BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Petra Lüthe

Viele Pflegeexperten und Angehörige sind überzeugt: Pflegebedürftige Menschen bauen in Heimen oder Krankenhäusern in der Corona-Pandemie schneller ab. Hinweise darauf liefert auch die Wissenschaft.

6
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Demenzschübe in der Corona-Krise?

Viele Pflegeexperten und Angehörige sind überzeugt: Pflegebedürftige Menschen bauen in Heimen oder Krankenhäusern in der Corona-Pandemie schneller ab. Hinweise darauf liefert auch die Wissenschaft.

6
Per Mail sharen
Von
  • Elsbeth Bräuer

Petra Lüthe merkte anfangs an vielen kleinen Dingen, wie ihre Mutter abbaute. Die demenzkranke Dame lebte in einem Münchner Pflegeheim. Im Lauf der Corona-Pandemie gingen immer mehr Fähigkeiten verloren.

"Rechnen und Rechtschreiben konnte sie immer sehr gut, das ließ im Herbst einfach nach und sie hat Wörter erfunden." Petra Lüthe

Angebote und Fördermöglichkeiten waren im Heim teils sehr eingeschränkt. Bei ihren Treffen überlegte sich Lüthe kleine Spiele mit Bauklötzen oder Würfeln – schwierig auf zwei Meter Entfernung. Als im Heim Corona ausbrach und es ein Besuchsverbot gab, versuchten sie es mit Videotelefonie: "Meine Mutter hat in 40 Minuten kein Wort gesagt und ich bin halb verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie ich sie erreichen sollte." Inzwischen ist die Mutter verstorben. Ob die Besuchsregeln dazu beigetragen haben, dass sie abbaute oder ob es ohnehin so schnell gegangen wäre, weiß Lüthe nicht.

Sorgende Angehörige fehlen oft im Pflegeheim

Immer wieder berichten Menschen, dass ihre Angehörigen im Heim oder Krankenhaus geistig und körperlich abbauen. Gerade Menschen mit Demenz litten unter Besuchseinschränkungen, sagt die Gerontologin Semra Altinisik von der Alzheimer Gesellschaft München.

"Für die Betroffenen ist das Problem, dass sie die Bezugspersonen einfach nicht sehen und das gibt ihnen ja auch Sicherheit und vermittelt oftmals Ruhe." Semra Altinisik, Gerontologin

Angehörige hätten vor der Pandemie oft regelmäßig im Heim unterstützt, von Spaziergängen bis zum Fotos-Anschauen. Manche Ehepartner begleiteten früher täglich beim Mittagessen, sagt Altinisik – denn das brauche Zeit, die dem Pflegepersonal fehlt: "Wenn das wegfällt, isst diese Person zum Teil auch nichts." Allerdings wirken sich die Regeln nicht auf alle gleich aus. Manche Menschen mit Demenz würden ohne den Besuchstrubel sogar gelassener scheinen.

Beobachtungseffekt oder schnellerer Abbau?

Dr. Katharina Bürger vom LMU Klinikum kann sich vorstellen, dass die Berichte von Abbau-Erscheinungen auch mit einem "Beobachtungseffekt" zu tun haben: Bei fortschreitenden Erkrankungen wie Demenz fielen Defizite vielleicht stärker auf, wenn man die Person länger nicht gesehen hat. Doch soziale Isolierung könne sich auch auf die Hirnleistungsfähigkeit auswirken. So weit möglich, wird Demenzpatienten ein geistig und körperlich aktives Leben empfohlen. Beschäftigungen wie Gymnastik oder leichte Hausarbeit können Fähigkeiten je nach Krankheitsverlauf zumindest zeitweise erhalten. Fallen Aktivitäten weg, "verfallen diese Fähigkeiten vielleicht auch schneller", sagt Bürger.

