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Corona-Pandemie lässt CO2-Ausstoß vorübergehend sinken | BR24

© picture alliance / blickwinkel

Ein aktuelle Studie zeigt: Aufgrund der Corona-Pandemie sank der CO2-Ausstoß durch den Luftverkehr im Frühjahr 2020 deutlich.

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    Corona-Pandemie lässt CO2-Ausstoß vorübergehend sinken

    Weniger Luftverkehr, geschrumpfte Industrie-Produktion, geringerer Energieverbrauch: Laut einer aktuellen Studie ist der weltweite CO2-Ausstoß aufgrund der Corona-Pandemie vorübergehend deutlich gesunken. Gegen den Klimawandel hilft das nur wenig.

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    Weltweit haben eine ganze Reihe von Ländern, auch die großen Industrienationen, strikte Maßnahmen erlassen, um die Ausbreitung des Sars-Cov-2-Erregers zu minimieren. So mussten (oder müssen) durch die eingeführten Corona-Regeln große Teile der Weltbevölkerung zu Hause bleiben. Durch geschlossene Grenzen und eingeschränkte Reisefreiheit verringerte sich der Verkehr und die Konsumgewohnheiten änderten sich.

    Massiver Einbruch der CO2-Emissionen

    Welchen Einfluss all dies auf den Kohlendioxid-Ausstoß in den betroffenen Ländern bislang hatte, darüber berichtet jetzt ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change". Demnach ging der weltweite CO2-Ausstoß zeitweise um etwa ein Sechstel zurück. Die globalen Tageswerte waren Anfang April um schätzungsweise bis zu 17 Prozent niedriger als im Durchschnitt des Jahres 2019. Auch in Deutschland fielen die Werte zu Spitzenzeiten der Corona-Beschränkungen demnach vorübergehend um mehr als ein Viertel.

    "In der ersten Aprilwoche sanken die CO2-Emissionen Deutschlands am dramatischsten - um 26 Prozent - im Straßenverkehr gar um 52 Prozent im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 2019.“ Ko-Autor Felix Creutzig, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), Berlin

    Daten aus 69 Ländern analysiert

    Nach Angaben des Forscherteams um die Klimawissenschaftlerin Corinne Le Quéré von der englischen University of East Anglia konnte der 7. April als Tag mit dem weltweit größten CO2-Rückgang identifiziert werden. An diesem Tag seien schätzungsweise 17 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Benzin und Öl sowie die Zementproduktion erzeugt worden als an einem durchschnittlichen Tag im Jahr 2019. Insgesamt hatte das Team um Le Quéré Daten aus 69 Ländern, 50 US-Staaten und 30 chinesischen Provinzen analysiert, die bis Ende April verfügbar waren. Beteiligt waren Einrichtungen aus sieben Ländern, darunter das Berliner Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC).

    Größter Rückgang bei Verkehr, Energie und Industrie

    Der CO2-Ausstoß durch den Verkehr an Land (beispielsweise PKW, LKW, ÖPNV) sei am 7. April um 36 Prozent niedriger gewesen, der des Luftverkehrs hätte an jenem Dienstag sogar um 60 Prozent niedriger gelegen als im Durchschnitt des Vorjahres. Der Auto-Verkehr, Energie und Industrie führten demnach gemeinsam zu 86 Prozent des gesamten CO2-Rückgangs.

    Fast neun Prozent weniger CO2 zwischen Januar und April

    Auch bei der Betrachtung größerer Zeiträume konnten die Wissenschaftler einen eklatanten Rückgang des CO2-Ausstoßes im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie feststellen. So verringerten sich von Januar bis April 2020 die Emissionen weltweit der Schätzung zufolge um insgesamt etwa 1048 Millionen Tonnen. Besonders stark war der Rückgang in China (minus 242 Millionen Tonnen), den USA (minus 207 Millionen Tonnen) und Europa (minus 123 Millionen Tonnen). Weltweit betrug die Verringerung im Vergleich zu den ersten vier Monaten des Jahres 2019 rund 8,6 Prozent.

