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#Faktenfuchs - Wer sind die Corona-Infektionstreiber? | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Bernd Thissen

Im Zuge der Diskussion um eine Exit-Strategie aus dem Corona-Lockdown wird immer wieder behauptet, bestimmte Geschäfte oder auch Schulen seien keine Infektionstreiber. Doch lässt sich das tatsächlich so genau sagen? Ein #Faktenfuchs.

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#Faktenfuchs - Wer sind die Corona-Infektionstreiber?

Im Zuge der Diskussion um eine Exit-Strategie aus dem Corona-Lockdown wird immer wieder behauptet, bestimmte Geschäfte oder auch Schulen seien keine Infektionstreiber. Doch lässt sich das tatsächlich so genau sagen? Ein #Faktenfuchs.

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Von
  • Janina Lückoff

Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) will öffnen: Geschäfte, Restaurants, Hotels, Skilifte. Im "BR24 live" sagte Aiwanger Mitte Februar, die Menschen "bleiben ja auch nicht brav zuhause im Bett, wenn alles zu ist, sondern infizieren sich dann eben daheim."

Öffnungen von Cafés und Restaurants sieht er als "Teil der Problemlösung", schließlich passiere mit guten Hygienekonzepten im Wirtshaus "weniger als bei privaten Feiern im Schrebergarten". Auch die Linken-Bundestagsabgeordnete und frühere Fraktionsvorsitzende der Partei, Sahra Wagenknecht, sagte in der ARD-Sendung "Anne Will": "Es gibt keine Belege dafür, dass Restaurants beispielsweise ein maßgeblicher Pandemietreiber waren."

Doch wer sind die Pandemietreiber – und: Was ist das überhaupt?

"Infektionstreiber" ist nicht definiert

Auch wenn viele diese Begriffe verwenden: Eine klare Definition gibt es nicht. Im Duden sind die Begriffe "Infektionstreiber" und "Pandemietreiber" nicht zu finden, und eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) antwortet dem #Faktenfuchs auf Anfrage: "Eine wissenschaftliche Definition von 'Treiber der Pandemie' ist mir nicht bekannt." Es sei, so die Sprecherin, sprachlich ja klar, was gemeint sei.

Gemeint sind im Umgangssprachlichen also meist Orte, an denen ein erhöhtes Corona-Ansteckungsrisiko besteht. So wird immer wieder darüber diskutiert, ob z.B. Schulen oder Züge "Infektionstreiber" seien.

  • Inwiefern Kinder "Infektionstreiber" sind, können Sie hier lesen.

Doch wer diese sogenannten Infektionstreiber eigentlich sind, ist ebenso unklar wie die Begrifflichkeit selbst. In seinem Lagebericht vom 22. Februar schreibt das Robert-Koch-Institut von einem "diffusen Geschehen, mit zahlreichen Häufungen vor allem in Alten- und Pflegeheimen, dem beruflichen Umfeld sowie in Privathaushalten". Nur ein kleiner Teil der insgesamt gemeldeten Covid-19 Fälle könne einem konkreten Ausbruch zugeordnet werden. Anders gesagt: Wo sich die Menschen genau angesteckt haben, lässt sich häufig nicht ermitteln.

Eine Nachfrage des #Faktenfuchs beim RKI ergibt:

"Nur etwa ein Sechstel der insgesamt gemeldeten Covid-19 Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden, und damit fehlen für eine Vielzahl der Fälle Informationen zur Infektionsquelle." Sprecherin des Robert-Koch-Instituts

In einem Balken-Diagramm wird das anschaulich: Zwar zeigen die Daten des RKI, welche Infektionsherde wie häufig von den Gesundheitsämtern angegeben werden. Doch das kleinere Bild oben links macht deutlich: Der graue Anteil der Balken ist erheblich größer. Das sind die Fälle, die keinem Infektionsort zugerechnet werden können. Wie die Grafik genau zu lesen ist, können Sie hier nachlesen.

© Robert Koch-Institut, Covid-19-Lagebericht vom 23.02.2021
Bildrechte: Robert Koch-Institut, Covid-19-Lagebericht vom 23.02.2021

Darstellung des RKI zu Infektionsumfeldern

Soweit bekannt finden Ansteckungen im Privaten statt

Tatsächlich findet – sofern sich der Infektionsort bestimmen lässt – ein Großteil der Ansteckungen in privaten Haushalten statt, wie die größere Grafik des RKI zeigt. Alten- und Pflegeheime sind ebenfalls häufige Infektionsorte, seit Jahresbeginn sinkt dort laut RKI der Anteil an Ausbrüchen aber.

