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Die Corona-Toten: Sterben mehr Menschen wegen Corona? | BR24

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Die Corona-Toten: Sterben mehr Menschen wegen Corona?

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    Die Corona-Toten: Sterben mehr Menschen wegen Corona?

    Die Corona-Situation in Deutschland bleibt angespannt und die Covid-19-Todeszahlen haben diese Woche Rekordhöhen erreicht. Wie werden die Corona-Toten statistisch erhoben? Sterben wegen Corona auch insgesamt mehr Menschen in Deutschland?

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    Von
    • Adrian Dittrich

    Es sind auch die hohen Todeszahlen, die die Politik nun nochmals zum Handeln zwingen. Ein "harter Lockdown" soll verhindern, dass nicht mehr alle schwer Erkrankten auf den Intensivstationen behandelt werden können. Bereits jetzt sterbe in Deutschland alle vier Minuten ein Mensch an Covid-19, so der bayerische Ministerpräsident Markus Söder auf einer Pressekonferenz am vergangenen Sonntag. Dabei stützt Söder seine Aussage auf die Daten des Robert Koch-Instituts. Dort werden alle Corona-Zahlen der deutschen Gesundheitsämter bzw. Landesbehörden gebündelt und täglich veröffentlicht.

    Bei den Corona-Todeszahlen des RKI ist jedoch folgendes zu beachten: Mit eingerechnet werden Menschen, die "in Bezug auf Covid-19", also mit oder an dem Corona-Virus gestorben sind. So gibt es auch §6 des Infektionsschutzgesetzes vor. Auf #Faktenfuchs-Anfrage erklärt eine Sprecherin des RKI, dass es in der Praxis schwierig zu bestimmen sei, inwieweit eine SARS-CoV-2-Infektion bei Menschen mit Vorerkrankungen direkt zum Tode geführt hat. Wie tödlich Corona wirklich ist, lässt sich demnach mit den RKI-Zahlen nicht vollständig belegen.

    Wahre Todesursache durch klinische Obduktionen

    Im Interview mit BR24 für ein neues "Possoch klärt" erläutert Prof. Dr. Gustavo Baretton, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, dass man mit Hilfe einer klinischen Obduktion mittlerweile verlässlich herausfinden kann, ob ein Patient mit Covid-19 als Grundleiden verstorben ist. Dabei sei die Kombination aus positiven Corona-Test und charakteristischen Befunden, wie Veränderungen an der Lunge oder an den kleinen Blutgefäßen, aufklärend.

    "Natürlich können sie jetzt einen Patienten haben, der ein schwer fortgeschrittenes Krebsleiden hat und der dann am Schluss noch Corona positiv ist. Bei solchen Fällen finden wir aber nicht solche charakteristischen Veränderungen." Prof. Dr. Baretton, Uniklinikum Dresden

    Keine klare Regelung der Bundesregierung

    Doch Stand heute ist eine Obduktion in Deutschland aufgrund der Zustimmungsregelung nicht bei jedem Corona-Verstorbenen möglich. Dafür braucht es das Einverständnis der Angehörigen. Die Bundesregierung hat sich bisher noch nicht entschieden, ob jeder Todesfall mit Verdacht auf Corona obduziert werden muss

    "Es gibt durchaus auch Meinungen in der Bundesärztekammer, dass so etwas anzustreben wäre, aber bisher ist das politisch nicht umgesetzt." Prof. Dr. Baretton, Uniklinikum Dresden

    Eine Ausnahme macht hierbei allerdings die Stadt Hamburg. Seit Beginn der Pandemie wurde dort von den Gesundheitsämtern im Rahmen der Hygienevorschriften angeordnet, bei jedem Covid-19-Verdacht eine Obduktion durchzuführen, und das anfangs sogar gegen Empfehlung des RKI. Deshalb werden in den Corona-Statistiken der Hansestadt nur Personen aufgeführt, die an Corona verstorben sind.

    Ein Großteil stirbt "an" Corona - nicht "mit"

    Das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nimmt dagegen "mit" und "an" Covid-19 Verstorbene in die Statistik auf. Allerdings wird vom LGL darauf hingewiesen, dass in Bayern bei etwa 97% Prozent der Corona-Fälle Informationen zu der Todesursache vorhanden sind. Dabei stellt sich heraus, dass 88 Prozent an Covid-19 und 12 Prozent an einer anderen Todesursache verstorben sind.

    Dieses klare Verhältnis bestätigen auch wissenschaftliche Untersuchungen dreier deutscher Pathologieverbände Ende September 2020. Hierbei wurden insgesamt 154 Corona-positive Personen im Durchschnittsalter von 70 Jahren obduziert. Das Ergebnis: Bei 82 Prozent der Obduzierten konnte Covid-19 als alleinige Todesursache festgestellt werden. Begleiterkrankungen spielten laut den Pathologen eine untergeordnete Rolle.

