Symbolbild: Spritze, die mit Covid-19-Impfstoff aufgezogen wird

Was sagen die Daten wirklich über die "Pandemie der Ungeimpften" aus?

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Corona-Impfdurchbrüche: Welche Aussagekraft die Zahlen haben

Corona-Impfdurchbrüche: Welche Aussagekraft die Zahlen haben

Gibt es vermehrt Impfdurchbrüche? Wie effektiv ist die Corona-Impfung? Was hat es mit Hospitalisierungsrate und Inzidenz nach Impfstatus auf sich? Was die Statistik aussagen kann und welche Schwachstellen die Daten haben.

Aktuell wird viel über vermehrte Impfdurchbrüche sowie den steigenden Anteil vollständig geimpfter Corona-Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen berichtet. Auf der anderen Seite sprechen Politiker und Experten von einer "Pandemie der Ungeimpften".

Die Aussagen stützen sich auf unterschiedliche Zahlen. Die meisten davon haben eine gewisse Aussagekraft, müssen aber zumindest im Kontext betrachtet werden: Datenerhebung, Falldefinition, Meldeverzug und Aufschlüsselung spielen eine wichtige Rolle. Ein Überblick.

Wahrscheinliche Impfdurchbrüche und geschätzte Impfeffektivität

Das RKI veröffentlicht einmal wöchentlich Zahlen zu den wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen in Deutschland. Statt einer Inzidenz zeigt diese Auswertung die Anteile der Geimpften, zum Beispiel an den symptomatischen Infizierten, Hospitalisierten und Todesfällen in verschiedenen Altersgruppen.

Der Begriff "Impfdurchbruch" wird oft als Synonym für "Covid-19-Infektion trotz Impfung" verwendet. Allerdings werden vom RKI nur Infektionen vollständig geimpfter Personen als "wahrscheinliche Impfdurchbrüche" bezeichnet, für die auch eine klinische Symptomatik gemeldet wurde – also Infektionen, die eine Erkrankung zur Folge hatten. Im Gegensatz dazu gelten laut RKI asymptomatische Verläufe unter vollständig Geimpften nicht als Impfdurchbrüche.

Vollständig geimpft bedeutet, dass seit dem Abschluss der Impfserie (zwei Impfdosen Biontech, Moderna oder Astrazeneca oder eine Impfdosis Johnson) mindestens 14 Tage vergangen sind. Die folgende Tabelle zeigt einen Überblick der RKI-Ergebnisse aus dem jüngsten Wochenbericht:

Grafik: Überblick wahrscheinliche Impfdurchbrüche

Der hohe Anteil in den vergangenen Kalenderwochen macht zunächst stutzig. Das RKI erklärt aber an verschiedenen Stellen, dass diese Entwicklung zu erwarten sei: Die Impfung schützt zwar zu einem sehr hohen Teil, aber eben nicht zu 100 Prozent. Deshalb kann sie Infektionen bei Geimpften nie ganz verhindern. Wenn immer mehr Menschen innerhalb der Bevölkerung geimpft sind, steigt damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Erkrankten Geimpfte sind.

Auch die Fallzahlen und die Infektionsdynamik spielen eine Rolle: Aktuell breitet sich das Virus wieder stark aus, die Inzidenzen steigen - dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen und sich zu infizieren.

Die folgende Grafik zeigt, wie die Verteilung zwischen geimpften und ungeimpften Hospitalisierten über 60 aussieht, wenn die Zahlen ins Verhältnis dazu gesetzt werden, wie viele geimpfte Über-60-Jährige und wie viele ungeimpfte Über-60-Jährige es in Deutschland gibt. Es wird klar: Ungeimpfte Über-60-Jährige werden um ein vielfaches häufiger hospitalisiert, als Über-60-Jährige, die vollständig geimpft sind.

Grafik: Hospitalisierte Covid-19-Patienten über 60 je 100.000

Das RKI macht anhand einer wissenschaftlich etablierten Screening-Methode Angaben zur Impfeffektivität . Für den Zeitraum der Kalenderwochen 41 bis 44 ergab diese Schätzung unter anderem, dass die Impfung im Alter von 18 bis 59 Jahren zu 88 Prozent vor einer Hospitalisierung schützt, bei den Über-60-Jährigen zu 85 Prozent.

Die Auswertungen zu den wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen haben außer den bereits genannten noch weitere Einschränkungen und müssen laut RKI "mit Vorsicht interpretiert werden". Da die Daten zum Impfstatus der gemeldeten Covid-19-Fälle noch immer nicht 100 Prozent zuverlässig und vollständig erfasst werden, könnte die Zahl der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche unterschätzt und dadurch die Effektivität der Impfstoffe überschätzt werden. Auch ein möglicherweise unterschiedliches Testverhalten bei Geimpften und Ungeimpften könne zu Verzerrungen führen.