Auch das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) spricht mit Blick auf die Ausbrüche in Bayern davon, dass es sich “zumeist um ein diffuses Geschehen mit zahlreichen Häufungen in privaten Haushalten handelt.“

Ein Grund, warum die Statistik vor allem Ansteckungen im privaten Umfeld verzeichnet, könnte sein, dass die Gesundheitsämter Infektionsketten in privaten Haushalten leichter ermitteln können. In einigen Umfeldern wie etwa dem Bahnverkehr, ließen sich Ausbrüche nur schwer ermitteln, schreibt das RKI in seinem „Epidemiologischen Bulletin 38/2020“ vom September 2020, „da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar ist“. Diese könnten deshalb in der Statistik “untererfasst” sein. Im Lagebericht vom 23. Februar erläutert das RKI außerdem: „Clustersituationen in anonymen Menschengruppen (z.B. ÖPNV, Kino, Theater) sind viel schwerer für das Gesundheitsamt erfassbar als in nicht-anonymen Menschengruppen (Familienfeiern, Schulklassen, Sportverein etc.).“

Was genau es jedoch bedeutet, wenn eine Ansteckung in privaten Haushalten stattfindet, bleibt unklar. Es wird nicht differenziert, ob ein privater Besuch, mit dem man sich ohne Maske in einem Raum unterhalten hat, für die Ansteckung gesorgt hat, oder ob beispielsweise eine Person aus dem gleichen Haushalt die Infektion z.B. vom Arbeitsplatz „mitgebracht“ und dann im eigenen Haushalt die Angehörigen angesteckt hat. Das LGL teilt dazu mit: „Ob es sich um Familienangehörige oder andere Personen handelt, kann auf Basis der an das LGL übermittelten anonymisierten Daten nicht unterschieden werden.“

Sind nur Privathaushalte "Infektionstreiber"?

Sowohl nationale als auch internationale Erhebungen weisen darauf hin, dass ein Großteil der Ansteckungen mit dem SARS-CoV2-Virus im privaten Umfeld stattfindet.

So kamen im Oktober 2020 die Epidemiologin Elizabeth Lee und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, USA, zu dem Schluss, dass die Mehrheit der SARS-CoV-2-Ansteckungen wahrscheinlich in Haushalten und Wohnheimen erfolge – hier interagierten die Menschen lange und nah miteinander.

Ebenfalls im Oktober 2020 veröffentlichten südkoreanische Wissenschaftler die Ergebnisse einer Studie, wonach die Gefahr, sich im eigenen Haushalt anzustecken, sechs Mal höher sei als bei anderen engen Kontakten. Sie hatten für die Untersuchung Anfang 2020 rund 59.000 Kontakte in Südkorea analysiert.

Wissenschaftler des Institut Pasteur in Paris sehen in ihrer Mitte Dezember veröffentlichten Studie nicht explizit private Haushalte, sondern generell das private Umfeld als Hauptquelle für Infektionen an. Laut dem Hauptautor Arnaud Fontanet, der als Mitglied des wissenschaftlichen Rates auch die französische Regierung berät, machte es dabei keinen Unterschied, ob die Menschen in einer öffentlichen Einrichtung, einem Restaurant oder daheim zusammenkamen. Ein erhöhtes Risiko habe es in Frankreich auch im Zusammenhang mit dem Besuch von Bars und Restaurants gegeben; zudem hätten sich Fitnessstudios als Orte für häufige Ansteckungen herausgestellt.

Welche Rolle spielt der Arbeitsplatz?

Laut LGL ist ein steigender Anteil der Ansteckungen am Arbeitsplatz festzustellen. Die am häufigsten betroffene Altersgruppe sei die der 35- bis 59-Jährigen. Laut RKI ist die Kategorie "Arbeitsplatz" jedoch "nicht weiter differenzierbar etwa nach Branchen". Lediglich Infektionen von Beschäftigten, die in Einrichtungen arbeiten, die für den Infektionsschutz relevant sind, werden gesondert erfasst. Das betrifft zum Beispiel Krankenhäuser, Arztpraxen oder Rettungsdienste.

