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Das müssen Sie über den Corona-Impfstoff von Astrazeneca wissen | BR24

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Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca: Drei Hersteller beliefern Deutschland mit Impfstoff. Doch jetzt herrscht zunehmend Verunsicherung gegenüber dem britisch-schwedischen Hersteller Astrazeneca. Der Verdacht: Es sei ein Impfstoff zweiter Klasse.

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Das müssen Sie über den Corona-Impfstoff von Astrazeneca wissen

Zugelassen ist er, aber viele wollen ihn nicht: den Corona-Impfstoff von Astrazeneca. Nach Meldungen über schwächere Wirksamkeit häufen sich Berichte über mögliche Impfreaktionen. Warum Experten das Vakzin dennoch empfehlen.

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Von
  • Moritz Pompl

Das Image-Problem für Astrazeneca begann spätestens Ende Januar: Die Ständige Impfkommission (Stiko), die in Deutschland mit ihren Empfehlungen maßgeblich den Impfplan bestimmt, sprach sich dafür aus, nur Menschen unter 65 Jahren mit dem Astrazeneca-Impfstoff zu impfen. Für ältere Probanden war das Mittel in der Zulassungsstudie nicht ausreichend erprobt worden. Der Schutz vor Erkrankungen - "das ist ja das Entscheidende" - sei im Augenblick zu schlecht belegt, sagte der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, im Interview mit dem BR.

  • Hintergründe und Informationen zu Thema "Corona-Impfung" finden Sie hier.

Die drei Kritikpunkte an Astrazeneca

Die negativen Schlagzeilen für Astrazeneca reißen seitdem nicht ab, und sie betreffen drei Punkte.

Erstens: Im Gegensatz zu den mRNA-basierten Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna zeigte der Astrazeneca-Impfstoff in der Zulassungsstudie weniger Wirksamkeit. Während diese bei den mRNA-Impfstoffen mit rund 95 Prozent angegeben wird, lag sie bei Astrazeneca nach der ersten Impfung bei rund 76 Prozent, nach der zweiten bei rund 82 Prozent. In anderen Studien lag die Wirkung noch etwas darunter.

Zweitens: Südafrikanische Forscher berichteten zuletzt darüber, dass der Impfstoff kaum gegen die sogenannte "südafrikanische" Variante des Corona-Virus helfe. In einer Studie mit rund 1.000 Geimpften und einer ebenso großen Kontrollgruppe, die ein Placebo bekommen hatte, zeigte der Impfstoff wenig Wirkung gegen leichte oder moderate Verläufe einer Corona-Virus-Infektion.

Drittens: In den letzten Tagen mehren sich Presse-Berichte über Nebenwirkungen nach der Impfung mit Astrazeneca. Im Niedersächsischen Emden etwa waren nach einem Pressebericht 194 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eines Krankenhauses geimpft worden. 30 von ihnen hatten sich daraufhin wegen Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber krankgemeldet.

Astrazeneca wird zum Ladenhüter

Die drei Kritikpunkte haben dazu geführt, dass sich einige nicht mehr mit dem Impfstoff von Astrazeneca gegen Corona impfen lassen wollen. Von den bundesweit über 730.000 ausgelieferten Dosen sind laut Robert Koch-Institut bis zum gestrigen Dienstag nur rund 65.000 verimpft worden.

Aus Impfzentren, etwa im Saarland, wurde berichtet, dass Personen den Impftermin platzen ließen, weil sie nicht mit Astrazeneca geimpft werden wollen. Die Gewerkschaft der Polizei in Bayern sagt, "die ständige Einsatzbereitschaft der Polizei darf durch einen möglicherweise unzuverlässigen Impfstoff auf keinen Fall gefährdet werden". Und der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, zeigte Verständnis dafür, dass sich etwa medizinisches Personal nicht mit dem Impfstoff von Astrazeneca impfen lassen wolle.

