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Kann man sich trotz Corona-Impfung mit dem Virus infizieren? Das ist möglich, die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt aber deutlich.

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    #Faktenfuchs: Corona-Infektion trotz Impfung?

    Immer wieder kommen Fragen zur Immunität durch die Impfung auf. Warum man sich trotz Impfung infizieren kann, wie gut bereits die Erstimpfung wirkt und was die Mutationen für den Impffortschritt bedeuten können, zeigt dieser #Faktenfuchs.

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    Von
    • Max Gilbert

    In diesen Wochen bekommen immer mehr Menschen ein Impfangebot, an manchen Tagen werden über eine Million Dosen hierzulande verimpft. In Social-Media-Beiträgen und Kommentarspalten halten sich zahlreiche Behauptungen rund um den Nutzen der Impfung, die Immunisierung und die Mutanten.

    Dieser #Faktenfuchs fasst Antworten zu diesen häufigen Behauptungen zusammen.

    SARS-CoV-2-Infektion trotz Impfung - wie kann das sein?

    Dass solche Fragen immer wieder gestellt werden, liegt auch an Nachrichten wie der, dass sich Senioren in Altenheimen trotz Impfung mit SARS-CoV-2 infiziert haben.

    Der Vorwurf lautet häufig: Wenn man trotz Impfung Corona bekommen kann, was bringt eine Impfung dann überhaupt?

    Dass eine Impfung nicht zu 100 Prozent schützt, war von Anfang an bekannt - das hatten schon die für die Zulassung relevanten Studien gezeigt. Die Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Impfstoffs etwa lag bei rund 95 Prozent. Dass SARS-CoV-2 komplett verschwinden wird - auch wenn sehr viele Menschen weltweit geimpft sein werden - gilt als unwahrscheinlich. Diese Einschätzung äußerte auch der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, im SWR.

    Kompletter Impfschutz erst nach Zweitimpfung

    Das bedeutet, dass trotz einer vollständigen Impfung noch eine Restwahrscheinlichkeit bleibt, mit der man sich mit SARS-CoV-2 infizieren kann. Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt dazu: "Es kann jedoch auch trotz COVID-19-Impfung zu einer COVID-19-Erkrankung kommen, da die Impfung keinen 100%igen Schutz bietet." Besonders, wenn eine Infektion kurz vor der ersten Impfung oder kurz danach - und somit vor der Ausbildung des Impfschutzes - stattfindet, ist die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, noch relativ hoch.

    Entsprechend ist nach der Erstimpfung der volle Impfschutz noch nicht erreicht. Laut einer israelischen Studie ist das Risiko, sich zu infizieren, zwei bis drei Wochen nach der Erstimpfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff um 46 Prozent geringer. Bei Astrazeneca liegt der Wert nach der Erstimpfung bei etwa 60 Prozent.

    Disclaimer: Viele der in diesem #Faktenfuchs zitierten Studien sind sogenannte Preprints. Die Verwendung solcher Studien ist während Corona üblich, sie unterliegen jedoch einigen Limitationen. Alles Wissenswerte zu Pre-Print-Studien steht in diesem #Faktenfuchs.

    Welche Rolle spielen Geimpfte bei der Weitergabe des Virus?

    Der Impfschutz dämmt laut RKI auch die Weiterverbreitung des Virus signifikant ein. Das zeigen Studien aus Israel und Großbritannien, die belegen, dass die Viruslast von Geimpften bis zu vier Mal geringer ist bzw. dass die Weitergabe des Virus bei Geimpften bis zu knapp 50 Prozent geringer ist.

    Das RKI schlussfolgert daher, dass das Risiko einer Virusübertragung "stark vermindert" sei. Komplett ausgeschlossen sei eine Übertragung jedoch nicht. In ihrem FAQ schätzt die Behörde die Relevanz von Geimpften für das Infektionsgeschehen aber als gering ein: "Aus Public-Health-Sicht erscheint das Risiko einer Virusübertragung durch Impfung in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen."

    Wenn der Erreger bekannt ist, reagiert das Immunsystem besser

    Dass das Virus SARS-CoV-2 den Weg in den menschlichen Organismus findet, kann eine Impfung nicht verhindern. Das PEI sagte dem ZDF, das sei das Hauptziel: "Die Covid-19-Impfungen schützen primär vor der Erkrankung Covid-19, nicht zwingend vor einer Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2".

