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Überall, wo sich viele Menschen versammeln, steigt das Risiko, sich mit Corona zu infizieren. Wissenschaftler in Berlin haben das Ansteckungs-Risiko in Innenräumen genauer untersucht.

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Studie: Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko in Innenräumen?

Ab heute dürfen in Deutschland die Friseure wieder öffnen. Könnten Theater und Restaurants bald folgen? Wissenschaftler haben jetzt das Ansteckungsrisiko in Innenräumen untersucht. Ihre Erkenntnisse könnten die Basis für weitere Lockerungen sein.

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Von
  • Moritz Pompl

Wer schon mal ein Räucherstäbchen angezündet hat, weiß, wie schnell sich der Duft im Raum verbreitet: Kaum angezündet, riecht das ganze Wohnzimmer danach. Ähnlich schnell, also innerhalb weniger Minuten, verteilen sich die berüchtigten Aerosole: Winzige Tröpfchen in der Atemluft, in denen das Coronavirus steckt.

Das sagt Martin Kriegel von der Technischen Universität Berlin: "Und wie viele da rauskommen, hängt entsprechend von der Aktivität ab. Beim Atmen emittieren wir ungefähr 50 Partikel pro Sekunde. Beim Sprechen sind es dann schon 200. Und wenn wir singen, dann sind es mehrere Tausend Partikel, die wir pro Sekunde in die Atemluft hineingeben."

Studie macht Ansteckungsrisiko anschaulich

Kriegel hat in einer Studie untersucht, wie hoch das Ansteckungsrisiko in verschiedenen Räumen ist. Neben der Aktivität, also ob jemand laut spricht oder einfach nur dasitzt, sind weitere Faktoren entscheidend. Kurz zusammengefasst: Das Risiko ist umso größer, je mehr Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Und je länger sie dort bleiben, bei schlechter Belüftung. Masken senken das Risiko. Keine ganz neuen Erkenntnisse, sagt der Infektiologe Christoph Spinner von der TU München: "Aber der große Vorteil der Studie liegt aus meiner Sicht darin, dass sie sehr anschaulich das Risiko wirklich auch für Laien begreifbar macht."

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Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko in Innenräumen?

Restaurantbesuch oder Fitnesstraining gefährlicher als Einkaufen

Die Berliner Forscher haben eine Art Ranking erstellt. Als Basis dient der berühmte R-Wert. Die "Reproduktionszahl" sagt aus, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Liegt die Zahl bei eins oder darunter, ist die Pandemie im Griff. Liegt R darüber, dann schnellen die Zahlen exponentiell in die Höhe.

Einkaufen im Supermarkt kommt laut Studie auf R gleich eins. Genauso das Kino, wenn nur jeder dritte Platz besetzt ist. Der Besuch beim Friseur liegt bei "sicheren" 0,6. Für nicht voll ausgelastete Theater und Museen kommen die Forscher auf ähnlich unbedenkliche Werte. Anders sieht es aus für Restaurant-Besuche, wo man zwangsweise die Maske abnehmen muss. Hier steckt laut der Studie ein Infizierter mehr als zwei weitere Personen an. Auch für Fitnessstudios liegen die Werte im kritischen Bereich. Und besonders heikel sieht es aus für Großraumbüros und Oberschulen. Haben die Anwesenden dort keine Masken auf, erreicht der R-Wert schnell 6 oder mehr.

Für ihre Studie gehen die Forscher allerdings von unterschiedlichen Voraussetzungen für die einzelnen Orte aus. So legen sie noch einen bestimmten Atemvolumenstrom zugrunde, mit dem sie sagen wollen: Im Fitnessstudio und in der Sport- und Schwimmhalle wird stärker geatmet als beim Einkaufen. Und beim Einkaufen wiederum wird mehr geatmet als beim Sitzen in der Schule oder im Büro. Auch das wurde für die Rechnungen berücksichtigt.

Niedriges Risiko bei Theaterbesuchen mit Maske und Lüftung

Für die Politik geht es jetzt darum, konkrete Regeln für den Alltag abzuleiten, sagt Christoph Spinner.

"Wir hatten bereits im vergangenen Jahr zusammen mit der Bayerischen Staatsoper Machbarkeitsstudien durchgeführt. Und die Studie bestätigt, dass die Nutzung der Spielstätten, zum Beispiel mit nur einem Drittel der Kapazität, bei ausreichender Raumlüftung und Tragen von Mund-Nase-Bedeckung mit einem sehr niedrigen Risiko einhergeht. Deshalb sind dies definitiv weitere Möglichkeiten, um schrittweise zur Normalität zurückzukommen." Christoph Spinner, Infektiologe

Was die Schulen angeht, müsse man dagegen genau beobachten, ob durch die Öffnung die Infektionszahlen nicht wieder ansteigen.

Faktoren wie ansteckendere Mutationen nicht einberechnet

Ein paar Einschränkungen hat die Berliner Studie aber: Sie hat sich nur das Risiko vor Ort angeschaut. Aber nicht das für An- oder Abfahrt, das noch hinzugerechnet werden müsste. Gerade überfüllte Schulbusse oder U-Bahnen sind hier ein Thema. Auch die ansteckenderen Mutanten wurden nicht berücksichtigt. Bei ihnen reichen womöglich weniger Tröpfchen für eine Übertragung aus. Und: Die Forschenden sind immer von einer infizierten Person im Raum ausgegangen. In größeren Räumen ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei oder mehr Infizierte dabei sind, aber größer.

Insgesamt bietet die Studie aber eine Entscheidungsgrundlage dafür, welche weiteren Lockerungen bald möglich werden könnten.

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