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Niedrige Sterbe-Rate: Beweis für Harmlosigkeit von Corona? | BR24

© picture alliance/ZUMA Press

Ein Friedhofsmitarbeiter bereitet in Neu-Delhi, Indien, frische Markierungen für die Gräber von Covid-19-Toten vor.

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    Niedrige Sterbe-Rate: Beweis für Harmlosigkeit von Corona?

    Corona-Relativierer verweisen gerade häufig auf das Ausland - vor allem auf Länder, in denen die Zahl der Infizierten zunimmt, der Anteil der Toten jedoch nicht. Doch sind niedrige Todesraten wirklich ein Grund zur Entwarnung? Ein #Faktenfuchs.

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    Corona-Verharmloser behaupten, die Angst vor Corona sei übertrieben. Oft ist von einem "Hype" die Rede, oder von einem "Hoax", also einer angeblichen Falschmeldung. Die neueste Erzählung der Kritiker: Selbst in den Ländern, in denen die Infektionszahlen steigen, sei zu beobachten, dass die Sterberate niedrig bleibt oder gar sinkt. Und wenn selbst dort wenige Menschen sterben, wo viele infiziert sind, könne Corona ja nicht besonders gefährlich sein. Warum das ein Schein-Argument ist, erklärt der #Faktenfuchs.

    Der US-amerikanische Präsident Donald Trump sagte kürzlich in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag der USA, die Infektionszahlen in den USA seien zwar hoch – 99 Prozent der Fälle aber "total ungefährlich". Auf Twitter legte er noch einmal nach: Die Todeszahlen seien "niedrig und stabil". Der deutschsprachige Verschwörungsideologe Oliver Janich teilte im Messaging-Dienst Telegram einen Post, in dem es heißt: "Auch in Indien fliegt derzeit der Corona Hoax auf" – dort kämen auf eine Million Menschen nur elf Corona-Tote.

    Was sagen die Zahlen?

    Die offiziellen Statistiken der beiden Länder bestätigen tatsächlich entweder niedrige oder sinkende Sterberaten. Ist das also ein Grund zur Entwarnung oder gar ein Beweis, dass die Maßnahmen übertrieben waren? Nicht unbedingt.

    In den USA etwa stieg die Anzahl der täglichen Neuinfektionen im Juni stark – die Zahl der Toten jedoch blieb gleich und sank schließlich sogar, wie diese Grafiken der New York Times zeigen. Während die Zahl der täglichen Neuinfektionen auch in der ersten Juli-Woche noch im Durchschnitt bei über 51.000 Neuinfektionen pro Tag lag, starben zuletzt durchschnittlich nur noch knapp 500 Infizierte am Tag.

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    Die roten Balken zeigen die Zahl der täglichen Neuinfektionen in den USA im Verlauf der letzten Monate; die rote Linie den 7-Tages-Durchschnitt.

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    Die grauen Balken zeigen die Zahl der täglichen Verstorbenen in den USA im Verlauf der letzten Monate; die Linie den 7-Tages-Durchschnitt.

    Der sogenannte Fall-Verstorbenen-Anteil – also der Anteil der bestätigten Covid-19-Fälle, die versterben – liegt laut den Daten der Johns Hopkins University am 6. Juli bei 4,6 Prozent. Die Mortalität – also der Anteil der "an" oder "mit" Covid-19 Verstorbenen am Anteil der Gesamtbevölkerung – bei 39,64 Toten pro 100.000 Einwohner. (Achtung: Daten werden täglich aktualisiert.)

    In Indien ist die offizielle Mortalität derzeit sogar noch sehr viel niedriger. Laut der Johns Hopkins University liegt sie bei 1,42 pro 100.000 Einwohner. Das ist nur unwesentlich mehr als die von Janich zitierten elf Todesfälle pro 1.000.000 Einwohner. Auch der Fall-Verstorbenen-Anteil liegt in Indien derzeit bei nur knapp drei Prozent (Quelle: Johns Hopkins University). Im Vergleich zu Ländern wie Belgien (15,8 Prozent) oder Frankreich (14,7 Prozent) ist das nicht viel.

    Warum die Statistiken nicht unbedingt aussagekräftig sind

    Aber: Die offiziellen Statistiken bilden nicht unbedingt die tatsächliche Lage ab. Die Johns Hopkins Universität weist auf ihrer Webseite auf verschiedene Faktoren hin, die die Sterberaten beeinflussen können.