    Das sagt auch Monika Brunner-Weinzierl, Immunologin an der Universität Magdeburg, im Gespräch mit dem #Faktenfuchs: "Wenn man geimpft ist und sich trotzdem infiziert, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Verlauf ganz milde, vielleicht sogar asymptomatisch verläuft. Und das ist ja, was wir eigentlich erreichen wollen: Dass es keine schweren Covid-19-Fälle mehr gibt."

    Durch eine Impfung kenne das Immunsystem den Erreger bereits. Dieses "Gedächtnis" könne dann bei einer Konfrontation mit dem echten SARS-CoV-2-Virus "viel schneller reagieren, als wenn man den Erreger noch nie gesehen hat". Dadurch könne das Immunsystem schlagkräftig reagieren.

    "Wir haben zwar sehr viele verschiedene Arten, wie man ein Virus abwehren kann im Immunsystem, dennoch muss das alles erstmal in Gang kommen. Bei einer Impfung ist praktisch vorgelegt. Man hat bereits die Immunantwort fertig da, und wenn der Virus kommt, kann es viel schneller reagieren und ihn abfangen, bevor er Schaden angerichtet hat", erklärt Brunner-Weinzierl.

    Risiko von schweren Verläufen sinkt stark

    Dass diese vorbereitete Immunantwort schwere Verläufe effektiv verhindern kann, belegen auch zahlreiche Studienergebnisse. Neben der breit angelegten israelischen Studie, wonach das Risiko eines schweren Verlaufs um rund 90 Prozent verringert ist, bestätigt auch eine Studie aus Schottland die Wirksamkeit der Impfstoffe (untersucht wurden Biontech und Astrazeneca) gegen besonders schwere Verläufe.

    Danach reduzierte sogar bereits die Erstimpfung das Risiko, aufgrund einer Covid-19-Erkrankung ins Krankenhaus zu müssen, um etwa 90 Prozent. Studienergebnisse aus den USA bestätigen diese Zahlen, nach der zweiten Impfung wurde dort eine Verringerung des Hospitalisations-Risikos um 94 Prozent festgestellt.

    Eine Analyse der Public Health England (PHE), der englischen Gesundheitsbehörde, besagt, dass alleine die Impfungen zwischen Dezember und Ende März etwa 10.400 Corona-Tode verhindert hätten.

    Auch Untersuchungen der Corona-Ausbrüche in deutschen Altenheimen zeigen, dass die Verläufe, die es dort bei Infektionen trotz Impfung gegeben hat, in vielen Fällen milde verliefen.

    Welche Rolle spielen die Mutationen?

    Viele Menschen fragen sich, welche Auswirkungen die Virusmutationen auf die Wirkung der Impfstoffe haben. "In anderen Ländern gibt es bereits Mutationen wo die Impfung nix hilft”, oder "Die Mutation setzt das Immunsystem herunter" - solche Kommentare, wie diese Tweets, gibt es im Netz zu Hauf.

    Laut den Daten von GISAID, einer Wissenschaftsinitiative mit Sitz in München, macht die Virus-Variante B.1.1.7, auch bekannt als die "britische Variante", aktuell rund 80 Prozent aller Neuinfektionen weltweit aus. In Deutschland sind demnach momentan über 95 Prozent aller sequenzierten Virusinfektionen auf die Variante B.1.1.7 zurückzuführen.

    Ulrike Protzer, Professorin für Virologie an der Technischen Universität München, betont ebenfalls, dass noch nicht eindeutig geklärt sei, ob B.1.1.7 auch stärker krank mache, als die Ursprungsvariante des Virus.

    Gesichert sei hingegen die Erkenntnis, dass die Variante "sehr, sehr gut auf die Impfung - und zwar auf alle Impfstoffe" anspreche. "Da gibt es von der Impfung her kein Problem", sagt die Virologin im Gespräch mit dem #Faktenfuchs.

    Dass die zugelassenen Impfstoffe gegen die britische B.1.1.7-Variante wirken, belegen mehrere Studien der Universität Oxford. In einer der Studien heißt es: "Wir konnten zeigen, dass die Impfungen gegen die Variante B.1.1.7 genauso effektiv sind." / (“We found vaccination to be as effective against the B.1.1.7 variant as non-B.1.1.7 variants.”)