Aufschluss über betroffene Berufe gibt eine Erhebung des wissenschaftlichen Instituts der AOK Krankenkasse (WIdO). Es hat Krankschreibungen von März bis Oktober 2020 ausgewertet und kam zu dem Ergebnis: "Berufe in der Betreuung und Erziehung von Kindern waren am stärksten von Krankschreibungen im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen." Ob dabei auch Lehrerinnen und Lehrer erfasst sind, wird in der Pressemitteilung des WIdO nicht explizit erwähnt. 2.672 von 100.000 Beschäftigten dieser Berufsgruppe hätten im Zusammenhang mit Covid-19 im genannten Zeitraum an ihrem Arbeitsplatz gefehlt - das sei mehr als das Zweifache über dem Durchschnittswert von 1.183 Betroffenen je 100.000 AOK-versicherten Beschäftigten. Auch Gesundheitsberufe wie medizinische Fachangestellte oder Ergotherapeuten seien überdurchschnittlich oft im Zusammenhang mit Covid-19 arbeitsunfähig gewesen, schreibt das WIdO.

In der Pressemitteilung fasst der stellvertretende Geschäftsführer des WIdO, Helmut Schröder, zusammen: Insgesamt betrachtet seien Fehlzeiten im Zusammenhang mit Covid-19 bei Berufen wahrscheinlicher, "in denen die Beschäftigten trotz Lockdown mit einer Vielzahl von Menschen in Kontakt kommen". Beschäftigte, die dagegen wegen des Lockdowns die Kontakte reduzieren mussten oder ihren Beruf nicht hätten ausüben können, hätten ein deutlich reduziertes Risiko zu erkranken - dazu zählen laut Schröder beispielsweise Berufe in der Gastronomie oder im Kosmetikgewerbe.

© Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO)
Bildrechte: Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO)

Berufsgruppen mit den höchsten und niedrigsten Fehlzeiten im Zusammenhang mit Covid-19, Auswertung der AOK anhand von Versicherten-Krankmeldungen

Kaum Aussagen über andere Infektionsorte möglich

Auch technisch sind den Möglichkeiten, Infektionsorte zu erfassen, Grenzen gesetzt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheitsämter können in der Auswahl möglicher Infektionsorte nicht alle anklicken, die es womöglich bräuchte. Das Robert-Koch-Institut schreibt in seinem Lagebericht vom 23. Februar: "Trotz der Vielzahl der Auswahlmöglichkeiten werden nicht alle Infektionsumfelder abgedeckt, in denen es zu Ausbrüchen kommt." Darüber hinaus spielen laut RKI manchmal auch mehrere Infektionsumfelder eine Rolle und es lasse sich nicht immer abgrenzen, wo genau die Übertragung stattgefunden habe.

Hinzu kommt, dass die Gesundheitsämter bei einem hohen Aufkommen von Fällen überlastet sind. Das RKI schreibt auf Anfrage des BR, seit Monaten könnten die Behörden wegen der Vielzahl der Fälle und der Vielzahl der Kontakte "eher selten belastbare Informationen zur wahrscheinlichen Infektionsquelle feststellen". Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter können also Informationsketten nicht rückverfolgen und keine detaillierten Informationen zu Ausbrüchen mehr erheben.

Um die Datenlage in Bezug auf Infektionsumfelder zu verbessern, hat das Robert-Koch-Institut im November 2020 eine eigene Studie gestartet und teilt dazu mit: "Mit der CoViRiS-Studie untersuchen wir, in welchen Situationen das Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, erhöht ist. Zusätzlich untersuchen wir, wie stark bestimmte Verhaltensweisen oder Umstände das Ansteckungsrisiko beeinflussen." Die Studie werde fortgesetzt, bis 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer befragt wurden, "voraussichtlich bis Frühjahr 2021".

Untersuchung beleuchtet Ansteckungsrisiko in Innenräumen

Es gibt also bislang nicht genügend belastbare Daten darüber, wo sich die Menschen mit dem Coronavirus infizieren. Aufschluss über Wahrscheinlichkeiten einer Ansteckung liefert eine "vergleichende Bewertung" des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin. Dessen Leiter Martin Kriegel forscht unter anderem an der Ausbreitung von Aerosolen. Er hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Infektionsrisiko in Innenräumen errechnet. Demnach sind bestimmte Orte unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. eine geringe Belegung von nur 25% oder das Tragen einer Maske) weniger riskant für eine Ansteckung als andere.

© Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin
Bildrechte: Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin

Covid-19 Ansteckung über Aerosolpartikel – vergleichende Darstellung von Innenraumsituationen

Kriegel erläutert seine Grafik anhand eines Beispiels: "Eine Person im Supermarkt mit Maske hat ein Risiko mit dem Wert kleiner oder gleich 1. Das bedeutet, dass sich in dieser Situation maximal eine weitere Person anstecken wird. Im Vergleich dazu hat das Mehrpersonenbüro mit einer 50 % reduzierten Belegung, aber ohne das Tragen einer Maske am Arbeitsplatz, einen Wert von 8. Das bedeutet, dass das Risiko in dieser Situation 8-mal höher ist als im Supermarkt."

Ein Theaterbesuch sei – betrachtet anhand dieser Untersuchung – nur halb so riskant wie der Einkauf im Supermarkt, vorausgesetzt das Theater sei nur zu 30% belegt und es würden Masken getragen.

Christoph Spinner, Infektiologe und Pandemiebeauftragter am Klinikum rechts der Isar in München, bezeichnet die Ergebnisse der Studie als "außerordentlich interessant", weil sie wichtige Fragen beantworte. Die sogenannten Treiber der Pandemie ließen sich jedoch aus der Studie nicht ableiten, sagte Spinner im Gespräch mit dem BR.

Welche Rolle spielt der Einzelhandel in der Pandemie?

Es bleibt also - auch trotz solcher Berechnungen - unklar, wer die "Infektionstreiber" sind. Das gilt auch für den Einzelhandel, für den der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger immer wieder Öffnungen fordert. So sagte Aiwanger am 8. Februar 2021 in der Bayern 2-Radiowelt: "Wenn wir derzeit in den Lebensmittelläden kein erhöhtes Infektionsrisiko sehen, weil auch über ein ganzes Jahr hinweg das Personal dort unterdurchschnittlich nur infiziert war, deutet das darauf hin, dass im Handel eben nicht viel passiert." Und Aiwanger fügte hinzu: Aus seiner Sicht passiere "sehr, sehr wenig, bis nichts", wenn Menschen im Blumenladen oder beim Schuhhändler einkauften und sich an die Hygieneregeln hielten.

Der BR24-#Faktenfuchs hat beim bayerischen Wirtschaftsministerium nachgefragt, auf welche Erkenntnisse der Minister seine Aussagen stützt. Ein Sprecher des Ministeriums verwies auf die bereits erwähnte Innenraum-Studie von Martin Kriegel und Anne Hartmann von der TU Berlin (diese wurde allerdings erst nach den zitierten Aussagen Aiwangers veröffentlicht), sowie auf das ebenfalls bereits erwähnte Epidemiologische Bulletin des Robert-Koch-Instituts vom September 2020. Danach seien mit 293 erfassten Übertragungen deutlich seltener Infektionen in Speisestätten vorgekommen als beispielsweise in privaten Haushalten mit 12.315 Fällen, argumentiert das Ministerium. Allerdings bleibt hier unberücksichtigt, dass sich Infektionen in privaten Haushalten - wie oben erläutert - besser erfassen lassen als außerhalb.

Außerdem verwies das Wirtschaftsministerium in seiner Antwort an den #Faktenfuchs auf zwei Artikel, die im Oktober 2020 bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) sowie im Februar 2021 in der Zeitschrift "Arbeitsschutz in Recht und Praxis" erschienen sind. Danach sei, so fasst das Ministerium in der Antwort an den #Faktenfuchs zusammen, für den Einzelhandel eine "gemittelte Infektionshäufigkeit von 0,6 Prozent errechnet"; damit sei die Infektionshäufigkeit in dieser Branche geringer als in der Gesamtbevölkerung mit 0,8 Prozent.

Aussagen über Einzelhandel schwierig

In der Tat kommt die Untersuchung der BAUA zu dem Ergebnis, dass "für Beschäftigte des Einzelhandels für Lebensmittel und Drogeriewaren auch bei Tätigkeit an der Kasse in Regionen mit erhöhten Fallzahlen Hochrisikokontakte nicht unweigerlich auftre­ten". Der andere Artikel zieht das Fazit: "Die vorliegenden Studien zur Abschätzung der Infektionsgefährdung im Einzelhandel in Deutschland weisen darauf hin, dass es abgesehen von Einzelfällen nicht zu einer erhöhten Infektionsgefährdung der Beschäftigten zu kommen scheint."