    Unterschiede in den Testzahlen: Wo besonders viel getestet wird, werden auch mehr asymptomatische Fälle oder solche mit leichtem Verlauf erkannt. Deshalb sinkt der Fall-Verstorbenen-Anteil, je mehr Menschen getestet werden.

    Demographie: Wer hat sich mit dem Virus infiziert? Sind das vor allem Alte, steigt auch der Anteil der tödlichen Verläufe.

    Die gesundheitliche Versorgungssituation: Wo Menschen später Hilfe erhalten, weniger Medikamente und Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen, steigt die Zahl der Toten.

    Sowohl in Indien als auch den USA dürften einige dieser Faktoren eine Rolle spielen: Der Epidemiologe Jayaprakash Muliyil, der die indische Regierung in der Covid-19-Krise berät, nennt im Interview mit dem renommierten Fachmagazin "Nature" zwei Faktoren, die die niedrige Corona-Sterblichkeit in Indien erklären könnten:

    Zum einen ist die indische Bevölkerung sehr jung, 50 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 28. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Wert bei knapp 46 Jahren. In den USA bei 38. In Indien ist daher zu erwarten, dass der Anteil der Verstorbenen an den Infizierten eher gering ist. (Quelle: UN)

    Was Muliyil auch anführt: In Indien wird vergleichsweise wenig getestet, auch die Registrierung der Covid-19-Toten funktioniert nur unzureichend. Somit ist davon auszugehen, dass sowohl die Infizierten-Zahlen als die der Verstorbenen nicht stimmen. Gerade auf dem Land, wo etwa 66 Prozent der Inder leben, gebe es "keine wirklichen Mechanismen, um die Todesursache festzustellen". Es ist also denkbar, dass viel mehr Inder an Corona sterben als bekannt, weil das Virus bei ihnen nie diagnostiziert wurde.

    Was hinter der sinkenden Sterberate in den USA steckt

    In den USA vermuten Forscher laut einem ausführlichen Bericht der New York Times folgende Faktoren hinter den sinkenden Sterberaten:

    Die Infektionszahlen steigen seit Mitte Juni wieder an. Von der Zeit, wenn erste Symptome auftreten, bis zu einem möglichen Tod vergehen aber laut der amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC) etwa zwei Wochen. Danach dauert es noch einmal ungefähr eine Woche, bis der Tod gemeldet wird und in die Statistiken eingeht. Sollten die Totenzahlen seit Mitte Juni wieder steigen, würde sich das daher erst jetzt allmählich in den Statistiken niederschlagen. Ob die Zahlen so niedrig bleiben wie sie derzeit sind, bleibt also abzuwarten.

    Es gibt jedoch noch andere Faktoren, die dazu beitragen, dass der Fall-Verstorbenen-Anteil derzeit sinkt – und womöglich auch nicht wieder steigt. So haben die USA ihre Testkapazitäten in den vergangenen Monaten stark ausgebaut. Anfang März wurden in den ganzen USA nur 83 Tests am Tag durchgeführt. Anfang Juli lag diese Zahl bei mehr als 633.000. (Quelle: Covid Tracking Project) Derzeit sind die USA eines der Länder mit den besten Testwerten weltweit. Und wer mehr testet, findet auch mehr Infizierte mit milden oder gar keinen Symptomen. Der Fall-Verstorbenen-Anteil könne auch deshalb sinken, sagt Johns-Hopkins-Epidemiologin Caitlin Rivers.

    Es ist allerdings verkürzt, wie Präsident Trump zu glauben, dass die Zahl der Infektionen in den USA gar nicht steige, sondern durch die vermehrten Tests erst sichtbar werde. Zwar werden so tatsächlich mehr Infektionen sichtbar, andererseits steigt in den USA aber auch der Anteil der Positiv-Getesteten – und zwar schneller als die Anzahl der Tests, wie ein Gesundheitsexperte der Trump-Regierung selbst zugestand.

    Frühere Diagnose, mehr freie Betten, jüngere Infizierte

    Das viele Testen hat aber auch noch andere Positiv-Effekte: Damit einher geht laut der amerikanischen Epidemiologin Saskia Popescu nämlich auch, dass Covid-19 früher erkannt und besser behandelt wird. US-amerikanische Ärzte und Krankenschwestern hätten in den letzten Wochen viel dazugelernt.