    Impfungen wirken gegen schwere Verläufe - wohl auch bei Escape-Mutationen

    Beim Thema Impfwirksamkeit ist auch oft von den besorgniserregenden Varianten B.1.351 die Rede, der sogenannten südafrikanischen Variante, und der in Brasilien erstmals identifizierten Variante P.1. Hierbei handelt es sich um sogenannte Escape-Varianten des Virus. "Das heißt, die können einer bestehenden Immunantwort ausweichen und auch einer bestehenden Impfantwort ausweichen", sagt Ulrike Protzer.

    Besonders die Variante B.1.351 könne dies gut. Eine Studie aus Südafrika zeigt, dass der Impfstoff von Astrazeneca bei dieser Variante keinen Schutz vor leichten oder moderaten Verläufen bietet, anders als bei Nicht-B.1.351-Varianten. Die Aussagekraft der Studie gilt aber unter Experten als umstritten, da die Untersuchungsgruppe sehr jung war und die Studie früh abgebrochen wurde. Die Virologin Ulrike Protzer sagt dazu: "Das Auftreten von schweren Infektionen, so sehen zumindest im Moment die Daten aus, können offensichtlich fast alle Impfstoffe trotzdem noch gut verhindern, auch bei der südafrikanischen Variante."

    Anzeichen dafür, dass die Impfungen auch bei Mutationen gegen schwere Verläufe schützen und Todesfälle verhindern, liefern auch Daten aus Brasilien, wo die Variante P.1 dominiert, und aus Kalifornien, wo es ebenfalls eine besorgniserregende Variante gibt.

    Auch Immunologin Brunner-Weinzierl schätzt die Immunantwort auf Mutationen so ein: "Es sind nur milde Verläufe, die dann zu erwarten sind und keine schweren Verläufe. Und deshalb sieht man das immer noch als großen Schutz an."

    Indien: Absolute Zahlen hoch, Inzidenz unter 200

    B.1.617, auch bekannt als die indische Mutante, hat sich mittlerweile in mehr als 44 Ländern ausgebreitet und wird von der WHO als "besorgniserregende Variante" eingestuft. Die Wissenschaftler begründen dies mit Hinweisen auf eine "erhöhte Übertragbarkeit". Bislang haben Experten betont, dass es wenig Daten zur indischen Variante gebe, Drosten nannte sie Ende April in der Medienbewertung "überschätzt".

    Die absoluten Fallzahlen in Indien sind sehr hoch, teilweise gibt es mehr als 400.000 Neuinfektionen pro Tag. Die höchste 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner aber lag Anfang/Mitte Mai bei etwa 190. Um Weihnachten herum war die Inzidenz in Deutschland deutlich höher. In Indien haben etwa zwei Prozent der Bevölkerung einen vollständigen Impfschutz. Drosten verwies Ende April im NDR Podcast "Coronavirus-Update" bei Betrachtung der Situation in Indien auch auf die geringere Versorgungsinfrastruktur und dass vor dem massiven Anstieg der Fallzahlen vielerorts Maßnahmen nicht eingehalten wurden.

    "Die Zahl von Krankenhausbetten pro Einwohner - das steht in einem ganz anderen Verhältnis. Darum kriegen wir Bilder in den Medien, die sehr erschreckend sind. Aber es ist natürlich eine andere Versorgungskapazität dort, viel weniger. Dann haben wir eine Bevölkerung, die sich nur schlecht schützen, nur schlecht zurückziehen kann. Das sind also ganz andere Grundvoraussetzungen", sagte Drosten Ende April im NDR.

    Mutations-Möglichkeiten des Virus sind laut Experten begrenzt

    Dass eine neue Mutation gegen jegliche Immunantworten, die durch die Impfung aufgebaut wurden, ignorieren kann, glaubt Ulrike Protzer nicht:

    "Ich persönlich glaube nicht, dass eine Variante kommt, die jetzt plötzlich alle Impf-Bemühungen zunichte macht. Also erstens haben wir jetzt schon sehr viel weltweit geimpft, haben schon gute Erfahrungen mit den verschiedensten Varianten und die allermeisten Varianten werden durch alle Impfstoffe gut bis wirklich sehr gut kontrolliert. Und dass wir sehen und das ist das, was mich da irgendwo auch ein bisschen positiv stimmt: Das Virus verändert sich immer an den gleichen Stellen. Das heißt, es kann nicht einfach überall variieren und allem ausweichen."