    Corona-Einfluss auf Übersterblichkeit in Deutschland

    Ob an oder mit Corona gestorben, die Covid-19-Todeszahlen steigen in Deutschland an. Doch wirkt sich das auch auf die gesamten Todeszahlen in Deutschland aus? Gibt es am Ende eine höhere Übersterblichkeit als in den letzten Jahren?

    Hierfür hat das Statistische Bundesamt die bisherigen Corona-Todeszahlen den gesamten Sterbezahlen Deutschlands bis zum 8. November 2020 gegenübergestellt. Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass im Frühjahr eine deutliche Erhöhung der Sterbefallzahlen im Vergleich zu den Vorjahren festgestellt wurde. Allein im April lag der Wert um 10 Prozent höher. Und auch ab der zweiten Oktoberhälfte ist ein erneuter Anstieg zu erkennen. In Kalenderwoche 45 zuletzt um 5 Prozent.

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    Statistisches Bundesamt: Wöchentliche Sterbefallzahlen in Deutschland

    Blickt man auf die Sommermonate, zeigt sich allerdings, dass in diesem Jahr nicht ausschließlich Corona die hohen Sterbezahlen beeinflusst hat. Hier vermutet das Statistische Bundesamt die Hitzewelle 2020 als Ursache für die erhöhten Todeszahlen.

    Keine ausgeprägte Übersterblichkeit in Deutschland 2020

    Die Daten des Statistischen Bundesamtes sind allerdings mit Vorsicht zu sehen. Denn erstens werden sich die Sterbezahlen nach eigenen Aussagen durch Nachmeldungen insgesamt noch leicht erhöhen. Zweitens erhalten die Statistiker die Gesamtzahlen der Verstorbenen immer erst mit einem Verzug von vier Wochen. Eine allgemein gültige Aussage für 2020 ist demnach noch nicht möglich. Und zuletzt bezieht sich das Statistische Bundesamt bei den Covid-19-Todesfällen auf die Zahlen des Robert Koch-Instituts. Diese repräsentieren, wie zuvor aufgezeigt, jedoch nicht die ursächlich an Covid-19 verstorbenen Personen.

    Prof. Dr. Göran Kauermann, Statistiker an der LMU München, stellt in einem Interview mit BR Wissen sogar "keine ausgeprägte Übersterblichkeit" durch Covid-19 fest. Dies hat der Wissenschaftler mit Hilfe eines mathematischen Modells, das die Sterbezahlen bis zum Ende des Jahres berechnet hat, herausgefunden. Auf das Jahr betrachtet zeige sich bei der Altersgruppe ab 80 Jahren eine leicht erhöhte Übersterblichkeit, so Prof. Dr. Göran Kauermann. In der Alterskategorie 60 bis 79 sei aber keine Übersterblichkeit und bei den 35- bis 59-Jährigen sogar eine Untersterblichkeit zu beobachten. Das könne man mit den Auswirkungen des Lockdowns und den damit verbundenen geringeren Reiseunfällen erklären.

    Gültigkeit der Maßnahmen nicht an Übersterblichkeit messbar

    Auch wenn das Jahr 2020 bezüglich der Sterbezahlen vermutlich nicht in die deutsche Geschichte eingehen wird, darf die Gefahr des Coronavirus nicht unterschätzt werden. Aufgrund der vielen infizierten Menschen arbeitet das deutsche Gesundheitswesen vor allem jetzt kurz vor Weihnachten am Anschlag. Zudem zeigen die Statistiken zur Übersterblichkeit aus anderen Ländern ganz andere Zahlen.

    "In vielen Ländern sehen wir 30, 40 Prozent mehr Tote als sonst. Und die einzige Erklärung dafür ist: Covid-19. Es gibt kein anderes Vorkommnis, dass diese Übersterblichkeit erklären könnte." Lasse Vestergaard, EuroMOMO

    Lasse Vestergaard, der das Statistik-Projekt EuroMOMO aus Kopenhagen koordiniert, erklärt im Gespräch mit BR Wissen, dass Staaten wie Frankreich, Italien, England oder Spanien eine deutliche Übersterblichkeit im Jahr 2020 aufzeigen. Laut des italienischen Statistik-Amtes ISTAT sind in Italien allein im März fast 50 Prozent mehr Menschen gestorben als in den vergangenen Jahren. In der italienischen Lombardei waren es sogar 190 Prozent mehr Menschen. Vestergaard sieht dabei die unterschiedlich schnelle Umsetzung von Maßnahmen als entscheidend.

    "Ich glaube, der wichtigste Faktor war, wie schnell die Länder mit Maßnahmen und einem Lockdown reagiert haben, bevor sich das Virus so richtig ausbreiten konnte. Manche Länder wie Deutschland, Dänemark oder Norwegen haben das schnell hinbekommen. Während andere Länder Tage oder Wochen gewartet haben." Lasse Vestergaard, EuroMOMO

    Ohne konsequente Maßnahmen gegen Corona, da ist sich die Wissenschaft einig, wäre die Übersterblichkeit auch in Deutschland viel deutlicher sichtbar.

    Wie sich ein harter Lockdown auswirken würde, damit befasst sich das aktuelle "Possoch klärt":

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