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Triage wegen Corona? Was man darunter versteht (Symbolbild)

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Triage wegen Corona? Was man darunter versteht

Das deutsche Gesundheitssystem ist durch die Corona-Pandemie seit Monaten einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Werden die Kapazitäten knapp, könnte das Personal Triage-Entscheidungen fällen müssen. Aber: Was heißt eigentlich Triage?

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Von
  • Leander Beil

Kaum mehr freie Intensivbetten und Personal, das seit Wochen an der Grenze zur Überlastung arbeitet: Mediziner auf Bayerns Intensivstationen schlagen Alarm. Menschen, die noch keine 50 Jahre alt, schwer an Covid-19 erkrankt sind und künstlich beatmet werden müssen. Über Verlegungen können Überlastungen einzelner Krankenhäuser vermieden werden. Werden die Kapazitäten noch knapper, könnte das Personal Triage-Entscheidungen fällen müssen. Nach welchen Kriterien wird dann über Leben und Tod entschieden?

Ethikrat und Fachgesellschaften legen Kriterien fest

Derzeit besteht noch keine Notlage. Grundsätzlich muss aber geklärt werden, wie man damit umgeht, wenn massenhaft Schwerstkranke ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2020 eine Ad-hoc-Empfehlung formuliert; sieben medizinische Fachgesellschaften wiederum haben Kriterien festgelegt, die Entscheider in kritischen Situationen entlasten sollen. Einer der Verfasser der Empfehlungen ist Prof. Georg Marckmann vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der LMU, er sagt:

„Ich glaube, es ist dann beruhigend, wenn wir wissen, dass wir einen Plan haben, dass wir nicht unkontrolliert in so eine Triage-Situation hineinrutschen, sondern dass es klar definierte Kriterien und Verfahren gibt, nach denen dann entschieden wird.“ Prof. Georg Marckmann, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der LMU
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Sollten die Beatmungsgeräte in der Corona-Krise nicht reichen, müssen Ärzte im Extremfall entscheiden, wer angeschlossen wird und wer nicht. Medizinethiker Prof. Georg Marckmann hat mit Kollegen einen Kriterienkatalog entwickelt.

Zentral ist die Überlebenschance

Können nicht mehr alle schwer erkrankten Personen auf der Intensivstation aufgenommen werden, empfehlen die Fachgesellschaften das Folgende: Zentral ist die Einschätzung auf klinische Erfolgsaussicht. Das unterscheidet sich von der sonst üblichen Notfallmedizin, bei der im Regelfall zunächst diejenigen versorgt werden, die am dringendsten Hilfe brauchen und am schwersten verletzt oder erkrankt sind.

Im Fall einer Katastrophe wie der Corona-Pandemie geht es dagegen um die Überlebenschance. Dabei wird berücksichtigt, wie schwer die Grunderkrankung des Patienten oder der Patientin an sich ist, wie sehr weitere Krankheiten die Überlebenschancen mindern und wie es um die Gebrechlichkeit der Person steht. An dieser Stelle aber wichtig: Wegen des Gleichheitsgrundsatzes ist hier nicht einfach aufgrund des kalendarischen Alters einer Person zu entscheiden. Vielmehr sollte es ein Verfahren sein, bei dem ...

„… kein Patient von vornherein ausgeschlossen wird. Das ist ganz wichtig. Egal, wie alt er ist, egal, was für einen sozialen Status er hat, egal, ob er wohlhabend oder arm ist, jeder Patient wird gleichermaßen berücksichtigt.“ Prof. Georg Marckmann, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der LMU

Corona hat keinen Vorrang

Das bedeutet auch, dass Corona keinen Vorrang vor einer anderen Erkrankung haben dürfe. Ausschlaggebend bleibt letztlich die Überlebenschance. Aber wer muss überhaupt entscheiden? Hier verweisen die Experten auf das Mehraugen-Prinzip: Unter Mitwirkung von möglichst zwei intensivmedizinisch erfahrenen Ärzten, einem Vertreter der Pflegenden und gegebenenfalls weiteren Fachvertretern soll die Triage vollzogen werden.

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Der Philosoph Julian Nida-Rümelin und der Medizinethiker Georg Marckmann im Gespräch mit Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski. Es geht um die Frage, wer über Leben und Tod entscheidet, wenn medizinische Kapazitäten knapp werden.

Verfahren wie diese gab es bisher meist nur im Krieg oder bei Unglücken wie dem von Bad Aibling. In letzterem Fall musste aber zum Glück keinem Patienten die intensivmedizinische Behandlung verwehrt werden. Sollte sich das in deutschen Krankenhäusern nun ändern, blickt das medizinische Personal trotz der obigen Empfehlungen auf eine rechtlich nicht genau geregelte Situation. Nur ein Teilaspekt des Ganzen, der durchaus noch für Debatten sorgen könnte.

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