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Simulation des "Garmi"-Roboters der TU München im häuslichen Alltag.

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    Der Roboter, dein Freund und Pfleger

    So lange wie möglich selbstbestimmt leben, am liebsten in den eigenen vier Wänden. Das soll dank Robotertechnik für Pflegebedürftige bald möglich sein. Wissenschaftler in München haben Roboterassistenten entwickelt und trainieren sie für den Alltag.

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    Von
    • Christian Sachsinger
    • Hilde Stadler

    Garmi sieht nicht wirklich menschlich aus, eher niedlich mit kugelrundem Kopf und Händen, die an Schwimmflossen erinnern. Garmi ist ein zweiarmiger humanoider Roboter mit Radantrieb.

    "Wir haben auf Beine verzichtet, das hat energetische und Sicherheitsaspekte, etwa Stabilität", sagt Sami Haddadin, Professor für Robotik an der TU München. "Wir haben bei dem äußeren Erscheinungsbild darauf geachtet, dass der Roboter nützlich ist und zugleich keine Gefahr ausstrahlt, sondern sympathisch wirkt. Dass das System eine Art von Tollpatschigkeit ausstrahlt, so wie ein Teletubbie oder wie Marwin bei Anhalter durch die Galaxis."

    Der Wissenschaftler muss sich mit seinen Roboter-Geschöpfen herantasten an den Geschmack der Kunden. Das werden in erster Linie Senioren sein.

    Maschinen als Mitbewohner akzeptieren

    Haddadin untersucht im Rahmen eines Forschungsprojekts im Institut für Geriatronik in Garmisch-Partenkirchen, wie Roboter zur Pflege älterer Menschen eingesetzt werden können. Nur wenn die Menschen die Maschinen als Hausgenossen und Mitbewohner akzeptieren, hat diese Idee Zukunft. Anfangs sollen Garmi und seine Roboterkollegen auch nicht allein gelassen werden mit den Menschen, um die sie sich kümmern sollen. Denn ähnlich wie ein Pfleger aus Fleisch und Blut müssen die Roboter vieles am Anfang regelrecht erlernen. Dabei hilft ihnen ein Mensch.

    "Wenn der Roboter an seine Grenzen stößt, soll sich ein Mensch als Operator wieder in das System einklinken, um zu helfen. Diesen Prozess soll der Roboter nutzen, um das System zu erlernen, er lernt aus der Erfahrung." Sami Haddadin, Professor für Robotik, TU München

    Ferngesteuert via Internet

    Damit das funktioniert, kommen mehrere Technologien zum Einsatz. Erforderlich ist eine schnelle, zuverlässige Internetverbindung zu einer Hilfsperson, dem Operator. Dieser hat eine komplexe Fernsteuerung vor sich. Ähnlich wie Ärzte bei Fernoperationen kann der Operator diese Fernsteuerung nutzen, um die Umgebung des Roboters nicht nur zu sehen, sondern auch zu erspüren. Denn der Roboter ist mit Hunderten von Sensoren ausgestattet.

    "Mittels der Sensoren spürt der Roboter, mit welcher Kraft ich hier drücke. Ich bin jetzt beispielsweise eine Person, die bewegt werden soll, in der Reha. Der Roboter nimmt mich bei der Hand und versucht mich zu bewegen. Er spürt die Interaktionskräfte, in welchem Zustand ich bin, ob ich gut Gegenkraft aufbringen kann. Der Roboter ist in der Lage, das mit Sensoren zu messen und produziert Daten, die in Windeseile nach München transportiert werden. Das dauert nur fünf bis zehn Millisekunden." Sami Haddadin, Professor für Robotik, TU München

    Empfindungen analysieren und abrufen

    Das Netz wird so zum taktilen Internet, das nicht mehr nur Bilder oder Töne übertragen kann, sondern auch Empfindungen.

    Wenn der Roboter einen Patienten untersuchen soll, weil dieser etwa Herzrhythmusstörungen hat, kann der Operator aus der Distanz genau fühlen, wo das Stethoskop angesetzt werden muss. Der Clou ist, dass der Roboter die Bewegungen, die ihm der Operator vorgibt, dank künstlicher Intelligenz (KI) analysieren, speichern und danach in ähnlichen Situationen selbstständig wiederholen kann.

    Ähnlich wie KI sich Schach oder das chinesische Brettspiel Go beigebracht hat, kann ein Roboter immer mehr Tätigkeiten einer Pflegekraft erlernen - der menschliche Trainer in der Ferne muss im Laufe der Zeit immer seltener eingreifen.

    Trainieren in der Musterwohnung

    Was ein Pflegeroboter alles übernehmen soll, wird im Garmischer Institut vorgeführt, in einer vollständig eingerichteten Musterwohnung mit Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer und Bad; alle Räume sind barrierefrei. Was der Roboter tun kann? Er kann zum Beispiel Menschen zudecken, Getränke holen, Wasser reichen oder beim Aufstehen helfen. All das werde derzeit entwickelt und getestet, erklärt Sami Haddadin.

    Sogar eine Kaffeemaschine kann der Roboter in Garmisch bereits bedienen, inklusive richtiger Dosierung des Kaffeepulvers.

    Kein Luxusobjekt

    Der Pflegeroboter soll kein unerschwingliches Luxusobjekt werden. Den Preis sieht Sami Haddadin zwar bei 35.000 bis 50.000 Euro, aber Krankenkassen und Versicherungsgesellschaften sollen von der Technik überzeugt werden, damit sie die Kosten übernehmen. Ziel sei es, sagt der Wissenschaftler, mit Hilfe des Roboters möglichst vielen Menschen ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.

    Roboter mit Seele in Japan

    Im Hightech-Land Japan sind Service- und Sozial-Roboter seit Jahren schon im Einsatz, ob am Empfang von Hotels, zur Unterhaltung von Altenheimbewohnern oder als Hundeersatz in Privathaushalten. Und diese Roboter werden nicht als bloße Technikgeräte betrachtet, sondern als emotionale Wesen. Denn anders als im Westen erkennt man in Japan auch in Dingen eine Seele. Daher werden Roboter als echte Freunde oder sogar als Familienmitglieder ins Herz geschlossen.

    In Japan mit seiner überalterten Bevölkerung gelten Roboter als große Hoffnung. Auch dort sollen sie künftig pflegebedürftigen älteren Menschen das Leben erleichtern und gleichzeitig in der Altenpflege Personal ersetzen. Das ist nämlich auch in Japan rar.

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