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Coronaimpfung: Müssen sich Ärzte und Pflegekräfte impfen lassen? | BR24

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Medizinisches Personal soll zuerst gegen Corona geimpft werden. Doch längst nicht alle wollen die Impfung überhaupt. Das finden Ethiker moralisch verwerflich – und könnte für das Personal sogar zu Problemen mit dem Arbeitgeber führen.

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Coronaimpfung: Müssen sich Ärzte und Pflegekräfte impfen lassen?

Medizinisches Personal soll zuerst gegen Corona geimpft werden. Doch längst nicht alle wollen die Impfung überhaupt. Das finden Ethiker moralisch verwerflich – und könnte für das Personal sogar zu Problemen mit dem Arbeitgeber führen.

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Von
  • Beate Greindl
  • Andreas Neukam

Auch wenn bald ein Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen ist, wird er zunächst nicht für alle reichen. Deswegen legt die Bundesregierung fest, wer zuerst drankommt. Grundsätzlich gilt: Risikopatienten und medizinisches Personal haben Vorrang. Das empfehlen die Ständige Impfkommission, der Deutsche Ethikrat und die Wissenschaftsakademie Leopoldina. Doch einige wollen gar nicht geimpft werden.

Für Pflegekräfte wie Nina Kela ist das nicht nachvollziehbar. Die Intensivschwester hat Corona-Patienten betreut. Nach jedem Dienstschluss verließ sie das Krankenhaus mit einem mulmigen Gefühl: Heute könnte sie sich angesteckt haben und jetzt das Virus nach Hause tragen. Sie hat sich schon für die Corona-Impfung angemeldet, sagt sie dem BR Politikmagazin Kontrovers.

Angst vor der Impfung

Doch manche ihrer Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege sind skeptisch. Sie wollen abwarten. In Online-Chatgruppen schreiben sie: Wenn die Impfung von ihnen verlangt würde, werden sie kündigen.

Isabella Pilbert arbeitet in einer Hausarztpraxis. Auch sie ist zurückhaltend: "Ich finde, man sollte es den Leuten immer selber überlassen, was sie machen, auch wenn ich hier arbeite, es ist trotzdem noch mein Leben und mein Körper."

Mehrheit in Deutschland pro Impfung

Bevor der Impfstoff zugelassen wird, beschreibt das Zulassungsinstitut genau, welche Nebenwirkungen für welche Personen in welchem Ausmaß auftreten können. Daraus ergibt sich bereits bei der Zulassung ein Bild, wer mehr Risiken als Nutzen durch eine Impfung hat.

Unter anderem deswegen wollen sich laut aktuellem ARD-Deutschland Trend auch 71 Prozent der Menschen in Deutschland gegen Corona impfen lassen. Nur eine Minderheit ist dagegen und Teile davon arbeiten in der Pflege, wo der Kontakt zu Menschen oder Infizierten kaum zu vermeiden ist.

Pflege: Moralische Pflicht zum Impfen

Das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit muss vom Gesetzgeber auch in Bezug auf eine Impfpflicht beachtet werden. In Deutschland soll es keine Impfpflicht geben. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schloss sie auch für Ärzte aus, gleichzeitig fordert er von ihnen aber eine Aufgeschlossenheit, sich selbst impfen zu lassen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach gar von einem "Gebot" für Personen, die mit Menschen aus Risikogruppen zusammenarbeiten.

Der Ethikprofessor Nikolaus Knoepffler, Mitglied des Bayerischen Ethikrates, ist der Ansicht: Es gebe eine moralische Pflicht, gegen die impfskeptische Ärzte und Pflegekräfte verstoßen.

"Wenn jemand in einem Pflegeberuf oder Arztberuf steht, verletzt er für mich diese moralische Pflicht in mehrerer Hinsicht. Er verletzt sie vor allem auch in dem Sinn, dass er seiner Vorbildfunktion nicht nachkommt: nämlich anderen Mut zu machen, sich impfen zulassen. Aber gleichzeitig gefährdet er andere. Er müsste eher wissen, wie gebrechlich unser Gesundheitssystem ist." Professor Nikolaus Knoepffler, Bayerischer Ethikrat

Ohne Impfung Kündigung möglich

Auf der einen Seite steht die ethische Verantwortung des medizinischen Personals, auf der anderen Seite könnte es auch arbeitsrechtliche Konsequenzen haben, wenn Ärzte oder Pfleger es ablehnen, sich impfen zu lassen. Der Arbeitsrechtler Richard Giesen von der Ludwig-Maximilians-Universität in München sagt, Arbeitgeber seien verpflichtet, ihre Mitarbeiter so gesund wie möglich zu halten. Dazu gehören auch entsprechende Arbeitsbedingungen.

"Wenn es überhaupt keine Einsatzmöglichkeiten mehr gibt für einen solchen Beschäftigten, der sich nicht hat impfen lassen, dann käme als schlimmste Konsequenz die personenbedingte Kündigung in Betracht." Prof. Richard Giesen, LMU München

Um Covid-19 einzudämmen, halten Experten eine Impfrate von rund 70 Prozent für notwendig. Anreize für eine noch größere Impfbereitschaft zu setzen, etwa mehr Bewegungsfreiheit in Kneipen oder Restaurants, hält Ethiker Knoepffler für falsch: "Etwas, was eine Solidarpflicht ist, sollte nicht unbedingt honoriert werden müssen."

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