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Das neue Waldsterben: Bäume dürsten schon seit Jahren | BR24

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Die Dürrejahre 2018 und 2019 haben den Wäldern bereits schwer zugesetzt. Droht jetzt ein neues Waldsterben?

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Das neue Waldsterben: Bäume dürsten schon seit Jahren

Die anhaltende Trockenheit lässt die Wälder in Bayern leiden. Anders als auf trockenen Äckern würde hier auch ein ausgiebiger Regenguss keine Linderung verschaffen: Die tiefen Bodenschichten können den Durst der Bäume nicht mehr löschen.

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Seit März freuen wir uns über anhaltenden Sonnenschein am blitzblauen Himmel. Doch der macht nicht nur Landwirten Sorgen, sondern auch Förstern und Forstwissenschaftlern. Sie fürchten ein regelrechtes neues Waldsterben. Denn die Wälder in Deutschland leiden schon seit Jahren unter zu großer Trockenheit.

Buchen muss man wohl in Zukunft suchen

Nicht nur Fichten stehen oft da wie vertrocknete Weihnachtsbäume, auch Buchen sterben - in erschreckendem Tempo: Den Bäumen platzt die Rinde auf und große Rindenstücke brechen ab. Ihres Schutzes beraubt sterben selbst über 100 Jahre alte Bäume rasant ab.

"Wenn eine Buche normal abstirbt, ist das ein langsamer Prozess, aber das, was wir 2019 und auch jetzt 2020 sehen, das ist ein schlagartiger Verlust der Rinde, das Holz darunter scheint hell hervor. Es ist, als ob der Baum seine Haut verliert, und das ist zutiefst deprimierend." Stephan Thierfelder, Forstamt Schweinfurt
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Die anhaltende Trockenheit macht den Bäumen in Franken sehr zu schaffen. Förster fürchten den nächsten Dürre-Sommer. Schon jetzt sind einige Buchen am Verdursten.

Schädlinge haben ein leichtes Spiel

Schädlinge wie Pilze, Borkenkäfer oder Schwammspinner profitieren doppelt: Zum einen haben die von der Dürre geschwächten Bäume den Eindringlingen wenig entgegenzusetzen. Zum anderen breiten sich Schädlinge durch mildere Temperaturen in Winter und Frühjahr stärker aus.

Die "neue Qualität" der Dürre

Durch den Klimawandel gibt es immer öfter überdurchschnittlich heiße Sommer mit unterdurchschnittlichen Niederschlagsmengen. 2018 und 2019 waren besonders starke Dürrejahre. Davon ist in Bayern vor allem der Norden betroffen: In einigen Regionen Frankens gibt es schon seit 16 Jahren ein Niederschlagsdefizit, das den Grundwasserspiegel immer weiter absinken lässt, erklärte Leonhard Rosentritt, der Leiter des Wasserwirtschaftsamts in Bad Kissingen, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk.

© BR Fernsehen

Nach zwei sehr trockenen Sommern schauen Land- und Forstwirte auch dieses Jahr mit Sorgen in den oft wolkenlosen Himmel. Der April ist bis jetzt zu trocken. Betroffen sind unter anderem auch die Wälder in Unterfranken.

Doch die Dürre ist kein regionales Phänomen, sondern betrifft weite Teile Deutschlands:

"Das Außergewöhnliche, was wir seit 2018 haben, ist diese großflächige Betroffenheit. Das haben wir eigentlich nur im Jahr 1976 ähnlich in Deutschland gehabt. Aber das war ein einzelnes Jahr. Und wir haben jetzt diese großflächige Betroffenheit in drei Jahren in der Vegetationsperiode hintereinander. Und das ist eigentlich das, was für mich die neue Qualität der Dürre ausmacht." Andreas Marx, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig, Dürre-Monitor

Das Problem geht sehr tief

Während vielen trockenen Äckern schon mit ein paar ordentlichen Regengüssen geholfen wäre, geht die Dürre in den Wäldern buchstäblich viel tiefer: Anders als Gemüse sind Bäume keine Flachwurzler, sondern recken ihre Lebensadern tief in den Waldboden hinein. Doch genau dort finden sie keine Feuchtigkeit mehr.

Der Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt, dass dank reichhaltiger Regenfälle in Februar und Anfang März die oberen Schichten des Bodens noch relativ viel Feuchte aufzuweisen haben, wenn auch nicht überall in Bayern im gleichen Maße (mittlere Grafik). Die tieferen Bodenschichten bis 1,80 Meter sind dagegen extrem extrem trocken (linke Grafik).

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Dürre in tiefen (links) und oberen Bodenschichten (Mitte) sowie Wasserverfügbarkeit in oberen Schichten (rechts)

Ein bisschen Regen reicht noch lange nicht

Um die Trockenheit in den tiefen Bodenschichten zu beenden, reichen aber keine Regenschauer, selbst ein tagelanger, intensiver Regen würde nur wenig helfen. Der würde zwar die akute Waldbrandgefahr mindern, doch der Durst der Bäume braucht weitaus mehr: zwei oder drei regenreiche Jahre.

"Es dauert sehr lange, bis das Wasser in tieferen Schichten ankommt. Und man braucht über einen sehr langen Zeitraum überdurchschnittlichen Niederschlag. Also das kann bis zu sechs Monate dauern, bis die Dürre im Gesamtboden sich auflöst." Andreas Marx, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig

Auch die Winter nicht feucht genug

Normalerweise liefert das Winterhalbjahr genügend Feuchtigkeit, um die trockenen Sommer auszugleichen. Doch auch im Winter fiel in den vergangenen Jahren zuwenig Niederschlag, um die beiden vergangenen Dürresommer auszugleichen. Die Folge: Der momentane Zustand der Bäume ist derzeit schlechter als zum Höhepunkt des Waldsterbens im Jahr 1984, meinte Olaf Bandt, der Vorsitzende des Umweltverbands BUND, gegenüber tagesschau.de.

Waldumbau auf artenreiche Laubwälder

Um die Wälder fit zu machen für weitere Dürrejahre, müssen sie umgebaut werden. Nicht alle Bäume vertragen die Trockenheit so schlecht wie Fichte und Buche. Laut der Helmholtz Klima Initiative sind statt der Monokulturen jetzt vor allem Laubwälder gefragt, mit möglichst verschiedenen Baumarten. Das mache es auch den meist sehr spezialisierten Schädlingen schwerer. Und manch ein Förster freut sich bereits beispielsweise über dicke Vogelkirschbäume mitten im Wald:

"Wir achten noch mehr und noch forcierter auf das Thema 'Pflege von natürlicherweise ankommenden kleinen Bäumchen'. Indem wir klimastabile Baumarten wie Eiche, Kirsche, Elsbeere und Wildobst herauspflegen - gegen andere Baumarten wie beispielsweise die Buche, die sich im Moment als weniger trockenresistent herausstellt." Christoph Riegert, Forstbetrieb Arnstein der Bayerischen Staatsforsten

Das allerdings erfordert Geduld. Denn bis ein neuer Wald ausgewachsen ist, vergeht ein halbes bis ganzes Jahrhundert. Waldumbau ist ein langsames Geschehen - und muss deshalb umso nachhaltiger passieren.

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Viele Schädlinge bedrohen unsere Bäume: Borkenkäfer, Asiatischer Laubholzbockkäfer und - der Schwammspinner!