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Den Minifischen an den Korallenriffen auf der Spur | BR24

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Korallenriffe sind weltweit gefährdet. Wie kleine Fische die Artenvielfalt in den Riffen schützen können, zeigt eine neue Studie.

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Den Minifischen an den Korallenriffen auf der Spur

Sie sind winzig klein, mit bloßem Auge kaum sichtbar, aber ihre Bedeutung für Küstenbewohner und die Ökologie ist riesengroß. Auch wenn die Minifische erst seit kurzem erforscht werden, machen sich Biologen Sorgen um die kleinen Meeresbewohner.

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Sie tummeln sich in großen Mengen um die bunten Korallenriffe der Weltmeere, weil sie sich aber meist gut versteckt halten und mit bloßem Auge kaum sichtbar sind, wurde den winzigen Fischen bisher kaum Beachtung geschenkt. Meeresbiologen der Simon Fraser Universität in Kanada und des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen haben sich den kleinen Tieren gewidmet und Erstaunliches herausgefunden - über ihre Lebensweise, die Sicherung ihres Nachwuchses, die vielen verschiedenen Arten und ihre Bedeutung für das Ökosystem Meer.

Aber das Fazit ihrer Untersuchungen lautet auch: Die Existenz der kleinen Meeresbewohner hängt am seidenen Faden. Nicht zuletzt, weil die Korallenriffe ihre einzige Existenzgrundlage sind. Vielleicht aber auch, weil der Mensch die Weltmeere immer mehr verschmutzt.

Die schönen, aber unsichtbaren Fische um die Korallenriffe

Simon Brandl, Meeresbiologe an der Simon Fraser Universität in Kanada, gerät ins Schwärmen, wenn er über die kleinen Fische rund um die Korallenriffe spricht. "Wenn man über ein Riff schnorchelt oder taucht, dann würde man die eigentlich nicht sehen", erzählt er. Das einzige, was man sehe, seien "so kleine Blitze, rotweißorangegelb, die in die kleinen Höhlen und Risse im Riff versuchen zu entkommen". Das sei sehr schade, weil sie vergrößert betrachtet:

"...vielleicht die schönsten Fische, die in den Korallenriffen existieren, [sind]. Die kommen in den verschiedensten Farben mit den unterschiedlichsten Mustern vor. Und in den Fotografien, die wir mit einer Makrolinse aufnehmen können, kommt diese Schönheit wirklich zur Geltung." Simon Brandl, Meeresbiologe an der Simon Fraser Universität in Kanada

Jede Woche neue Art von Fischen um die Riffe enteckt

Obwohl Simon Brandl schon mehr als 1.000 Tauchgänge hinter sich hat und über Hundert verschiedene Korallenriffe kennt, hat auch er die kleinen, gerade einmal erbsengroßen Fische rund um die Riffe jahrelang übersehen und unterschätzt. Inzwischen ist das anders.

Als er anfing, diese Minifische genauer zu untersuchen, fiel ihm schnell auf, wie viele verschiedene Arten es von ihnen an jedem Riff gibt. Zur Zeit wissen die Forscher, dass etwa 2.500 unterschiedliche Arten existieren. "Aber das Problem ist, dass wir beinahe jede Woche eine neue Art von Grundeln oder Schleimfischen an Korallenriffen entdecken", sagt Brandl. Die Schätzungen des Meeresbiologen liegen deshalb bei etwa 5.000 verschiedenen Arten - fast einem Fünftel aller Wirbeltiere in der ganzen Welt.

Wie Brandl herausfand, verstecken sich die winzigen Fische zwischen Ritzen und Korallen. Manche hätten sich so spezialisiert, dass sie nur in einer ganz bestimmten Schwammart überleben können.

Besondere Fortpflanzung, denn Fische werden nur drei Wochen alt

Das Erstaunlichste, was Brandl und seine Kollegen bei ihren Beobachtungen feststellen konnten, aber ist: Die kleinen Fische werden kaum älter als drei Wochen alt. Denn dann werden sie schon von den größeren Fischen im Riff gefressen.

Für die Wissenschaftler bedeutete das: Um in ihrer kurzen Lebenszeit für genügend Nachwuchs zu sorgen, müssen die kleinen Fische etwas anders machen als andere Tiere. Aber die Wissenschafter konnten auch dafür eine Erklärung finden:

"Die Minifische, die machen das anders! Die scheinen am Riff zu schlüpfen und dann schwimmen sie nur ein kleines bisschen vom Riff weg und bleiben dann dort. Und das führt dazu, dass sie sehr viel weniger Einbußen haben, als die anderen Fische und dadurch dieses große Reservoir an Nachkommen haben, das jeden Fisch der gefressen wird am Riff, direkt wieder nachfüllen kann." Simon Brandl, Meeresbiologe an der Simon Fraser University

Tatsächlich fanden die Forscher Larven einer bestimmten Fischart nur in einem Radius von fünf Kilometern.

Kleine Fische sind von einem einzigen Korallenriff abhängig

Diese beeindruckende Überlebensstrategie hat klare Vorteile, aber auch einen riesigen Nachteil: Die Fortpflanzungsart macht abhängig von einem einzigen Korallenriff. Stirbt das Riff, können gleich mehrere Arten aussterben.

Die eigenwillige Organisation der Fortpflanzung kann aber auch eine Erklärung dafür sein, warum es so viele verschiedene Arten der winzigen Fische gibt. An einem 20 Kilometer entfernten Riff können sich die Populationen der Fische schon so weit voneinander entfernt haben, dass es innerhalb der kurzen Distanz schon zwei verschiedene Arten von Fischen gibt, so die Vermutung der Wissenschaftler.

Fazit: Schutz der Korallenriffe rettet auch kleine Fische

Aber Sonia Bejarano, Korallen-Forscherin am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen, sieht darin auch einen klaren Auftrag:

"Die Studie macht deutlich, dass wir unbedingt mehr darüber herausfinden müssen, welchen Gefahren die Minifische ausgesetzt sind. Reagieren sie zum Beispiel empfindlich auf Mikroplastik? Oder auf Chemikalien in Sonnencremes? Oder andere Meeresverschmutzung? Da die Fische im Riff geboren werden und ihr kurzes Leben lang dort bleiben, ist es besonders wichtig, die Riffe lokal zu schützen." Sonia Bejarano, Korallen-Forscherin am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen

Schließlich sind die Riffe nicht nur eine Art tropischer Regenwald der Meere. Sie sind auch Lebensgrundlage der kleinen Minifische. Und die wiederum sind Nahrungsgrundlage aller größeren Fische, von denen immerhin gut 500 Millionen Küstenbewohner auf unserer Erde abhängen.