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Cyber-Mobbing: Das können Betroffene dagegen tun | BR24

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Was können Betroffene dagegen tun? Wie können Eltern helfen? Tipps vom Cyber-Mobbing-Experten Jörg Kabierske.

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Cyber-Mobbing: Das können Betroffene dagegen tun

Der Fall in Nördlingen zeigt: Cyber-Mobbing ist ein ernst zu nehmendes Problem. Was können Schüler, Eltern und die Schulen dagegen tun? Der Anti-Mobbing-Coach Jörg Kabierske gibt Tipps.

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Der Fall von Cyber-Mobbing an der Maria-Stern-Realschule in Nördlingen sorgt für Entsetzen. Drohungen, Pornolinks, Hacking und eine falsche Todesanzeige - monatelange Mobbing-Attacken sind eskaliert, die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Diese Form von Mobbing sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, warnt der IT-Spezialist Jörg Kabierske aus Regensburg. Als selbstständiger Coach bietet er Workshops an Schulen zum Thema Cyber-Mobbing und "Digitale Selbstverteidigung" an. In den vergangenen 15 Jahren war er an über 1.000 Schulen zu Gast.

Doch wie sollten sich Schüler, Eltern und Lehrer konkret verhalten, wenn sie betroffen sind? Der Experte hat folgende Tipps:

Tipps für Schüler

Bei Mobbing frühzeitig einschreiten

Wer schweigt, der macht die Sache nur schlimmer. Auf die Beobachter in Schülergruppen kommt es an, sagt der Experte: Sie können die Intrigen stoppen, indem sie Mobbing frühzeitig erkennen und dem Täter klar entgegentreten. Gespräche mit Schul-Sozialarbeitern, einem Schulpsychologen oder Vertrauenslehrer können Schlimmeres verhindern.

Zurückhaltend kommentieren und posten

Je normaler es wird, andere zu beurteilen und Schimpfwörter zu benutzen, desto schneller eskaliert die Kommunikation in Chat-Gruppen, so Kabierske. Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit: Andere Personen nicht ungefragt fotografieren und veröffentlichen. Doch diese Regel wird häufig missachtet.

Das Problem ansprechen

Laut dem Mobbing-Experten schweigen Kinder und Jugendliche zu lange, wenn sie gemobbt werden, meistens aus Scham. So wird jedoch die Leidenszeit der Betroffenen unnötig verlängert. Darum: Das Problem aktiv Freunden und den Eltern kommunizieren, erst dann kann es zur Klärung kommen.

Tipps für Eltern

Kindern und Jugendlichen ein gutes Vorbild sein

Wer vor den Augen der Kinder jedes Video oder auf jedem Portal kommentiert, der gibt dem Nachwuchs das Gefühl, dass es "völlig normal ist, seine Meinung zu sagen, mitunter auch vulgär", findet Kabierske. Darum: Vorbild sein und auch im Netz höflich bleiben. "Eltern haben mehr Einfluss als die Lehrer", ist sich der Experte sicher.

Wenn es ein Problem gibt: nicht online "zurückschlagen"

Kommt es zu einer Intrige gegen das eigene Kind, sollten die Eltern das Gespräch mit den Eltern des vermeintlichen Täters suchen. Auf keinen Fall selbst online gegen den Minderjährigen zurückpöbeln, so der Anti-Mobbing-Coach. Das Gespräch zwischen Eltern kann die Situation oft schnell entschärfen.

Über das sprechen, was im Netz passiert

Ob YouTube, Onlinegames oder Gruppenchats - virtuelle Aktivitäten der Kinder und Jugendlichen sollten Teil der normalen Unterhaltungen sein, rät Kabierske. Eltern sollten mit ihren Kindern im Gespräch darüber bleiben, was ihre Kinder online anschauen, lesen oder spielen. "Fragen Sie nach, was es so an 'digitalen Abenteuern' gibt", empfiehlt Kabierske. Auch das Thema Cyber-Mobbing kann einmal zur Sprache kommen.

Kein eigenes Smartphone für unter 14-Jährige

Und noch ein grundsätzlicher Rat des Schul-Coaches: Eltern sollten ihren Kindern bis zum Ende der Grundschule kein eigenes Smartphone geben. Bis zum Alter von 14 Jahren ist es ratsam, Kinder und Jugendliche ein Handy der Eltern nutzen zu lassen, als eine Art "Leihhandy". Dessen Nutzung ist dann mit klaren Vorgaben verbunden, so der Tipp von Kabierske. Außerdem gilt: Apps wie WhatsApp dürfen offiziell erst ab 16 Jahren genutzt werden. Ausnahmen davon sollten Eltern mit klaren Regeln verbinden.

Tipps für Lehrer

Regeln setzen, was in der Schule erlaubt ist und was nicht

Schulen sollten Regeln aufstellen, für welche Werte sie stehen, und Regelverstöße sanktionieren, so der Tipp des Experten. Unerlaubtes Fotografieren, Filmen und dann Posten muss im Schulbereich tabu sein. Im Klassenzimmer können Lehrer mit ihren Schülern digitale Klassenverträge aufsetzen und im Gespräch durchgehen, welche Mechanismen bei Mobbing zu ergreifen sind.

Gegen Klassen-Chatgruppen ohne Erwachsene hat Jörg Kabierske nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Dort können wichtige Informationen zum Schulalltag ausgetauscht werden. Sein Vorschlag: Es sollte immer mehrere Moderatoren der Chatgruppe geben und eine klare Regelung, was geschrieben werden darf und was nicht.

Frühzeitig Probleme erkennen und fachliche Hilfe holen

Kommt es im Unterricht zu üblen Beleidigungen, Verleumdungen einer Person oder liegt ein Konflikt in der Luft, sollten Lehrer mit den Betroffenen das Gespräch suchen. Auch das Hinzuziehen von Schul-Sozialarbeitern, Schulpsychologen oder anderen Experten macht Sinn, wenn das Problem größer werden sollte. Eine offene Diskussion vor allen Schülern gleich zu Beginn könnte den Konflikt dagegen erst verschärfen, so Coach Kabierske. Einzelgespräche seien im ersten Stadium darum sinnvoller.

Workshops und Kurse anbieten

Das gezielte Ausgrenzen Einzelner kann großen Schaden bei Kindern und Jugendlichen bewirken. Workshops und Kurse über richtiges Verhalten in den sozialen Netzwerken sind darum ein wichtiger Teil im Kampf gegen Mobbing. Auch Lehrer sollten im Rahmen von Fortbildungen über die Chancen und Risiken von neuen Online-Plattformen fit gemacht werden.

Am Ende zählt immer: das Theoretische in die praktische Lebenswelt der Schüler umzusetzen, so Jörg Kapierske. Das heißt: Wie gehe ich mit den Mitschülern um, welche Ausdrucksformen nutze ich in Gruppenchats, wann werden Grenzen überschritten? Je mehr Bewusstsein für das Problem da ist, desto weniger Entgleisungen wird es geben, ist sich der Experte sicher.