Der sogenannte R-Wert, der zu Beginn der Corona-Pandemie häufig für Einschätzungen hergenommen wurde, war damals niedriger als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift "Scientific Reports" veröffentlicht wurde. Verantwortlich für die Berechnungen in der Studie sind Würzburger Wissenschaftler, vom Institut für Virologie und Immunbiologie sowie vom Lehrstuhl für Bioinformatik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).
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R-Wert ermöglicht Vorhersagen über Ausbreitung eines Virus
Die sogenannte Basisreplikationszahl R0 eines Virus beschreibt die durchschnittliche Anzahl von Personen, die ein Infizierter ansteckt in einer Bevölkerung, die bislang noch keinen Kontakt mit dem Virus gehabt haben, so Virologe Carsten Scheller, einer der Hauptautoren der Studie. Dementsprechend sei diese Zahl relevant, etwa für Vorhersagen über die Ausbreitung eines Virus. Außerdem könne man laut dem Virologen durch den Wert vorhersagen, ob sich ein Atemwegsvirus eher saisonal verbreitet - wie etwa bei Grippeviren - oder ob sich kontinuierlich Menschen infizieren.
Schwankende Werte am Anfang der Corona-Pandemie
Der R-Wert wurde gerade zu Beginn der Pandemie häufig herangezogen, um über schärfere Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie zu entscheiden. Im Fall von SARS-CoV-2 schwankten die ermittelten R0-Werte deutlich, heißt es in einer Mitteilung der Uni Würzburg.
Eine erste Schätzung auf der Grundlage der Daten von 425 bestätigten Fällen in Wuhan habe einen Wert von 2,26 ergeben. Spätere Berechnungen hatten 5,77 zum Ergebnis. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation bewegten sich zwischen 1,95 und 6,49. Das deutsche Robert-Koch-Institut geht auf der Grundlage systematischer Übersichten von einem R-Wert im Bereich zwischen 2,8 und 3,89 aus.
Berechnung mit Übersterblichkeit statt PCR-Testergebnissen
All diese Schätzungen und Berechnungen beruhen laut dem Virologen Scheller auf der Inzidenz von Corona-Infektionen, die mit einem PCR-Test nachgewiesen wurden. Daher das Problem: Die Zahlen hängen davon ab, welche und wie viele Menschen entsprechend getestet wurden oder werden konnten.
Die Würzburger Wissenschaftler haben für ihre Berechnung daher eine andere Datengrundlage gewählt: die sogenannte Übersterblichkeit – also den Anstieg der Sterblichkeit im Vergleich zu Vor-Corona-Jahren. "Da die SARS-CoV-2-Infektion in vielen Ländern zu einer erhöhten Übersterblichkeit geführt hat, können diese Daten als Ersatzmarker für die Verbreitung des Coronavirus verwendet werden", so Scheller. Die Übersterblichkeit sei unabhängig von der Anzahl oder Strategie der durchgeführten Tests. Deswegen liefert sie laut dem Virologen ein repräsentatives Bild für die Ausbreitung der Infektionen in der Allgemeinbevölkerung.
Die Wissenschaftler sind laut Mitteilung überzeugt, dass sich die Übersterblichkeit zukünftig gut eignet, um Werte für die Ausbreitung eines neuen Erregers zu ermitteln.
R-Wert im März 2020 laut Würzburger Studie relativ niedrig
Konkret ergaben die neuen Berechnungen der Wissenschaftler einen R0-Wert von 1,34 für Infektionen im März 2020. Das entspreche einem saisonalen Bereich von 1,68 im Januar und einem Minimum von 1,01 im Juli. Laut den Beteiligten der Studie stimmt diese niedrige Spanne viel besser mit den Beobachtungen des Pandemieverlaufs überein als viele frühere und viel höhere Schätzungen.
Diese Überschätzung hänge etwa auch mit einer massiven Ausweitung der Testkapazitäten in dieser Phase der Pandemie zusammen. Der relativ niedrige R0-Wert habe wesentlich zu einem Rückgang der Infektionszahlen im Frühjahr 2020 beigetragen. Die Effekte des Lockdowns auf die Ausbreitung des Virus seien deshalb möglicherweise nicht so hoch gewesen wie es scheinen mag.
Einschränkungen bei Berechnungen der Studie
Laut Mitteilung der Uni Würzburg sind sich die Autoren der Studie auch über Einschränkungen in ihrer Berechnung bewusst. "So könnten beispielsweise pandemiebedingte medizinische Engpässe zu einem Anstieg der Übersterblichkeit führen, der unabhängig von einem direkten Effekt der Virusinfektionen ist", heißt es. Außerdem bezieht sich eine Übersterblichkeit immer auf einen Referenzzeitraum, etwa das Vorjahr, und ist dementsprechend von diesen Zahlen abhängig.
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