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Es war schon etwas gespenstisch während der ersten Ausgangsbeschränkungen: geschlossene Geschäfte, Schulen und Grenzen, aber das Infektionsgeschehen konnte aufgehalten werden. Kann der neue Teil-Lockdown das auch leisten?

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Kann der November-Lockdown Corona aufhalten?

Es war schon etwas gespenstisch während der ersten Ausgangsbeschränkungen: geschlossene Geschäfte, Schulen und Grenzen. Das Infektionsgeschehen konnte damit aber aufgehalten werden. Kann der neue Teil-Lockdown das auch leisten?

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Nach Entdeckung des ersten Corona-Falls in Starnberg am 27.1.2020 war die Zahl der Infizierten steil angestiegen, die Reproduktionszahl schnellte noch Anfang März hoch auf über drei. Nach einem Beschluss der Bundes- und Landesregierung(en) traten mit den ersten Ausgangsbeschränkungen am 17. März 2020 weitreichende Maßnahmen in Kraft: Einzelhandel und Restaurants mussten den Betrieb einstellen, die Grenzen wurden geschlossen, die Schulen dichtgemacht, kein Fußball, keine Veranstaltungen. Ergebnis: Die Zahlen sanken wieder, nach etwa zwei Wochen.

Steigende Corona-Zahlen - Verschärfung der Maßnahmen

Doch um den 20. September lasse sich ein sogenannter "Bruchpunkt" entdecken, so Prof. Dr. Helmut Küchenhoff vom Institut für Statistik der Ludwig-Maximilians-Universität München: Die Neuinfektionen stiegen wieder exponentiell, mit einer Verdopplungszahl von etwa neun Tagen. "Der Beginn des deutlichen Anstiegs fällt mit einem deutlichen Abfall der Temperaturen in Deutschland zusammen. Weiter wurden ab dieser Zeit wieder größere Sportveranstaltungen durchgeführt, zum Beispiel der Beginn der Fussballbundesliga", interpretiert Küchenhoff.

Das Leben begann sich nach den Sommermonaten wieder mehr nach drinnen zu verlagern, und zum Start der Bundesliga wurden auch wieder begrenzt Zuschauer in die Stadien gelassen. Angesichts der steigenden Zahlen begannen Diskussionen über eine Verschärfung der Maßnahmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder verständigten sich nach langem Ringen auf einen zweiten so genannten Lockdown – sechs Wochen später, am 2. November.

Der richtige Zeitpunkt für einen Lockdown?

Betrachtet man die Positivquote, also das Verhältnis positiver Tests zu allen Tests, wird sichtbar, dass sich die Kurve im Frühjahr, zwei Wochen nach Beginn der ersten Ausgangsbeschränkungen drehte. Es wurde mehr getestet, aber dabei weniger Infektionen festgestellt. Darauf folgten die Lockerungen, ein relativ ruhiger Sommer, mit Biergarten und Baumarkt.

In der 38. Kalenderwoche ist dann der "Bruchpunkt" zu erkennen: Die Quote steigt wieder. Als in der 44. Kalenderwoche der zweite Lockdown begann, war die Positivquote bereits höher als zu Beginn des ersten (März: 6,83 Prozent, November: 7,88 Prozent).

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Lockdown-Vergleich März-November

Lernen aus dem März-Lockdown

Mit dem zweiten Lockdown traten weniger drastische Maßnahmen in Kraft: Die Schulen und der komplette Einzelhandel bleiben geöffnet, Gottesdienste und Demonstrationen sind erlaubt, dafür werden wieder Kontaktbeschränkungen verschärft, Restaurants geschlossen und Veranstaltungen weitgehend verboten. Ist das genug, um die Kurve wieder so zu drehen wie im März? Nach einer Studie des Imperial College London vom Juni gibt es Grund zur Hoffnung: Ein Lockdown hilft bei der Pandemiebekämpfung. Forscher der Uni Edinburgh fanden heraus, dass das Verbot öffentlicher Veranstaltungen am wirksamsten ist, um die Reproduktionszahl zu senken.