Mittel besser als sein Ruf

Politiker und Virologen setzen dagegen weiter auf den Impfstoff und sehen in ihm einen wichtigen Baustein im Kampf gegen die Pandemie. Der Astrazeneca-Impfstoff sei sicher, betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) heute noch mal auf einer Pressekonferenz.

"Wenn ich dran bin, dann lass' ich mich auch mit Astrazeneca impfen. Ich wäre jederzeit bereit dazu, bin aber noch nicht dran." Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Vor allem schwere Verläufe sollten verhindert werden

Auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité meint, das Mittel sei sehr gut und besser als sein Ruf, und vieles sei missverstanden worden. Wie lässt sich diese Einschätzung wissenschaftlich betrachtet mit den drei Kritikpunkten vereinbaren?

Erstens: Ja, es stimmt: Der Astrazeneca-Impfstoff hat in der Zulassungsstudie eine geringere Wirksamkeit gegen eine Corona-Infektion gezeigt als die mRNA-basierten Impfstoffe. Das hieße aber nicht, dass der eine Wirkstoff dann um so und so viel Prozent schlechter sei, sagt die Virologin Sandra Ciesek von der Universität Frankfurt. Denn zum einen seien die Zulassungsstudien etwas unterschiedlich ausgelegt gewesen: Bei den Studien von Biontech/Pfizer und Moderna seien etwa keine "Variants of Concern" mit eingeschlossen gewesen – also besorgniserregende Mutationen, so Ciesek im NDR-Podcast "Coronavirus-Update".

Und außerdem sei der Wirkstoff von Astrazeneca zwar etwas unwirksamer darin, leichte Infektionen zu verhindern. Das Ziel müsse aber sein, schwere Infektionen zu vermeiden. Wenn man trotz der Impfung eine leichte Infektion bekäme, aber keine schwere, wäre das sicher auch zu akzeptieren. Grundsätzlich bedeutet eine geringere Wirksamkeit von etwa 60 Prozent nicht, dass sechs von zehn Geimpften geschützt sind und vier von zehn versterben. Sondern dass der Impfstoff in sechs von zehn Fällen eine Infektion verhindert, aber in den anderen vier Fällen zwar keine leichten, trotzdem aber schwere Verläufe verhindern kann.

Übertragung wird unwahrscheinlicher

Wenn nach einer Impfung noch leichte Infektionen möglich sind, wäre das nicht nur für den Einzelnen eine annehmbare Einschränkung, sondern auch für den Schutz der gesamten Bevölkerung: Neueste Studien aus Israel zeigen, dass Menschen, die sich nach einer Impfung trotzdem mit Corona anstecken, weit weniger Virus in sich tragen. Deshalb wird so auch eine Übertragung unwahrscheinlicher. Und hierbei kann auch der Astrazeneca-Impfstoff helfen.

"Es scheint sich mittlerweile herauszukristallisieren, dass auch die Adenovirus-Impfstoffe (wie Astrazeneca) vor schweren Verläufen schützen. Deshalb muss man jetzt wirklich genau hinschauen. Und eines darf man nicht vergessen: Während Grippevirus-Impfstoffe 20, 50 oder auch mal 60 Prozent Schutzwirkung pro Saison bieten, liegt die Schutzwirkung bei Corona auch bei Adenovirus-Impfstoffen um einiges höher." Christoph Spinner, Infektiologe von der TU München
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Alle Impfstoffe, die in Deutschland zugelassen sind, sind reaktogen, so Prof. Christian Bogdan von der Uni Erlangen. Das heißt, sie lösen eine etwas stärke Immun-Reaktion aus. Zum Teil gibt es zu wenige Erkenntnisse für bestimmte Altersgruppen.

