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Corona-Risiko: Teil-Lockdown hat die Älteren kaum geschützt | BR24

© dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Die bisherigen Corona-Maßnahmen haben die Infektionszahlen bei den Älteren kaum gesenkt - 88 Prozent der Corona-Toten sind über 70.

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    Corona-Risiko: Teil-Lockdown hat die Älteren kaum geschützt

    Die Zahl der Corona-Todesfälle erreicht täglich neue Höchstwerte. 88 Prozent der bisher Verstorbenen war über 70 Jahre alt. Und die Fallzahlen in diesen Altersgruppen steigen weiter – die Maßnahmen im Teil-Lockdown haben daran nur wenig geändert.

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    Von
    • Claudia Kohler
    • Adrian Dittrich

    Vor einigen Wochen erschreckten immer höher steigende Corona-Fallzahlen - jetzt sind es die Todesfällen, die jeden Tag einen neuen, traurigen Höchstwert erreichen. Wer in so großer Zahl im Zusammenhang mit Corona stirbt, wird immer Dienstag im Situationsbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) deutlich: Die Älteren und Ältesten.

    88 Prozent der Corona-Todesfälle über 70 Jahre alt

    Von den am Dienstag, den 15. Dezember aufgeführten 22.435 Covid-19-Todesfällen mit Angaben zum Alter waren 10.260 in der Altersgruppe 80-90. Betrachtet man die drei Altersgruppen ab 70 zusammen, sind es 19.663 – rund 88 Prozent der gesamten Todesfälle. Zum Vergleich: In der Altersgruppe 20-29 gab es seit Beginn der Pandemie in ganz Deutschland nur insgesamt 27 Covid-19-Tote.

    Bayern ist das Bundesland, dass seit Beginn der Pandemie die meisten Covid-19-Todesfälle verzeichnet hat - auch in den vergangenen Wochen war es nach Sachsen das Bundesland mit den meisten Corona-Toten. Deren Altersverteilung sieht nach Angaben des LAndesmates für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am 18. Dezember so aus:

    © BR

    Von den 5490 Covid-19-Todesfällen in Bayern waren 4830 über 70 Jahre alt.

    Von den 5490 Menschen, die bisher im Freistaat im Zusammenhang mit Corona verstarben, waren 4830 70 Jahre alt oder älter. Unter den 167 Todesfällen, die vom 17. Dezember auf den 18.Dezember neu dazugekommen sind, waren nur 16 Menschen unter dieser Altersgrenze.

    Virologen warnten bereits im September vor Verschiebung des Infektionsgeschehens

    Dabei machen die über 70-Jährigen nicht einmal ein Viertel der Gesamtzahl der Covid-19-Fälle aus – in Deutschland wie in Bayern etwa 13 Prozent. Sie sterben nicht deshalb häufiger, weil sie überproportional oft von Corona betroffen sind, sondern weil bei ihnen schwere Verläufe häufiger sind. Dass die Älteren zu den Corona-Risikogruppen gehören, ist seit Beginn der Pandemie bekannt.

    Dennoch ist allem Anschein nach zu wenig getan worden, um diese zu schützen. Das haben Fachleute bereits im September befürchtet. Damals stiegen die Fallzahlen wieder an, die Zahl der Intensivpatienten und Corona-Toten jedoch blieb niedrig:

    Das lag daran, dass sich vor allem jüngere Menschen infizierten. Virologen wie etwa Ulrike Protzer von der LMU München und Oliver Keppler von der Ludwig-Maximilians-Universität München warnten aber damals schon, dass sich das Infektionsgeschehen wieder in die älteren Bevölkerungsgruppen hinein verschieben könnte – mit mehr schweren Verläufen und Todesfällen als Folge. Wie an der folgenden Grafik zu sehen ist, ist genau diese Entwicklung in den vergangenen Wochen eingetreten - sie zeigt die in ganz Deutschland gemeldeten Fälle je 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen (7-Tage-Inzidenz) nach Kalenderwochen:

    © BR

    Nach dem Start des Teil-Lockdowns in KW 44 stabilisierten sich die Fallzahlen in den meisten Altersgruppen - nur nicht bei den Ältesten.

    Die 7-Tage-Inzidenz in den höheren Altersgruppen stark an und mit etwas Verzögerung erhöhten sich entsprechend die Todeszahlen, wie in der Grafik weiter oben zu sehen war. Am Verlauf der Inzidenzwerte hier lässt sich vor allem auch gut erkennen: Der seit Anfang November verhängte Teil-Lockdown führte in allen Altersgruppen zumindest zu einer Stabilisierung der Fallzahlen – außer in den drei höchsten Altersgruppen. Hier ist der Anstieg ungebrochen.

    Maßnahmen im Teil-Lockdown waren nicht zielgerichtet

    Laut Göran Kauermann, der als Teil eines Statistik-Forschungsteams an der LMU München die Corona-Daten analysiert, lässt sich aus dieser empirischen Beobachtung schließen: Die im Teil-Lockdown ergriffenen Maßnahmen konnten das Infektionsgeschehen in Deutschland teilweise eindämmen – allerdings nicht bei den Ältesten.

    Jetzt muss man kritisch hinterfragen: Waren die Maßnahmen ausreichend auf das Ziel ausgerichtet, diese besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe zu schützen? - Statistiker Göran Kauermann.

    Er zweifle daran, dass etwa eine nächtliche Ausgangsbeschränkung da einen großen Effekt gehabt habe.

    Auch mit Blick auf die verschärften Maßnahmen stellt sein Team in einem Bericht infrage, „ob die neusten verschärften Einschränkungen, die primär auf die unter 85-Jährigen abzielen, zielführend sein können, um die vulnerable und hochbetagte Bevölkerung zu schützen bzw. wie lange es dauert, bis die Effekte einer generellen Senkung des Infektionsdrucks in dieser Bevölkerungsgruppe sich auswirken.“

    Schutz in Alten- und Pflegeheimen besonders wichtig

    Aufgrund dieser Entwicklung seien laut Kauermann besonders Maßnahmen wie der Schutz in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen wichtig. Diese sind seit Beginn der Pandemie immer wieder zu Infektionsherden geworden. Im Teil-Lockdown durften dennoch weiterhin Besucher empfangen werden, die Bundesländer hatten unterschiedliche Regelungen. Tests für Personal und Bewohner wurden nur als Ziel formuliert. Viele Pflegerinnen und Pfleger berichten von einer durch die Pandemie noch dünneren Personaldecke und Arbeitsbedingungen am Belastungslimit. Bei den mobilen Pflegediensten und in der Tagespflege ist die Lage ähnlich.

    Erst seit Beginn des „harten“ Lockdown am 16. Dezember sind etwa in Bayern Besuche in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen nur mit einem vorher durchgeführten negativen Corona-Schnelltest erlaubt. Das Personal muss sich an zwei verschiedenen Tagen der Woche testen lassen.

    Auch Kontaktbeschränkungen sollen ältere Mitmenschen schützen

    Auch die verschärften Kontaktbeschränkungen haben laut Bund und Ländern dezidiert das Ziel, die Älteren zu schützen. Aber hier sei nach wie vor das Verantwortungsbewusstsein der Menschen der entscheidende Faktor. Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte am 9. Dezember noch einmal dringlich an alle Bürgerinnen und Bürger, diese Regeln ernst zu nehmen: "Wenn wir jetzt zu viele Kontakte vor Weihnachten haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben, das sollten wir nicht tun."

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