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Corona-Patient im Krankenhaus

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    Corona: Wie hoch ist die "Übersterblichkeit"?

    Das Robert Koch-Institut veröffentlicht täglich einen Corona-Situationsbericht - darin sind auch die Todeszahlen aufgeführt. Doch gibt es tatsächlich eine "Übersterblichkeit"? Sterben insgesamt also mehr Menschen in Deutschland als vor der Pandemie?

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    Von
    • Moritz Pompl

    Felix zur Nieden ist der Experte für die Sterbefall-Statistik beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Er hat einen genauen Überblick über die Sterbefälle in Deutschland. Corona habe die Sterbezahlen erhöht, sagt er.

    "Im Frühjahr hatten wir im April zum Beispiel eine Erhöhung um zehn Prozent im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre", so zur Nieden. "Und auch regional ist es eben immer genau da auffällig, wo auch die höchsten Covid-19-Inzidenzen und Todesfallzahlen [zu finden sind]." Das sei etwa in der ersten Welle in Bayern und Baden-Württemberg so gewesen. Laut zur Nieden lagen die Sterbefallzahlen in der Spitze dort um fast 30 Prozent über dem Vorjahresdurchschnitt.

    Experte: Spitze ist noch nicht erreicht

    Nach April normalisierten sich die Sterbezahlen dann wieder - wohl vor allem wegen der Lockdown-Maßnahmen. Doch seit Mitte Oktober zeigt sich ein zweiter Anstieg - wieder besonders stark in Regionen, in denen viele Corona-Fälle auftreten.

    Und die Spitze ist noch nicht erreicht, glaubt Felix zur Nieden: "Besonders viele Covid-19-Sterbefälle wurden ja jetzt erst Ende November und Anfang Dezember beim RKI gemeldet. Da können wir die Auswirkungen auf die Gesamtzahlen jetzt noch nicht genau beziffern. Wir haben die Gesamtzahlen immer erst mit einem Verzug von vier Wochen. Und da müssen wir noch abwarten, wie da die genauen Befunde sein werden."

    Für das gesamte Jahr 2020 lässt sich noch keine Aussage treffen. Dass Corona in manchen Wochen zu mehr Todesfällen geführt hat, heißt nicht unbedingt, dass auch aufs ganze Jahr betrachtet mehr Menschen in Deutschland gestorben sind.

    Zahlen gleichen sich möglicherweise aus

    Der Statistiker Göran Kauermann von der LMU München hat mit einem mathematischen Modell berechnet, wie die Sterbezahlen am Ende des Jahres aussehen könnten. Sein Fazit: Es zeige sich "keine ausgeprägte Übersterblichkeit" durch Covid-19.

    Zwar seien etwas mehr Menschen über 80 Jahre gestorben als sonst, aber das sei in der Alterskategorie zwischen 60 und 79 Jahren nicht zu beobachten. "Und in der Alterskategorie 35-59 haben wir eine Untersterblichkeit", so Kauermann. Das könne zum Beispiel daran liegen, dass weniger Menschen im Straßenverkehr umkommen. In der Summe gleicht es das Plus an Corona-Toten möglicherweise aus. 

    Übersterblichkeit in einigen EU-Staaten

    Doch daraus sollten keine falschen Schlüsse gezogen werden: Nur weil es vielleicht keine Übersterblichkeit gibt, ist Corona noch lange nicht harmlos. Das zeigt ein Blick auf die europäischen Statistiken. Lasse Vestergaard aus Kopenhagen koordiniert das Projekt EuroMOMO. Er sammelt die Todesstatistiken aus fast allen EU-Ländern.

    Für die besonders schwer von Corona betroffenen Staaten wie Frankreich, Italien, England oder Spanien zeige sich eine extreme Übersterblichkeit. "In vielen Ländern sehen wir 30, 40 Prozent mehr Tote als sonst", so Vestergaard. "Und die einzige Erklärung dafür ist: Covid-19. Es gibt kein anderes Vorkommnis, das diese Übersterblichkeit erklären könnte."

    März 2020: Fast 50 Prozent mehr Tote in Italien

    In manchen Regionen waren die Auswirkungen sogar noch extremer, wie die Daten des italienischen Statistikamtes Istat zeigen. In ganz Italien sind im März demnach fast 50 Prozent mehr Menschen gestorben als sonst. In der schwer betroffenen Region Lombardei waren es mehr als 190 Prozent. 

    Warum die Übersterblichkeit innerhalb Europas so unterschiedlich ist, dafür haben die Forscher nur eine Erklärung: "Ich glaube, der wichtigste Faktor war, wie schnell die Länder mit Maßnahmen und einem Lockdown reagiert haben, bevor sich das Virus so richtig ausbreiten konnte", sagt Vestergaard. "Manche Länder wie Deutschland, Dänemark oder Norwegen haben das schnell hinbekommen. Während andere Länder Tage oder Wochen gewartet haben." Ohne die Corona-Maßnahmen, da sind sich die Forscher einig, wäre eine Übersterblichkeit auch bei uns in Deutschland viel deutlicher sichtbar.

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