Auch gibt es einen Zusammenhang zwischen Mobilität und Sterberate, so die Ergebnisse einer Untersuchung der Uni Exeter. Demnach sinkt die Sterberate, wenn Beschränkungen im Verkehr zwischen Städten und Ballungsräumen in Kraft sind, öffentliche Veranstaltungen abgesagt werden und nicht-essentielle Arbeitsstätten geschlossen bleiben. Eine allgemeine Reduktion der Mobilität hat jedoch keine Verbesserung gebracht.

Was eher wenig und was gut gegen die Corona-Pandemie hilft

Ähnlich sieht es bei Grenzschließungen aus. Nach einer britischen Studie sind die nur ganz zu Beginn einer Pandemie effektiv, wenn noch kein Infizierter das Land verlassen hat. Danach werden die Verläufe in den weiteren Ländern nur um zwei bis drei Wochen verzögert. Auch helfen (laut Uni Exeter) staatlich verordnete Maßnahmen etwas besser als freiwillige Empfehlungen, um die Sterberate zu senken.

Nach einer Analyse aus dem kalifornischen Stanford, die mithilfe von Handy- und anderen Ortungsdaten ein Modell entwickelt hat, um Infektionsherde zu ermitteln, geschehen Infektionen am wahrscheinlichsten an Orten, an denen viele Menschen eng zusammen sind, über längere Zeit, keinen Mund-Nasen-Schutz tragen und dazu beitragen, dass die Menge an Tröpfen und Aerosolen in der Luft erhöht wird, wie beim Singen oder körperlicher Anstrengung.

November-Lockdown: Werden die Zahlen sinken?

"Die Zahlen werden sinken", prophezeiht daher die Epidemiologin, Prof. Eva Grill, vom Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Denn viele der nachgewiesen wirksamen Maßnahmen sind damit in Kraft: Veranstaltungen wie etwa der Nürnberger Christkindlesmarkt sind abgesagt, es besteht Maskenpflicht an belebten Orten, im Einzelhandel und in öffentlichen Verkehrsmitteln und es gibt verbindliche Kontaktbeschränkungen.

Aber: "Das Schlimmste steht uns noch bevor", mahnt sie. Denn der Lockdown habe bedenklich spät begonnen, die Abflachung der Kurve werde deshalb länger dauern. Außerdem sind noch Gottesdienste erlaubt und der Einzelhandel hofft auf ein starkes Weihnachtsgeschäft. Eine Gefahr sieht sie auch darin, dass die Politik immer wieder auf Teil-Lockdowns zurückgreifen könne. "Das der Bevölkerung zu vermitteln, wird jedes Mal schwerer."

Was wir tun müssen: Kontakte drastisch reduzieren

"Die durchschnittliche Anzahl der ungeschützten Kontakte pro Person muss drastisch runtergehen", mahnt Prof. Eva Rehfuess, Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung am Münchner Klinikum Großhadern. Das heißt "Masken und Abstand im öffentlichen Raum, wie Schulen oder am Arbeitsplatz, weniger ungeschützte Kontakte im privaten Raum". Viele machten das auch schon, eigenverantwortlich, aber leider erreichten freiwillige Empfehlungen nicht alle.

"Ich kann das verstehen, ich lasse mir auch sowas nicht gerne vom Staat vorschreiben", meint auch Prof. Eva Grill. "Aber wenn jetzt etwas wichtig ist, dann, dass sich jeder am Riemen reißt und mitmacht". Nur dann können die Maßnahmen ihre Wirkung entfalten und die Zahlen wieder drücken. Die Entscheidung für einen Teil-Lockdown finden beide Forscherinnen sinnvoll, "als Kompromiss zwischen Infektionsschutz und vielen anderen Abwägungen", so Rehfuess. Generell sei es ein Zusammenspiel von Maßnahmen in vielen Lebensbereichen, "deren genaue Wirkung im Einzelnen wir leider immer noch nicht beziffern können".

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