Wirkung auf "südafrikanische" Variante nicht ausreichend erforscht

Zweitens: Astrazeneca wirke nicht gegen die sogenannte südafrikanische Variante. Tatsächlich hat sich in der Studie mit insgesamt rund 2.000 Probanden kaum ein Unterschied gezeigt zwischen der Geimpften- und der Placebo-Gruppe. Doch die Untersuchung sei ziemlich klein, sagt Sandra Ciesek von der Universität Frankfurt. Und: Keiner der Geimpften sei schwer an Covid erkrankt. Es kann also durchaus sein (und bisher spricht alles dafür), dass der Impfstoff von Astrazeneca schwere Verläufe verhindert. Die Entscheidung Südafrikas, das Impfprogramm mit Astrazeneca deshalb einzustellen, halte sie für "recht früh".

Für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna gebe es für die Südafrika-Variante noch gar keine Daten. Insofern ist an dieser Stelle auch noch keine Aussage darüber möglich, ob die mRNA-Impfstoffe wirklich besser sind.

Grundproblem: Diskussionen über Wissenschafts-Häppchen

Ein Grundproblem beim Astrazeneca-Impfstoff sieht Christian Drosten darin, dass der Impfstoff von Astrazeneca ein "halb-akademischer" sei, also an der Universität Oxford entwickelt werde. Deshalb gebe es eine enge wissenschaftliche Begleitung und viele auch kleine Publikationen zum Thema, teils mit Teilergebnissen. Die so in Wissenschafts-Häppchen präsentierten Ergebnisse würden dann gleich in der breiten Medienöffentlichkeit diskutiert.

Bei den anderen Impfstoffen sei das nicht in dem Maße der Fall, weil die Pharma-Firmen die Informationen mehr bündeln. Drosten wünscht sich für Astrazeneca eine engere wissenschaftliche Begleitung in der Bewertung der Daten.

Nebenwirkungen nichts Ungewöhnliches

Drittens: Die Berichte über Nebenwirkungen beim Astrazeneca-Impfstoff haben dazu geführt, dass etwa ein Krankenhaus in Braunschweig die geplanten Impfungen mit dem Präparat verschoben hat.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) sammelt Informationen über Nebenwirkungen und am 18. Februar einen aktuellen Sicherheitsbericht mit einer Bewertung und Einordnung aller Fälle bis einschließlich 14. Februar veröffentlicht. Das Fazit:

Es komme mit dem Impfstoff tatsächlich häufiger zu Impfreaktionen. Doch diese seien "von kurzer Dauer und spiegeln in der Regel die normale Immunantwort des Körpers auf die Impfung wider", so das PEI. Insgesamt seien diese Reaktionen bei jüngeren Geimpften stärker als bei älteren und nach der zweiten Impfdosis weniger häufig.

Für die berichteten Fälle etwa aus Niedersachsen steht schon jetzt fest, dass es sich eher um leichte Nebenwirkungen der Impfung handelt. Schwere Impfreaktionen, etwa in Form eines allergischen Schocks, wurden nicht berichtet.

Impfreaktionen sind normal und erwartbar

Grundsätzlich ist aus den klinischen Prüfungen bekannt, dass der Impfstoff Impfreaktionen auslöse. Damit steht er aber nicht alleine da: Für den Biontech/Pfizer-Impfstoff etwa haben sich vor allem bei oder nach der zweiten Impfung vermehrt Nebenwirkungen gezeigt, wie Fieber, Müdigkeit und Muskelschmerzen. Die Symptome können ein Zeichen dafür sein, dass das Immunsystem angeregt wird und quasi seine Arbeit aufnimmt.

Fazit

Aktuell besteht kein Anlass, sich nicht mit dem Impfstoff von Astrazeneca impfen zu lassen.

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Laut Impfbilanz für Bayern haben seit Beginn der Impfungen im Dezember mehr als 200.800 Senioren über 80 Jahren die erste Dosis und 93.400 auch bereits den zweiten Impfschutz erhalten. Es gibt weiterhin gute Zahlen, so das Ministerium.

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