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Corona: Muss unser Alltag wirklich so eingeschränkt werden? | BR24

© NDR/Korinna Henning/Christian Drosten

Immer wieder fragen sich die Menschen, ob das öffentliche Leben in Zeiten von Corona wirklich so drastisch eingeschränkt werden muss. Eine aktuelle Studie aus Großbritannien sagt: Ja! Prof. Christian Drosten analysiert:

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Corona: Muss unser Alltag wirklich so eingeschränkt werden?

Immer wieder fragen sich die Menschen, ob das öffentliche Leben in Zeiten von Corona wirklich so drastisch eingeschränkt werden muss. Eine aktuelle Studie aus Großbritannien sagt: Ja! Es würde sonst hunderttausende Tote geben.

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Die Einschränkungen in unserem Alltag sind enorm: Viele können nicht mehr zur Arbeit, in die Schule oder zur Uni gehen. Dadurch entsteht großer wirtschaftlicher Schaden, und Menschen müssen mit deutlich weniger sozialen Kontakten zurechtkommen. Darum fragen sich viele, ob es nicht zum Beispiel genügen würde, die Risikopatienten in Quarantäne zu schicken und das Leben ansonsten normal weiterlaufen zu lassen. Eine aktuelle Studie des Imperial College in London legt den Schluss nahe, dass das katastrophale Folgen hätte.

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Quarantäne für Risikogruppen und Infizierte allein reicht nicht

Die Studie entwirft ein Szenario, in dem das öffentliche Leben ohne Einschränkungen weiterläuft - also keine Schließung von Schulen, Bars, Geschäften etc. - und nur alle über 70-Jährigen dauerhaft unter Quarantäne gestellt werden, und alle infizierten Menschen und ihre Mitbewohner für 14 Tage. Als Laie könnte man meinen, dass das genügen müsste, um die Ansteckungsrate niedrig zu halten. Nicht so die englische Studie.

Acht mal so viele Zu-Beatmende wie Kapazitäten

Die Studie rechnet hoch, dass 4,4 Prozent der Infizierten ins Krankenhaus müssen und 1,32 Prozent der Infizierten beatmet werden müssten, so Drosten: "Dann könnte man unter diesen Bedingungen erwarten, dass man achtmal so viele Fälle hätte, die man beatmen müsste, als man beatmen kann. Das heißt, man hätte eine italienische Situation." Das hieße dann, dass Ärzte wie in Italien entscheiden müssten, wer Beatmung bekommt und wer dem Risiko ausgesetzt wird zu sterben.

Die Studie selbst nennt als Folge hunderttausende von Toten und eine vielfache Überlastung des Gesundheitssystems.

Auf Deutschland übertragbar

In seinem täglichen Corona-Podcast beim NDR hat der Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité diese Studie analysiert. Er sagt, bei jeder Modellierung - also dem Entwurf eines Szenarios für die Zukunft - müssten die Forscher immer auch Annahmen treffen und Schätzungen vornehmen. Deshalb seien solche Studien immer mit Vorsicht zu genießen. Bei aller Skepsis hält er die Londoner Studie aber für plausibel und für auf Deutschland übertragbar.

Schulschließung allein reicht auch nicht

Die neue englische Studie, auf die der Virologe sich bezieht, spielt als weiteres Szenario durch, dass man die Schulen schließt. Das Ergebnis: Man müsse das fünf Monate durchhalten, um die Fallzahlen niedrig genug zu halten. Wenn man die Schulen nach fünf Monaten wieder öffne, gingen die Infektionszahlen jedoch schnell wieder nach oben und man hätte das Problem nur zeitlich verschoben. Es gäbe dann eine zweite Coronawelle im Winter. Das nutze nur dann etwas, wenn es bis dahin eine Impfung oder ein Medikament gibt, was aber zweifelhaft sei, so Drosten.

On-Off-Strategie für zwei Jahre

Wenn man versuchen wollte, das Virus zum Verschwinden zu bringen, müsste man nach der Studie für 18 Monate Schulen und Universitäten schließen und alle Menschen zu sozialer Distanz bewegen. Nach der Lockerung der Maßnahmen müsse man sie aber möglicherweise bald wieder hochfahren.

Drosten zieht deshalb die Möglichkeit in Betracht, eine On-Off-Strategie der Maßnahmen zu fahren - allerdings für zwei Jahre. Das bedeute, man lockere die Verbote von sozialen Kontakten - wie Schulschließung, Veranstaltungsverbote etc. - immer wieder und fahre sie wieder hoch, wenn die Betten auf den Intensivstationen wieder rar werden.

Impfstoff-Regularien lockern

Da eine On-Off-Strategie eine enorme Belastung für eine Gesellschaft darstelle, schlägt Drosten vor, die Genehmigung eines Impfstoffes - sobald er gefunden ist - zu beschleunigen: "Mein persönlicher Schluss ist wirklich, wenn wir das Ganze schaffen wollen als Gesellschaft, in einer Art, dass wir wirklich nicht eine erhöhte Todesrate akzeptieren wollen in der älteren Bevölkerung, dann müssen wir wahrscheinlich regulative Dinge außer Kraft setzen, was Impfstoffe angeht."

Normalerweise müssen Impfstoffe und Medikamente bis zur Zulassung ein langes Testverfahren durchlaufen, weil sichergestellt werden muss, dass es keine unkalkulierbaren schädlichen Nebenwirkungen gibt.

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