Allerdings: Die beiden Texte – überschrieben mit den Worten "Risikoeinschätzung" bzw. "Abschätzung" – befassen sich nur mit der Ansteckungsgefahr für Beschäftigte, nicht mit der von Kunden. Ob sich aber das Ansteckungsrisiko der Beschäftigten übertragen lässt auf das der Kunden, bleibt unklar; dies zu wissen wäre aber für die Abschätzung des Ansteckungsrisikos in Geschäften insgesamt wichtig.

Welche Aussagen sind also möglich?

Inwiefern lassen sich also auf Grundlage dieser und anderer Untersuchungen überhaupt Aussagen treffen, wie es der bayerische Wirtschaftsminister Aiwanger tut?

Der Medizinstatistiker und Mathematiker Gerd Antes sagt dazu im Gespräch mit dem #Faktenfuchs: "Natürlich muss man diese Studien heranziehen, aber sie geben nicht die eine schlüssige Antwort." Einen Kausalzusammenhang herzustellen funktioniere nicht, weil es Studien im Sinne einer empirischen Erfassung dessen, wo die Infektion stattgefunden hat, nicht gebe. "Wir wissen es tatsächlich nicht", betont Antes. Und das sei das große Problem: Es sei objektiv nicht messbar - und werde auch nie so sein - dass man wisse, wann und wo eine Infektion erfolge.

Und noch ein Aspekt muss bei der Betrachtung der Untersuchungen zum Thema "Infektionstreiber" berücksichtigt werden: Ein Umkehrschluss ist kaum möglich. Antes verwendet eine englische Formulierung: "Absence of evidence is not evidence of absence." Frei übersetzt also: Nur weil wir keinen Beweis liefern können, heißt es nicht, dass es keinen gibt. In dem Fall: Keinen Beweis, wie und wo genau sich die Infektion zugetragen hat.

Soll heißen: Nur weil es keine Belege dafür gibt, dass es z.B. beim Einkauf in einem Supermarkt zu vermehrten Infektionen kommt, heißt das nicht automatisch, dass es keine Infektionen gibt – denn dafür gibt es ebenfalls keine Belege. Gerd Antes nennt es das "Grundübel" im Argumentieren mit Studien, "dass man immer dann, wenn es keine überzeugenden Studien gibt, diese Lücke mit den eigenen Erwartungen, Hoffnungen oder auch Ideologien füllt." Hier müsse transparent formuliert werden, ob und inwieweit Studien etwas belegen könnten - und wie verlässlich dies dann sei - oder ob es diese Studien eben nicht gebe.

In der aktuellen Diskussion über mögliche Öffnungen kommt jedoch noch ein Aspekt ins Spiel, der in vorliegenden Studien noch keine Rolle gespielt hat: die Virus-Mutationen. Bislang kann nicht eingeschätzt werden, welchen Einfluss sie auf das Infektionsgeschehen haben. So könnte zum Beispiel die Dauer des Beisammenseins, die bislang für die Annahme einer Ansteckung zugrunde gelegt wird, keine Gültigkeit mehr haben. Aus Kanada gibt es Berichte, wonach die bislang zu Grunde gelegte erforderliche "Hochrisiko-Kontaktzeit" mit einem Infizierten von 15 Minuten bei der Virusmutation B.1.1.7, der sogenannten britischen Mutation, erheblich kürzer – womöglich nur einige Sekunden – sein könnte. Selbst wenn sich die Frage nach den sogenannten Infektionstreibern abschließend beantworten ließe, wären bestehende Schlussfolgerungen nicht unbedingt auf diese neue Unbekannte übertragbar.

Fazit

Wer die sogenannten Corona-Infektionstreiber sind, lässt sich abschließend nicht sagen. Die Studienlage ist nicht eindeutig und lässt nach Aussage des Medizinstatistikers Gerd Antes Spielraum für Interpretationen. Fest steht, dass ein Großteil der Infektionsorte nicht ermittelt werden kann. Laut RKI kann nur in einem Sechstel der Fälle nachvollzogen werden, wo die Ansteckung stattgefunden hat. "Wir wissen es tatsächlich nicht", sagt auch der Wissenschaftler Antes. Sofern bekannt, finden die meisten Ansteckungen in privaten Haushalten sowie in Alten- und Pflegeheimen statt. Ob bestimmte Orte wie Einzelhandel oder Gastronomie "Infektionstreiber" sind, lässt sich weder verifizieren noch falsifizieren. Für keines von beiden gibt es tatsächlich empirische Belege - weil laut Antes "nicht messbar ist, wann und wo die Infektion erfolgt".