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Corona-Winter ohne Weihnachtsmärkte: Leidet die Psyche? | BR24

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In gut zwei Monaten ist Weihnachten. Die Corona-Fallzahlen steigen, soll man die Weihnachtsmärkte verbieten? Eine Umfrage.

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Corona-Winter ohne Weihnachtsmärkte: Leidet die Psyche?

Die kalte, dunkle Jahreszeit ist da. Lichtblick waren da bisher oft die Weihnachtsmärkte. Doch in der Corona-Zeit könnte das Ansteckungsrisiko unkalkulierbar hoch werden. Also ausfallen lassen? Würde dann die Psyche leiden? Ein Psychiater klärt auf.

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Die Planungen für die Weihnachtsmärkte laufen, die Hygienekonzepte und Änderungen bei den Aufbauten sind berücksichtigt. Aber können die Märkte überhaupt stattfinden? Mit steigenden Corona-Fallzahlen wird die Ungewissheit größer. Was würde es bedeuten, wenn mit den Weihnachtsmärkten ein weiterer Fixpunkt im Jahreslauf wegfällt? Darüber hat BR24 mit dem Psychiater Prof. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck, gesprochen:

Herr Professor Voderholzer, welche Rolle spielen solche emotionalen Fixpunkte wie Weihnachtsmärkte, die für viele ein Ritual am Jahresende sind?

Weihnachtsmärkte haben für uns schon eine sehr wichtige Rolle. Wir alle gehen wahnsinnig gern auf die Weihnachtsmärkte, weil wir Menschen treffen, weil wir da ganz eng zusammenstehen mit anderen Menschen.

Und wenn das wegfällt, zeigt es uns, dass die Corona-Pandemie uns total fest im Griff hat. Und gerade in der dunklen Jahreszeit ist es wichtig, nach draußen zu gehen und auch wieder andere Menschen zu treffen, zusammenzustehen, sich auszutauschen. Wenn das wegfällt, tut das schon sehr weh.

Was bedeutet es dann für Menschen, wenn diese emotionalen Fixpunkte heuer nicht möglich sind? Es sieht so aus, dass, wenn es Weihnachtsmärkte gibt, sie auf jeden Fall in einer völlig anderen Form stattfinden werden als wir sie bisher immer gekannt haben, vielleicht mit Abständen, vielleicht ohne Musik, auf jeden Fall nicht mit nahen Kontakten.

Ich glaube, es löst Trauer aus. Und für Menschen, die ohnehin schon einsam sind, wird es das Gefühl der Einsamkeit verstärken.

Die Corona-Pandemie ist natürlich eine allgemeine Verunsicherung. Ich sehe aber auch den Aspekt, dass doch die meisten Menschen auch Verständnis haben und einsehen, dass die Maßnahmen wichtig sind. Diejenigen, die kein Verständnis für die Maßnahmen haben, werden sich natürlich ärgern und sagen: Jetzt wird uns das auch noch genommen von der Gesellschaft.

Muss man als Gesellschaft vielleicht auch ein Auge auf diese Menschen haben, die anfällig dafür sind, wenn ihnen solche Haltepunkte weggeschlagen werden? Muss man da die Leute irgendwie dann entweder staatlich oder als Gesellschaft mit an die Hand nehmen, damit sie nicht vergessen werden?

Ich finde es einen sehr wichtigen Punkt, gerade an Weihnachten. Das ist ja ein Fest, wo man in besonderer Weise Liebe und Geborgenheit erfährt. Und da müssen wir alle darauf achten, dass diejenigen nicht vergessen werden, die gerade an Weihnachten besonders diese Einsamkeit erleben.

Und wir sollten eben darauf achten, dass wir uns treffen, dass wir ein schönes Fest miteinander feiern im Rahmen der Möglichkeiten, die gehen. Ich denke da auch an solche Sachen wie eine Zoom-Konferenz zu machen mit Freunden, mit Verwandten, die man jetzt nicht treffen oder sehen kann, und dass man sehr großen Wert darauf legt, die Sachen sehr schön zu gestalten. Vielleicht Dinge, die man aus der Kindheit kennt: gemeinsam was Basteln, gemeinsam Plätzchen backen.

Wie kann ich als einzelner damit umgehen? Wie kann ich mich vielleicht mit etwas anderem belohnen? Und wie kann ich dieses Ritual durch etwas anderes ersetzen?

Erstmal kommt es darauf an, das Weihnachtsfest mit der Familie, mit den engsten Freunden auch gut zu feiern. Und die Zeit, wo vieles andere wegfällt, kann auch genutzt werden, Dinge zu tun, die ich im Haus schon lange machen und mal erledigen wollte.

Oder auch Briefe schreiben oder Kontakte wieder aufnehmen mit Menschen, die ich schon lange vernachlässigt habe. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Ich denke, vor allem ist der Aspekt der Beziehung der Menschen zueinander wichtig, der Gemeinschaft.

Wir sollten darauf achten, dass wir viel auch, gerade in der dunklen Jahreszeit, uns auch bewegen, nach draußen gehen. Was wir tun können – nur halt nicht dort, wo die großen Menschenansammlungen sind. Dieses Verkriechen in den Wohnungen, gerade im Herbst und im Winter - da wissen wir, dass das auch Depressionen fördern kann. Und wir können ihnen mit körperlicher Aktivität begegnen.

Kann es da Sinn ergeben, dass man da auch vielleicht Arbeitskollegen oder Freunde dazu einlädt, dass man sagt: Lasst uns gemeinsam einen Winterspaziergang machen! Man kann ja trotzdem hinterher noch irgendwo einen Glühwein trinken oder eine Kerze anzünden. Also eigene Rituale zu erschaffen, die so ein Weihnachtsmarktgefühl ersetzen können?

Auf jeden Fall ist es eine gute Möglichkeit, sich viel mit Leuten draußen im Freien zu treffen. Man kann ja den Tee oder den Punsch mitnehmen und mal in im Freien etwas unternehmen. Da wissen wir, dass das die Menschen oft viel zu wenig machen, gerade im Winter.

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