Dennoch bleibt laut RKI die Schlussfolgerung: Nur ein geringer Anteil der hospitalisierten, auf Intensivstation betreuten bzw. verstorbenen Covid-19-Fälle sind Impfdurchbrüche. Die Zahlen belegten insgesamt die durch klinische Studien festgestellte, hohe Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe.

7-Tage-Inzidenz der Geimpften und Ungeimpften

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat sich Ende August gezielt auf die vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) einmal wöchentlich veröffentlichten 7-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen nach Impfstatus berufen. Hier werden nicht nur die symptomatischen Covid-19-Fälle betrachtet, sondern alle Fallmeldungen ausgewertet und den Bevölkerungszahlen aus dem Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) gegenübergestellt.

Die folgende Grafik zeigt den aktuellen Stand dieser Kennzahl laut LGL.

Grafik: 7-Tage-Inzidenz nach Impfstatus für Bayern

Berechnet werden die gezeigte Daten nach der folgenden Formel:

Covid-19-Neuinfizierte ohne vollständige Impfung innerhalb von 7 Tagen geteilt durch die Anzahl der Personen ohne vollständige Impfung mal 100.000

Entsprechend findet die Berechnung auch für die Inzidenz bei Geimpften statt. Laut Experten könnte damit eine allgemeine Tendenz bestätigt werden: Geimpfte infizieren sich deutlich weniger häufig als Ungeimpfte.

Dennoch werden die Zahlen durch verschiedene Faktoren verzerrt - unter anderem durch den Meldeverzug und unterschiedliches Testverhalten. Außerdem ist für die Berechnung entscheidend, ob die Zahl der noch nicht vollständig geimpften Personen mit einfließt und wie mit Fällen umgegangen wird, bei denen der Impfstatus einer Person nicht bekannt ist. Das Robert Koch-Institut (RKI) etwa schließt bei seinen deutschlandweiten Berechnungen sowohl unvollständig Geimpfte als auch Fälle, bei denen der Impfstatus nicht bekannt ist, aus. Ausführlich zu den bayerischen Zahlen hier:

Hospitalisierungsinzidenz nach Impfstatus

Die Hospitalisierungsinzidenz nach Impfstatus für Bayern veröffentlicht das LGL wöchentlich, das RKI zeigt in regelmäßigen Abständen eine Auswertung für ganz Deutschland im Covid-19-Wochenbericht. Berechnet wird die Zahl ebenfalls aus den Covid-19-Meldedaten. Die Neuinfektionen, die sowohl Informationen zur Impfung, als auch Informationen zur Hospitalisierung enthalten, werden den Bevölkerungszahlen aus dem Digitalen Impfquotenmonitoring (DIM) gegenübergestellt. Die Formel sieht so aus:

Anzahl der neu hospitalisierten Covid-19-Fälle ohne vollständige Impfung innerhalb von 7 Tagen geteilt durch die Anzahl der Personen ohne vollständige Impfung mal 100.000

Entsprechend findet die Berechnung für die Geimpften statt. Am 17. November lag die Hospitalisierungsinzidenz der Geimpften in Bayern laut LGL bei 2,9, der Ungeimpften bei 14,1. Die Auswertungen des RKI vom 28.10.2021 zeigen die folgenden Grafiken:

Grafiken: Entwicklung der Hospitalisierungsinzidenz nach Impfstatus

RKI-Grafik: Hospitalisierungsinzidenz nach Impfstatus - 18-bis-59-Jährige

Bildrechte: BR, RKI

RKI-Grafik: Hospitalisierungsinzidenz nach Impfstatus - Über-60-Jährige

Bildrechte: BR, RKI

Sowohl die Angaben des LGL als auch die Auswertung des RKI zeigen dieselbe Tendenz: Geimpfte werden seltener mit einer Covid-19-Infektion in Krankenhäuser eingeliefert als Ungeimpfte.

Aber auch dieser Indikator hat einige Schwachstellen: Nicht alle gemeldeten Covid-19-Fälle enthalten Angaben über eine mögliche Aufnahme in ein Krankenhaus UND über den Impfstatus. Die Datengrundlage ist kleiner, als bei anderen Berechnungen und der Meldeverzug noch größer. "Insbesondere die Angaben für die letzten 2 Kalenderwochen sollten bei noch möglichen Nachmeldungen u.a. zum Hospitalisierungs- und auch zum Impfstatus mit Vorsicht betrachtet werden", ist im Wochenbericht des RKI zu lesen.

Auch der Meldeweg ist bei den Hospitalisierungsdaten mit Unsicherheiten behaftet: Auf Anfrage des BR gibt das LGL an, dass die Neuaufnahmen von Covid-19-Fällen von den Kliniken mittels Meldebogen an das zuständige Gesundheitsamt per Fax geschickt werden. Das sei in der entsprechenden Verordnung über die Erweiterung der Meldepflicht so vorgesehen.

