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Der Wiederaufbau von Notre-Dame ist Detektivarbeit | BR24

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Die Kathedrale Notre-Dame in Paris wieder aufzubauen, dürfte aufwändig werden. Was dabei helfen könnte: Vor kurzem wurde das Gebäude komplett digital erfasst. Die Forscher stießen dabei auf einige Überraschungen.

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Der Wiederaufbau von Notre-Dame ist Detektivarbeit

Nach dem verheerenden Brand der Kathedrale Notre-Dame wird nun Inventur gemacht: Wo hat das Feuer welche Schäden verursacht? Danach wird die Rekonstruktion geplant. Nur: Wie geht das, wenn es keine Baupläne gibt?

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Alte Kathedralen haben einen Nachteil: Meist gibt es weder Aufzeichnungen, noch Baupläne, noch Modelle, wie die Kirchen erbaut wurden. So auch bei Notre-Dame de Paris. Nicht einmal die Baumeister der weltberühmten Sehenswürdigkeit sind bekannt. Man weiß nur, dass der Bau der Kathedrale 1160 beauftragt und der erste Spatenstich 1163 gesetzt wurde.

Notre-Dame ist eines der frühesten und prächtigsten Beispiele für die französische Gotik und trägt teils auch noch romanische Züge. Ein Anhaltspunkt für Architekten und Restauratoren: Anhand des Baustils können sie auf bestimmte Bautechniken und Materialien schließen.

Risse helfen beim Bau-Puzzle

Auch der Zustand des Baumaterials spricht Bände: Wir nehmen es kaum war, aber jedes Gebäude bewegt sich. Wie es das tut und wie sich Baumaterial verformt, wie und wo sich Risse in Decken und Wänden bilden, all das lässt Rückschlüsse auf verborgene Unterkonstruktionen zu, und auch auf Baufehler. Es kam nicht nur ein Mal vor, dass bei einer mittelalterlichen Kathedrale Pfeiler auseinander gedriftet sind und Hilfskonstruktionen angebracht werden mussten, um das Bauwerk zusammenzuhalten.

3D-Laserscans von Notre Dame könnten Gold wert sein

Seit 2001 versuchen US-Wissenschaftler mit Laserscans historischen Bauwerken ihre Konstruktionsgeheimnisse zu entlocken. 2013 scannten Andrew Tallon und Stephen Murray im großen Stil gotische Kathedralen in Frankreich für das Projekt "Mapping Gothic France".

Notre-Dame de Paris wurde bereits 2010 durchleuchtet, was sich nun als Glücksfall erweisen könnte. Die Scans zeigen die Konstruktion der Kathedrale und legten auch ein paar ungewöhnliche Bautricks frei: Anscheinend haben die mittelalterlichen Baumeister im Westteil der Kirche geschlampt und um bestehende Strukturen herumgebaut. Zu sehen ist das daran, dass Innensäulen und Gänge nicht einheitlich angeordnet sind. Der Grund: Die Westfassade wurde auf instabilem Grund gebaut. Das führte zu einem Baustopp, bis sich rund ein Jahrzehnt später der Boden verfestigt hatte.

Für den Wiederaufbau der Kathedrale könnten die Scans Gold wert sein. Allerdings sieht man damit nur die Oberfläche. Wie es hinter oder in den Wänden aussieht, kann man damit nicht herausfinden. Zudem müssen Material- und Wasserschäden mit anderen Methoden untersucht werden. Der bei dem Laserscan-Projekt federführende Wissenschaftler, Buchautor und Förderer von Notre Dame, Andrew Tallon, kann leider nicht mehr beim Wiederaufbau von Notre-Dame mithelfen. Er starb im November 2018 mit 49 Jahren an einem Hirntumor. 2017 hatte sich Tallon öffentlich dafür stark gemacht, dass Notre-Dame de Paris restauriert wird. Die Kathedrale zeigte schon seit Längerem Risse und Verfallserscheinungen.

Wie die Laserscans von Notre Dame entstanden

Andrew Tallon machte Laserscans von mehr als 50 Stellen inner- und außerhalb der Kathedrale. Beim Durchleuchten der Oberflächen sammelte er mehr als eine Milliarde Punkte, die er zu sogenannten sphärischen Panoramabildern zusammensetzte. Nicht nur das Gebäude sollte digital möglichst genau erfasst werden, sondern auch Eigenheiten, Ziele und Pläne der Baumeister eingefangen werden. Tallon wollte so in die Köpfe der Erbauer von Notre-Dame blicken und ihre Konstruktion verstehen.

