anstieg auf 193 Todesopfer in einem Monat.

    Eine 50% ansteckendere Mutation klingt wiederum nicht so bedrohlich. Allerdings kommen hierbei nun die Regeln des exponentiellen Wachstums zum Tragen. In der Summe würde die Todeszahl folglich auf 978 Todesopfer steigen.

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    Rechenmodell von Adam Kucharski zu höheren Todeszahlen

    Große Sorgen in der deutschen Politik

    Auch in Deutschland ist die britische Corona-Variante bereits nachgewiesen worden. Wie weit sie allerdings verbreitet ist, lässt sich bisher noch nicht genau sagen. Dafür fehlen hierzulande bisher die notwendigen Labore, die durch Sequenzierung Mutationen entdecken können. Und trotzdem: Die Sorge vor dem von Adam Kucharski beschriebenen exponentiellen Anstieg aufgrund von B.1.1.7 hat längst die deutsche Politik erreicht.

    "Wenn wir jetzt die neuen Mutanten schon flächendeckend hätten, dann würden wir exponentielles Wachstum, also massives Wachstum mit schneller Überlastung der Intensivkapazitäten und der Tragödie, die damit einhergeht, im Lockdown sehen. Und das muss verhindert werden." Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker bei "Maybrit Illner"

    Die Rechnung von Adam Kucharski ist eingängig, mit ihr beschäftigt sich auch das aktuelle "Possoch klärt". Und für Deutschland könnte ein 50% ansteckenderes Coronavirus eine bisher nicht für möglich gehaltene Überlastung des Gesundheitswesens bedeuten. Ein Szenario, das Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten kommende Woche wohl mit weiteren, härteren Maßnahmen verhindern möchten.

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