Dass die Hospitalisierungsinzidenz zeitlich verzögert ist, wird zudem durch die Berechnungsmethode verstärkt: Sowohl RKI als auch LGL ordnen die Fälle nicht nach dem Datum der Einweisung zu, sondern nach dem Meldedatum. Dadurch kann es zu einer Unterschätzung der aktuellen Werte um bis zu 45 Prozent kommen. Ausführlich dazu hier:

Das RKI kenne diese Schwachstellen der Hospitalisierungsinzidenz nach Impfstatus. Auf die Anfrage des BR antwortete eine Sprecherin des Instituts: "Der Zeitpunkt der Hospitalisierung ist hier unerheblich, weil die Effekte der Impfung dargestellt werden sollen."

Wie bei der Inzidenz der Neuinfektionen kann auch die Hospitalisierungsinzidenz der Geimpften unterschätzt werden, weil begonnene Impfserien nicht berücksichtigt werden. Und wenn, wie bei der Methode des LGL, die Fälle ohne Angaben zum Impfstatus den Ungeimpften zugeschlagen werden, fällt deren Inzidenz zum Teil zu hoch aus. Auch das Hinzuzählen von Patienten, die aufgrund anderer Krankheiten oder Verletzungen eingewiesen wurden und eine symptomlose Covid-19-Infektion aufweisen, führt zu einer Verzerrung der Werte.

Zusammenfassung

Die von RKI und LGL veröffentlichten Zahlen, die die Geimpften den Ungeimpften gegenüberstellen, zeigen alle eine Tendenz: Die in Deutschland verfügbaren Impfungen schützen zu einem hohen Prozentsatz vor einer Covid-19-Infektion. Noch wirksamer sind sie im Schutz vor einem schweren oder tödlichen Verlauf.

Man sollte die einzelnen Kennzahlen aber immer im Zusammenhang betrachten: Die Erhebung und Vollständigkeit der Daten, die Falldefinition, die Berechnung der Werte und andere Faktoren wie der Meldeverzug und die Aufschlüsselung etwa nach Altersgruppen beeinflussen die Aussagekraft.

Über die Daten

Das LGL gibt an, dass die Grundlage seiner Berechnungen die täglichen Covid-19-Fallmeldungen sind. Also die Daten, mit denen zum Beispiel auch der bekannte Verlauf der Neuinfektionen dargestellt wird. Diese können laut LGL in "geimpft" und "ungeimpft" unterteilt werden. Auch die Informationen zur Hospitalisierung fließen in diese Daten ein. Anders als etwa die Angaben zur Altersgruppe werden die Informationen zu Impfstatus und Hospitalisierung auf der Ebene der einzelnen Fallmeldungen weder vom LGL noch vom RKI täglich veröffentlicht. Es gibt lediglich die hier besprochenen wöchentlich zusammengefassten Zahlen.

Auf Anfrage des BR sagt ein Sprecher des LGL, dass man bereits zahlreiche Informationen und Daten für die Öffentlichkeit anbiete und auch kontinuierlich die Möglichkeiten einer Erweiterung der Datenbasis bzw. der wichtigsten Kennzahlen prüfe. Alle Daten, die von den Gesundheitsämtern erfasst und an das LGL gemäß Infektionsschutzgesetz übermittelt werden, würden auch an das Robert Koch-Institut (RKI) weitergegeben. Darunter fielen auch die Angaben zum Impfstatus.

Entsprechend beruhen auch die Auswertungen, die das RKI durchführt und einmal wöchentlich bzw. monatlich veröffentlicht, auf den Corona-Meldedaten, die vom LGL übertragen werden. Das Institut gibt an, dass zwischen Januar und März im Schnitt knapp 50 Prozent der Meldungen Informationen zum Impfstatus enthielten. Zwischen April und August habe sich die Qualität verbessert, es seien bei 72 Prozent der Meldungen Informationen zum Impfstatus vorhanden gewesen. Für die bayerischen Daten gibt das LGL für den gesamten Zeitraum ab Kalenderwoche fünf eine Quote von 67 Prozent an.

Das RKI antwortet auf die Frage, warum die Informationen nicht in den öffentlich zugänglichen Fallmeldungen zu finden sind, folgendermaßen: "Die Daten müssen sorgfältig geprüft und ausgewertet werden. Eine epidemiogische Auswertung einmal die Woche halten wir für ausreichend. Trends zeigen sich nicht in Auswertungen einzelner Tage."

Viele stellen sich angesichts von Impfdurchbrüchen die Frage: Hat die Corona-Impfung überhaupt etwas gebracht?

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