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Der moderne Mensch altert um 100.000 Jahre | BR24

© Philipp Gunz/MPI EVA Leipzig/dpa

Rekonstruktion eines Schädels des frühesten bekannten Homo sapiens

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    Der moderne Mensch altert um 100.000 Jahre

    In Marokko haben Forscher Fossilien des Homo sapiens entdeckt, die rund 300.000 Jahre alt sind. Damit beginnt die Geschichte des modernen Menschen wohl 100.000 Jahre früher als bislang gedacht. Von Alexandra Gögl

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    Der bislang älteste Beleg für den Homo sapiens war rund 195.000 Jahre alt und stammt aus Omo Kibish in Äthiopien. Ein 260.000 Jahre altes Schädelfragement aus Florisbad in Südafrika galt bis jetzt als umstritten. Die neueste Entdeckung rückt die bisherigen Funde nun in ein anderes Licht: In Marokko hat ein internationales Forscherteam unter deutscher Leitung Knochenfragmente entdeckt, die rund 300.000 Jahre alt sind, und die es frühen Vertretern des Homo sapiens zuordnet.

    Die Funde sprechen dafür, dass sich der moderne Mensch bereits über den afrikanischen Kontinent verbreitet hatte, bevor er sich vor rund 100.000 Jahren auf den Weg in den Rest der Welt machte. Die Ergebnisse wurden jetzt von Jean-Jacques Hublin, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, und seinen Kollegen in der Zeitschrift "Nature" veröffentlicht.

    Früher Homo sapiens mit modernem Gesicht

    In Jebel Irhoud, rund 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, fanden die Forscher insgesamt 22 versteinerte Überreste von Knochen, Schädeln, Kiefern und Zähnen, die von mindestens fünf Menschen stammen. Die Wissenschaftler untersuchten die Funde ausführlich und konnten sie nicht nur datieren, sondern ihnen auch ein Gesicht geben: Sie gehen davon aus, dass Gesicht und Zähne des frühen Homo sapiens uns schon sehr ähnelten. Der Hinterkopf dagegen sei deutlich länger gewesen und würde eher an ältere Vertreter der Gattung Homo erinnern.

    "Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat", folgert Philipp Gunz, Ko-Autor der Studie. Die Form des Gehirns dagegen und womöglich auch seine Funktion haben sich erst innerhalb der späteren Entwicklung verändert.

    Eine Sensation?

    Viele Wissenschaftler sind von den Funden samt ihrer Einordnung angetan: "Wir stimmen mit Hublin und Kollegen überein, dass die Jebel-Irhoud-Fossilien nun die am besten datierten Beweise für eine frühe 'vormoderne' Phase in der Evolution des Homo sapiens darstellen", schreiben Chris Stringer und Julia Galway-Witham vom Natural History Museum in London. Nur seien bislang zu wenig Fossilien gefunden worden, um nachzuweisen, dass sich der moderne Mensch tatsächlich schon vor mehr als 250.000 Jahren in ganz Afrika verbreitet habe.
    Ralf Schmitz von der Universität Bonn hält die Entdeckung für eine Sensation: Er hat keine Zweifel an der Datierung, Hublin und seine Kollegen seien sehr akribisch vorgegangen. Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde in Berlin betont, die Studie schließe eine Lücke in der Menschheitsgeschichte.

    Es gibt auch Skeptiker

    John Hawks, Paläoanthropologe von der Universität von Wisconsin, bleibt jedoch skeptisch: "Wenn ich mir die Fossilien aus Marokko anschaue, denke ich eher, dass das wie ein archaischer Mensch aussieht und von diesen gibt es einige. Die Funde zeigen, wie kompliziert die Evolution des Menschen war. Aber wir wissen leider noch nicht, wie das alles zusammenpasst." Die Fossilien aus Marokko lassen nur in ein kleines Zeitfenster der Entwicklung des modernen Menschen blicken. Weitere Funde werden weitere Puzzleteile liefern.