    Welchen Unterschied macht es, genesen oder geimpft zu sein?

    Immer wieder werfen User in Kommentaren die Frage auf, warum sich denn auch bereits Genesene gegen Corona impfen lassen sollen. "Muss ich, soll ich mich impfen lassen, wenn ich genesen bin? Braucht man da eine Impfung?", fragt sich ein Twitter-User.

    Studien aus Großbritannien und Katar zeigen, dass auch die Immunantwort vieler Genesener sehr gut und das Risiko einer Reinfektion damit sehr gering ist.

    Wie lange genau die Immunantwort anhält, ist noch nicht ganz klar, viele Experten gehen von mindestens einem halben Jahr aus. Die Immunologin Monika Brunner-Weinzierl sagt: "Die Studien zeigen, dass nach einer Infektion eine Immunantwort vorliegt, jedenfalls bei den meisten. Und man sieht, dass sie über Monate ansteigen, aber bei manchen eben auch abfallen kann."

    Diese Immunantwort biete einen guten Schutz, aber es sei wie bei der Impfung: "Man braucht eigentlich den Kontakt erneut, um ein solides Gedächtnis vorzulegen, sodass man dann auch wirklich geschützt ist gegen Neuinfektionen." Da man laut Brunner-Weinzierl die Infektion wie die erste Impfung betrachtet, braucht man nach einer Genesung nur eine Impfdosis.

    Mit den Fragen, wann man als genesen gilt, wie lange die Immunität anhält und ob ein leichter oder schwerer Verlauf einen Unterschied bei der Immunität macht, hat sich dieser #Faktenfuchs auseinandergesetzt.

    Israelische Daten unter Realbedingungen bestätigen die Wirksamkeit

    Die bisherigen Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Impfstoffs bestätigt auch eine neue Studie aus Israel, die die breite Bevölkerung untersucht hat und die Auswirkungen der Impfkampagne des verwendeten Biontech/Pfizer-Impfstoffs unter Realbedingungen messen konnte. Untersucht wurden landesweite Gesundheitsdaten ausgewertet. Danach sind vollständig Geimpfte aller Altersgruppen (ab 16 Jahren) zu 95 Prozent vor einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus geschützt. Das Risiko eines schweren oder tödlichen Verlaufs sinkt danach ebenfalls um rund 95 Prozent. Dies gelte auch für Infektionen mit der Variante B.1.1.7. Gleichzeitig zeigt die Studie ebenfalls, dass zwei Dosen notwendig sind, um den Impfschutz auszubilden.

    In Israel sind mittlerweile über 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, die Inzidenz liegt im einstelligen Bereich. Kaum noch jemand stirbt dort wegen Corona in diesen Tagen.

    Am 9. Februar waren rund 25 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Etwa zwei Wochen später wurde in Israel der Lockdown aufgehoben. Und wiederum einen Monat später waren 50 Prozent der Israelis vollständig geimpft und die Zahlen sind weiter gesunken.

    Fazit

    Das Risiko, sich nach einer vollständigen Impfung mit SARS-CoV-2 zu infizieren und an Covid-19 zu erkranken, ist deutlich gemindert, das belegen zahlreiche Studien.

    Nach der Erstimpfung ist der Schutz vor dem Virus bereits vorhanden, aber noch nicht so stark ausgeprägt wie nach der Zweitimpfung. Kommt es trotz Impfung zu einer Erkrankung, ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs deutlich geringer. Anders ist es, wenn die Infektion kurz vor oder kurz nach der Erstimpfung stattfand, dann ist ein Schutz durch die Impfung noch nicht ausgebildet. Dem RKI zufolge ist das Risiko einer Virus-Weitergabe durch Geimpfte stark reduziert.

    Dass die Impfungen vor schweren und tödlichen Verläufen schützen, ist auch bei den Mutationen der Fall, wie viele Studien zeigen. Eine israelische Studie unter Realbedingungen bestätigt die hohe Wirksamkeit der dort durchgeführten Impfungen.

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