    Weiterer Trend unklar

    Ob dieser Trend jedoch anhält, darüber sind sich die Experten uneinig. Es sei unsicher, wie sich die Pandemie und damit auch die Weltwirtschaft entwickeln werde, sagt der Ko-Autor der Studie, Glen Peters vom Cicero-Zentrum für Internationale Klimaforschung in Oslo. Sollten Industrie, Verkehr und andere CO2-Quellen bis Mitte Juni Emissions-Werte von vor der Corona-Krise wieder erreichen, rechnen die Forscher mit einem Rückgang der Jahresemissionen 2020 um etwa vier Prozent. Bleiben Beschränkungen dagegen bis Ende des Jahres bestehen, dürfte die Verringerung etwa sieben Prozent betragen.

    Studie keine Jubelmeldung

    Felix Creutzig vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC warnt denn auch davor, die aktuellen Ergebnisse zu positiv zu deuten:

    „Unsere Studie taugt nicht für Jubelmeldungen. Gleichwohl liefert sie wichtige quantitative Erkenntnisse dazu, wie extreme Maßnahmen auf CO2-Emissionen wirken.“ Felix Creutzig, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), Berlin

    Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, müssten die Emissionen nicht nur einmalig, sondern jedes Jahr um jeweils sechs Prozent sinken.

    Klimaforscher fordern vermehrten Klimaschutz auch nach der Pandemie

    Ins gleiche Horns stößt auch der Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK). Anfang Mai forderte der Wissenschaftler in einem Online-Interview, darauf hinzuwirken, die CO2-Emissionen auch jenseits der Corona-Pandemie noch stärker und dauerhaft zu reduzieren.

    „Es könnte sein, dass der weltweite CO2-Ausstoß deutlich sinkt (…). Aber genau das müsste jedes Jahr passieren. 2021 müsste der Ausstoß gegenüber diesem Jahr erneut um acht Prozent sinken, und das immer wieder und wieder. Nur dann bekommen wir, ganz platt gesagt, die Klimarettung hin und halten das Pariser Abkommen ein. Der Corona-Lockdown zeigt uns, wie groß die Aufgabe eigentlich ist, vor der wir stehen.“ Mojib Latif, Klimaforscher am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK)

    Nach Ansicht der Experten sind die wirtschaftspolitischen Entscheidungen für die Zeit nach der Corona-Pandemie entscheidend für die Entwicklung des weltweiten CO2-Ausstoßes.

    „Die staatlichen Anschubhilfen werden den Pfad der globalen CO2-Emissionen wahrscheinlich für Jahrzehnte prägen.“ Felix Creutzig, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), Berlin

    Werde der Klimaschutz nach der Pandemie dagegen aufgeweicht, seien sogar höhere Emissionen als ohne Corona wahrscheinlich.

    Konzept für klimafreundliche Konjunkturhilfen

    Ein entsprechendes Konzept, wie Corona-Konjunkturhilfen gezielt am Umweltschutz ausgerichtet werden könnten, hat das Umweltbundesamt (UBA) heute (20.5.2020) vorgelegt.

    „Der Neustart (nach der Corona-Krise) ist nur zukunftsfähig, wenn wir die Finanzhilfen auch zum Umbau zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Gesellschaft nutzen. Falls wir in überholte Technologien und Strukturen investieren, verschärft dies die Umweltkrise, behindert Innovation, mindert unsere Wettbewerbsfähigkeit und lässt die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens in weite Ferne rücken." Dirk Messner, Präsident Umweltbundesamt

    Weniger CO2-Ausstoß bedeutet nicht bessere Luftqualität

    Dass die aktuellen Ergebnisse der Wissenschaftler um Le Quéré im Übrigen nicht zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass sich die Luftqualität verbessert, zeigt eine Studie, die der Wissenschaftsverband Deutsches Klimakonsortium (DKK) vergangene Woche veröffentlichte. Demnach steigen die CO2-Konzentration in der Atmosphäre (trotz sinkender Treibhausgas-Emissionen durch den Corona-Shutdown) weiter – möglicherweise nur etwas langsamer. Das zeigten Messwerte des Umweltbundesamts.

    Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) ist der weltweite CO2-Ausstoß in diesem Jahr so stark gesunken wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Trotzdem, so die DKK-Experten, seien die Emissionen immer noch so groß, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre auf neue Rekordwerte angestiegen sei.

    „Die kurze Pause aufgrund des Shutdowns reicht bei weitem nicht, um die Klimaentwicklung auf einen Pfad zu lenken, der dem Klimaziel von Paris entspricht. Notwendig ist, die Emissionen in den kommenden Jahren konstant in dieser Größenordnung zu senken – ohne dabei die Wirtschaft lahmzulegen.“ Mojib Latif, Klimaforscher am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK)