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Der Regenwald brennt – auch wegen uns | BR24

© REUTERS / BRUNO KELLY

Rinder im brennenden Regenwald

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    Der Regenwald brennt – auch wegen uns

    Brasiliens Regenwälder brennen. Die grüne Lunge der Erde steht in Flammen, weil Brandrodungen Gewinn bringen - etwa für Rinder-Barone. Dass das so ist, liegt auch an Europas Landwirtschaftspolitik und an unserem steigenden Fleischkonsum.

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    Der Regenwald im brasilianischem Amazonasgebiet brennt. Dadurch werden nicht nur große Mengen an klimaschädlichem CO2 in die Atmosphäre freigesetzt, es wird auch einer der wirksamsten Kohlendioxidspeicher langfristig zerstört.

    Die Brände haben ein unglaubliches Ausmaß, 79.000 Brandherde sollen es derzeit sein. Laut Einschätzung von Experten die schwersten Waldbrände seit 21 Jahren.

    Mit der Fackel wird Weideland gewonnen

    Das Traurige daran: Es handelt sich dabei nicht um eine Naturkatastrophe. Der Wald, der nicht nur einen großen Schatz an bedrohten Tier- und Pflanzenarten beheimatet, sondern auch indigenen Völkern Lebensraum bietet, brennt, weil Menschen ihn angezündet haben. Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, geht davon aus, dass 80 Prozent der Brände gelegt werden. Der Grund: Statt des artenreichen Regenwaldes soll hier Weideland entstehen - für Rinder.

    Fast unbemerkt ist Brasilien mit seinen international agierenden Fleischkonzernen zum größten Rindfleisch-Erzeuger und -Exporteur der Welt aufgestiegen. Das Ziel des Agrobusiness: Die Welt mit Rindfleisch zu beliefern - vor allem Europa und China. Die Produktionskosten in Brasilien liegen bis zu 50 Prozent unter dem in Europa üblichen Niveau.

    Brennende Bäume und brüllende Rinder

    Stephan Kreppold vom Bund Naturschutz, selbst Biobauer, hat sich vor zwei Jahren ein Bild von der brasilianischen Landwirtschaft gemacht. Die Tierhaltung bewertet er negativ. Er hat gesehen, wie Rinder ohne Betäubung kastriert werden. Auch eine andere Beobachtung auf seiner Brasilienreise bestärkt ihn in seiner kritischen Einschätzung:

    "Ich hab einmal so einen Transporter erlebt, am Autobahnrasthof, und habe festgestellt, dass der zwei, drei Stunden voll bepackt mit 56 Tieren da gestanden ist. Die Tiere haben gebrüllt, ich war geneigt, den Transporter aufzubrechen. Und dann hab ich versucht, mit dem Fahrer zu reden und dann hat er gesagt: 'Was haben sie denn? Das sind doch Tiere.' Und da ist mir das zu Bewusstsein gekommen, mit welchem Selbstverständnis die Menschen dort mit Tieren umgehen, und das hat mich erschreckt." Stephan Kreppold, Bund Naturschutz

    Die Exporte nach Europa legen zu

    Im vergangenen Jahr hat Deutschland aus Brasilien rund 43.000 Tonnen Fleisch importiert – Schwein und Rind zusammengerechnet. Zum Vergleich: In Bayern wurden mehr als 310.000 Tonnen Rindfleisch produziert. In Deutschland etwa 1,1 Millionen Tonnen. Während in Bayern deutlich mehr Rindfleisch erzeugt als verzehrt wird, entspricht die Produktion deutschlandweit knapp dem, was bundesweit an Rindfleisch konsumiert wird.

    Der Anteil von aus Brasilien importiertem Rindfleisch in die EU wächst stetig – allein im vergangen Jahr um neun Prozent.

    "Was importieren wir mit? Zum einen diese grandiose Naturzerstörung vom Regenwald, Rodung; wir importieren eine grobe Verletzung der Menschenrechte dort, indem Menschen der indigenen Bevölkerungsschichten einfach vertrieben werden, richtig mit Gewalt vertrieben werden; und wir importieren eben extrem niedrige Tierschutzstandards im Vergleich zu unseren." Stephan Kreppold, Bund Naturschutz

    Abholzen, abbrennen, mästen, anbauen

    In der Regel läuft es in Amazonien immer wieder nach dem gleichen Schema ab: Erst werden wertvolle Baumstämme aus den Naturwäldern entnommen, dann der Rest niedergebrannt. Darauf folgen Weiden für die Rinder und nach einigen Jahren wird das Weideland umgebrochen, meist, um Sojabohnen anzubauen. Das Ökosystem Regenwald erhält sich selbst, aber die Weiden sind wenig produktiv. Nach der Brandrodung ist ein stabiles Gleichgewicht zerstört. Die Böden geben nicht viel her – weder für Gräser noch für Ackerpflanzen.

    Glyphosat wird großzügig eingesetzt

    Große Agrarkonzerne organisieren die Soja-Produktion deswegen nicht nur mit hohem Aufwand an Dünger, sondern auch an Unkrautvernichtungsmitteln wie Glyphosat. Pro Hektar wird ein Vielfaches von dem gespritzt, was in Deutschland üblich ist. Denn die Sojabohnen sind überwiegend gentechnisch verändert. Das heißt, sie sind unempfindlich gegenüber dem Totalherbizid. Spritzungen auch nach der Saat der Bohnen sind also möglich.

    Brasilien hat die Soja-Produktion innerhalb weniger Jahre verdoppelt und die USA als größten Exporteur weltweit abgelöst. Soja von abgeholzten Regenwaldflächen darf offiziell nicht vermarktet werden – auch deswegen werden die Regenwaldflächen erst einmal beweidet und somit in Agrarland umgewandelt.

    Deutschland importiert Brasiliens Soja in großen Mengen

    Deutschland importiert Eiweißfuttermittel wie Soja in großem Stil. 6,2 Millionen Tonnen jährlich für deutsche Schweine, Rinder und sogar Zuchtfische verschlingen somit Agrarland in Übersee in der Größe von Hessen.

    Auch bayerische Landwirte kaufen enorme Mengen an Soja, vor allem um Schweine und Geflügel zu mästen. 500.000 Tonnen waren es 2018 – sagt Robert Schätzl von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft – wobei der Import aus Brasilien aktuell zurückgegangen ist:

    "Das hat sehr viel mit dem Handelsstreit zwischen den USA und China zu tun. Die südamerikanischen Bohnen gehen jetzt vermehrt nach China, und im Gegenzug dazu kommen zu uns mehr Sojabohnen aus den USA." Robert Schätzl, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

    Zollfrei in bayerische Ställe

    Trotzdem: Dass der Wald im Amazonas brennt, hat auch damit zu tun, wie wir in Bayern und Deutschland wirtschaften und konsumieren. Und das nicht erst seit diesem Jahr. Denn Sojabohnen aus Übersee werden bereits seit 1992 zollfrei nach Deutschland importiert.

    Bemühungen, Futter, das bei uns eingesetzt wird, auch in Bayern zu erzeugen, gibt es erst seit wenigen Jahren. Soja und andere Eiweißfuttermittel wie zum Beispiel Ackerbohnen wachsen aber mittlerweile auch auf bayerischen Feldern. Doch der Anteil reicht für die bayerische Tierhaltung bei weitem nicht aus. Nur sieben Prozent des Sojafutters stammt aus bayerischer Produktion.