    Und auch das US-Gesundheitssystem insgesamt ist inzwischen besser auf die Pandemie eingestellt, die Notaufnahmen sind nicht mehr heillos überfüllt. Lagen Mitte April noch etwa 60.000 Menschen in den USA mit Covid-19 im Krankenhaus, sind es heute nur noch etwa 36.000. Die Folge: Weniger überlastete Ärzte und Pfleger, mehr Medikamente, mehr Beatmungsgeräte und bessere Versorgung gerade für die Schwerkranken, wie Taison Bell von der Viriginia University der New York Times bestätigt.

    Und: In den USA haben sich zuletzt vor allem jüngere Menschen mit dem Virus infiziert. In Arizona, wo sich das Virus gerade rasant ausbreitet, sind etwa die Hälfte aller Infizierten zwischen 20 und 44 Jahren alt. In Texas, das ebenfalls viele Neuinfektionen vermeldet, sind die Hälfte aller Positiv-Getesten jünger als 50 Jahre.

    Wie sieht es in Deutschland aus?

    In Deutschland ist der Anteil der Neu-Verstorbenen an der Gesamtzahl der Neu-Infizierten zuletzt gesunken. Lag er Anfang März (KW 10) noch bei 1,3 Prozent, stieg er in der zweiten Aprilwoche auf einen Wert von 6,8 Prozent. Bis Anfang Juni sank die Rate stark ab, auf 0,9 Prozent. Das geht aus dem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 30. Juni hervor.

    © BR

    Die Grafik zeigt die Anzahl der Verstorbenen als Anteil der Infizierten in Deutschland. Weiß darüber: Das gemittelte Alter der Infizierten.

    Was die Grafik zeigt: Mitte April, als die Infizierten im Mittelwert am ältesten waren (52 Jahre), erreichte auch die Sterberate einen Höhepunkt: Knapp sieben Prozent der Positiv-Getesteten starben. Bedenkt man, wie sich SARS-CoV-2 in Deutschland verbreitet hat, überrascht das kaum:

    Zu Beginn des Ausbruchs haben sich vor allem Skifahrer ("Ischgl-Rückkehrer"), also jüngere Menschen, mit dem Virus infiziert. Danach verlagerten sich die Ausbrüche auf Alten- und Pflegeheime. In den vergangenen Wochen haben sich nun eher wieder jüngere Menschen angesteckt: Gottesdienstbesucher, Großfamilien in prekären Wohnsituationen und Fleischfabrik-Mitarbeiter.

    Doch auch wenn der Fall-Verstorbenen-Anteil gerade sinkt – Grund zum Aufatmen ist das nur bedingt, mahnt Aleksander Szumilas, Pressesprecher des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): "Sollte es in den nächsten Wochen zu einem neuen Infektionsgeschehen zum Beispiel in einem Altenheim kommen, wird der Wert auch wieder steigen."

    Fazit: Dass der Fall-Verstorbenen-Anteil laut der offiziellen Statistiken in einigen Ländern mit hohen Fallzahlen – wie den USA oder Indien – derzeit vergleichsweise niedrig ist, ist korrekt. Ein Beleg für die "Ungefährlichkeit" von Corona ist das jedoch nicht.

    Vielmehr lassen sich die niedrigen Sterberaten erklären: In Indien ist die Bevölkerung verhältnismäßig jung, zudem wird ein Großteil der Infizierten und mit Corona Verstorbenen womöglich gar nicht erfasst.

    In den USA könnte eine Rolle spielen, dass sich zuletzt eher Jüngere angesteckt haben. Seit Mitte Juni steigen die Corona-Fallzahlen dort wieder an – sollten nun auch wieder mehr Menschen sterben, wird sich das erst in den kommenden Wochen in den Statistiken niederschlagen. Doch auch andere Faktoren könnten dazu beitragen, dass der Fall-Verstorbenen-Anteil sinkt: Mehr Tests, bessere Behandlungsmöglichkeiten und ein weniger überbelastetes Gesundheitssystem.

    Auch in Deutschland sinkt der Fall-Verstorbenen-Anteil seit Mitte April – ein Phänomen, das sich vor allem mit dem Altersdurchschnitt der Infizierten erklären lässt.

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