Geistiger Verfall in der ersten Welle

Die Corona-Maßnahmen, zu denen auch Besuchseinschränkungen zählen, dienen dem Schutz der Hochrisikogruppe. Doch auf Menschen mit Demenz wirken sie sich teils gesundheitlich negativ aus. Laut Studien aus Italien und Großbritannien verstärkten sich etwa infolge der ersten Welle Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit oder Verhaltensauffälligkeiten.

Für die erste Welle in Deutschland erschien vor kurzem eine bundesweite Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege, eine Befragung von 950 Pflegedienstleitungen oder Qualitätsbeauftragten im Heim. "Insbesondere die Stimmung und die Lebensfreude von Bewohnerinnen und Bewohnern haben sich stark verschlechtert", sagt Dr. Ralf Suhr, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung. Etwa vier von zehn Befragten glaubten zudem, dass sich der geistige Zustand und die Orientierung der Bewohner mit Demenz verschlimmert haben.

In etwas geringerem Ausmaß vermuteten dies die Experten auch bei Patienten ohne Demenz. Außerdem sei es teils zu weniger Versorgung durch Fachärzte gekommen. Dem Gesundheitspersonal, selbst äußerst belastet, macht Suhr explizit keinen Vorwurf. Ob Veränderungen wirklich durch die fehlenden Besuche ausgelöst wurden, ist unklar. Außerdem bezieht sich die Studie auf eine Zeit, als es in Heimen mitunter komplette Besuchsstopps gab.

Aufenthalte im Krankenhaus bedeuten oft Stress

Besuchsverbote gibt es in Heimen derzeit nur bei akuten Ausbrüchen. Bei vielen Krankenhäusern und Reha-Kliniken sieht das anders aus, teils sind Besuche gar nicht möglich. Ob bei Demenz Ausnahmen gemacht werden, ist je nach Einrichtung unterschiedlich. Entschieden wird meist im Einzelfall nach Absprache mit dem Arzt. Eine Einweisung ins Krankenhaus kann für Menschen mit Demenz belastend sein, sagt Gerontologin Altinisik: "Jeder Ortswechsel ist ein extremer Stress." Zudem fällt der vertraute Alltag weg. Fehlen Angehörige, kann das zusätzlich destabilisieren.

Gefahr Delir: Plötzlich verwirrt

Manche älteren Menschen bekommen im Krankenhaus ein Delir – einen akuten Verwirrtheitszustand. Die Patienten sind oft desorientiert, haben Halluzinationen. Menschen mit Demenz sind besonders gefährdet. Oft kann ein Delir anfangs noch unterbrochen werden – etwa, indem man dem Patienten sagt, wo er sich gerade befindet und ihm die Angst nimmt. "Diese Reorientierung wird natürlich über Pflegekräfte durchgeführt, aber es ist viel besser, wenn das Angehörige machen", sagt die Delir-Expertin Prof. Claudia Spies von der Berliner Charité. Ob es seit der Coronakrise in Deutschland mehr Fälle von Delir gibt, ist nicht bekannt. Aber Studien zeigen, dass Angehörige bei der Prävention eine Rolle spielen, auch wenn das nur ein Faktor unter vielen ist.

D-Team: Fördern und Fordern in Regensburg

Am Universitätsklinikum Regensburg hat man beides im Blick: Demenz und Delir. "Wir versuchen, die Alltagskompetenz zu erhalten und zu stärken", sagt Andrea Spiegler von der Pflegedirektion über das "D-Team". Auf der unfallchirurgischen Station ist etwa eine zusätzliche Betreuungskraft im Einsatz, auf Intensivstationen gibt es Delir-Assessments und Videotelefonie. Auf allgemeinen Stationen ist derzeit ein Besucher pro Tag für eine Stunde zugelassen. Bei stark verwirrten Menschen, die davon profitieren, teils auch länger. "Aber für Patienten im Delir ist es schwierig, die Aufmerksamkeit zu halten. Häufig ist schon eine Stunde hilfreich, in der die Angehörigen da sein können." Außerdem ermutigt Spiegler Familien dazu, vertraute Gegenstände abzugeben, etwa ein Kissen oder Bilder der Enkel.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!