Uni Bamberg hat ebenfalls 3D-Scans von Notre-Dame

Auch die Universität Bamberg hat dreidimensionale Scans von Notre-Dame und stellt diese zur Verfügung. Wissenschaftler der Universität haben die Pariser Kathedrale in den vergangenen 20 Jahren intensiv erforscht. Unter anderem habe man das Querhaus sehr genau "Stein für Stein" dreidimensional vermessen, so Professor Stephan Albrecht vom Lehrstuhl Mittelalterliche Kunstgeschichte. Man könne nun noch einmal messen und dann beim Vergleich der Daten erkennen, ob sich das Mauerwerk verändert habe. So könne man die Schäden besser einschätzen.

Über das Mauerwerk wisse man sehr gut Bescheid. Der Dachstuhl hingegen sei nicht vermessen worden, so Albrecht. Es sei einer der wenigen hervorragend erhaltenen Dachstühle aus dem 13. Jahrhundert gewesen. Albrecht hält es für "völlig ausgeschlossen", diesen Dachstuhl zu rekonstruieren.

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Am 15. April 2019 brach ein Feuer in der Pariser Kathedrale Notre Dame aus. In fünf Jahren soll die Kirche wiederaufgebaut sein. Helfen könnten dabei Laserscans der Kathedrale von Bamberger Wissenschaftlern.

Bedeutung von Notre-Dame de Paris

Notre-Dame de Paris ist nicht nur ein beeindruckendes gotisches Bauwerk für die Bewohner von Paris, sondern Herz der Stadt und Sinnbild ihrer Geschichte. Die Kathedrale steht auf der Île de la Cité, einer Insel in der Seine, von der aus sich die Stadt entwickelt hat. Zusammen mit benachbarten historischen Gebäuden an den Ufern der Seine wird das geschichtsträchtige Areal Île de France genannt und ist seit 1991 Welterbe.

Notre-Dame de Paris - hätten Sie's gewusst?

  • Auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame liegt der "Kilomètre zéro" von Paris, der Referenzpunkt für die Entfernungsangaben in Paris und wichtiger Autobahnen nach Paris.
  • Auf dem Dach der Sakristei von Notre-Dame stehen Bienenstöcke.
  • Der Dachstuhl von Notre-Dame bestand aus 1.300 Eichen. Das entspricht mehr als 21 Hektar Waldfläche. Beim Wiederaufbau müssen sich die Restauratoren entscheiden, ob sie wieder auf Holz setzen oder feuersicheren und leichten Stahl verwenden.
  • Der Schriftsteller Victor Hugo sorgte dafür, dass Notre-Dame de Paris im 19. Jahrhundert nicht verfiel. Er schrieb 1831 den Klassiker "Der Glöckner von Notre Dame" und verschaffte der heruntergekommenen Kathedrale damit neues Ansehen. Ab 1844 wurde sie 20 Jahre lang restauriert.
  • 1431 wurde König Heinrich VI. von England während des Hundertjährigen Krieges in Notre-Dame de Paris zum König von Frankreich gekrönt.
  • 1804 krönte sich Napoleon in Notre-Dame selbst zum Kaiser.
  • 13 Millionen Menschen aus aller Welt kommen jährlich, um die geschichtsträchtige Kathedrale zu besichtigen. Täglich strömen mehr als 30.000 Besucher und Pilger durch Notre-Dame. Zu Spitzenzeiten sind es mehr als 50.000.
  • 2013 feierte Notre-Dame de Paris 850-jähriges Bestehen.
  • 1991 wurde Notre-Dame und das anliegende Areal (Île de France) zum Weltkulturerbe "Ufer der Seine" ernannt.
  • Die Notre-Dame ist eins der frühesten Beispiele der französischen Gotik und zeigt Konstruktionsexperimente.
  • 1160 wurde der Bau von Notre-Dame beauftragt. Vor dem ersten Spatenstich 1163 mussten aber noch alte Gebäude und eine Kirche, der Stefans-Dom, vom Gelände entfernt werden. Die Hauptbauzeit endete 1345. Der am 15. April 2019 verbrannte Spitzturm wurde erst im 19. Jahrhundert auf die Kathedrale gesetzt. Mit einem internationalen Architekturwettbewerb soll er wieder aufgebaut werden.
  • Die Dimensionen von Notre-Dame: Das Kirchenschiff ist 128 Meter lang und an der breitesten Stelle (Querschiff) 48 Meter breit. Die charakteristischen Türme von Notre-Dame sind 69 Meter hoch. Das nördliche Rosettenfenster hat einen Durchmesser von 13,10 Metern.
  • In Notre-Dame wird die angebliche Dornenkrone Christi gehütet. Die Reliquie hat den Brand überstanden.

Thema in:

  • IQ, 17.4.19, 18.05 Uhr, Bayern 2
  • nano, 18.4.19, 17.45 Uhr, ARD alpha
  • Gut zu wissen, 11.5.19, 19.00 Uhr, BR Fernsehen